Mieten steigen, bezahlbare Wohnungen fehlen: Wo ist die Lage angespannt?

Die Krawalle in Leipzig haben sich an Protesten gegen zunehmende Wohnungsnot entzündet. In der Stadt wird seit Jahren über stark steigende Mieten und Verdrängung gestritten. Das Problem haben auch andere Städte.

Paar mit Umzugskisten beim Beziehen einer Wohnung (Symbolbild)
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Zertrümmerte Scheiben an Neubauten, elf verletzte Polizisten: Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) hat die Gewaltausbrüche im Leipziger Osten und im Stadtteil Connewitz "aufs Schärfste" verurteilt. Der Politiker sagte am Samstag, die Debatte um bezahlbaren Wohnraum in der Stadt habe einen schweren Rückschlag erhalten. Er sagte: "Man schafft keinen Wohnraum, indem man angreift und Barrikaden anzündet." Ähnlich äußerte sich die Grünen-Bundestagsabgeordnete Monika Lazar, die ihren Wahlkreis in Leipzig hat. Gewalt sei keine Lösung und bringe in der Debatte um bezahlbare Mieten nicht voran, schrieb sie auf Twitter.

Angebotene Wohnungen sind für viele zu teuer

Modernes Wohnquartier im beliebten Stadtteil Plagwitz. Die Mieten für die neuen Wohnungen können sich manche Bewohner des Viertels nicht mehr leisten und müssen bei einem Umzug auf andere Viertel ausweichen.
Modernes Wohnquartier im beliebten Stadtteil Plagwitz. Die Mieten für die neuen Wohnungen können sich manche Bewohner des Viertels nicht mehr leisten und müssen bei einem Umzug auf andere Viertel ausweichen. Bildrechte: imago images / imagebroker / Andreas Vitting

In Leipzig wird in den letzten Jahren zunehmend heftiger darüber gestritten, wie sich das Wohnungsproblem mit steigenden Mieten und der Verdrängung von Mietern lösen lässt. Die Stadt hat in den letzten zehn Jahren 100.000 neue Einwohner dazu gewonnen. In der Zeit sind aber längst nicht so viele neue Wohnungen gebaut worden. Entsprechend sind die Mieten nach oben geschnellt: Wer innerhalb seines Viertels umziehen will, findet in vielen Stadtvierteln nur noch mit viel Mühe eine bezahlbare Wohnung. Neubauten werden auch in Leipzig nicht mehr für unter 10 Euro kalt angeboten. Laut Immobilienportal Immowelt sind die Angebotsmieten über zehn Jahre um 42 Prozent gestiegen.

Wir haben mit dem Diplom-Volkswirt Dr. Reiner Braun vom Forschungsinstitut empirica gesprochen. Das wertet die Mieten für ganz Deutschland aus.

Herr Dr. Braun, schauen wir auf Leipzig, wo es am Wochenende zunächst Proteste gegen Wohnungsnot und dann Krawalle gab. Ist es dort besonders schlimm, was bezahlbaren Wohnraum angeht?

Dr. Reiner Braun, Diplom-Volkswirt beim Forschungsinstitut empirica
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Wenn man sich die Mieten anschaut, dann sind die niedriger als beispielsweise in Dresden und Jena. Aber die Einkommen in Leipzig sind auch niedriger als in vergleichbaren Städten. Eine sehr wichtige Rolle spielt der enorme Zuwachs bei den Einwohnern in den letzten Jahren. Die wollen natürlich irgendwo leben und die haben die Mieten in die Höhe getrieben. Um fünfzig Prozent in den letzten zehn Jahren. Der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier und der reagiert immer auf Veränderungen. Und wenn was plötzlich teurer und knapper wird, dann kommt es zu Diskussionen.

Für viele Menschen ist es dann nicht mehr so einfach, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Also gibt es diesen Streit um Wohnraum, richtig?

Das ist richtig. Und helfen würde dann ein Neubau von Wohnungen. Der wird allerdings immer gleich verteufelt, weil die Mieten dann dort höher sind als Bestandsmieten. Das liegt am Baurecht in Deutschland. Wenn wir allerdings keine neuen Wohnungen bauen, dann ziehen die Menschen, die neu nach Leipzig kommen, in bestehende Wohnungen. Dann werden die modernisiert, vielleicht luxusmodernisiert und dann steigen dort auch die Mieten. Man kann also nicht gegen Neubau protestieren und gleichzeitig niedrigere Mieten fordern. Die Mieten steigen so lange wie es Wohnungsknappheit gibt.

Wie sieht das in anderen Städten aus, in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen?

Spielplatz vor der Kulisse der Dresdner Altstadt mit der Frauenkirche
Spielplatz vor der Kulisse der Dresdner Altstadt mit der Frauenkirche Bildrechte: imago images / Max Stein

Jena und Dresden sind traditionell teurer als Leipzig für Mieter. Aber wir haben dort nicht diese dramatische Preisentwicklung wie in Leipzig. Und was man auch sehen muss: In Jena braucht man zwar nicht so viele Neubauten wie in Leipzig. Die werden dort aber eben auch gebaut. Da werden jedes Jahr etwa so viele Wohnungen gebaut, wie Leute neu in die Stadt kommen. In Dresden geht der Trend auch in diese Richtung. In Leipzig bauen wir aber eben nur halb so viele Wohnungen wie nötig wären.

Beim Thema Mietexplosion hört man immer: Ausländische Investoren beispielsweise aus Israel oder den USA kaufen mit millionenschweren Fonds auf "Teufel komm raus" Wohnungen. Dann steigen die Mieten für die Einwohner. Was ist da dran?

Der Zusammenhang ist da schon deutlich komplexer. Wegen der Niedrigzinsen suchen Anleger aus Deutschland und aus dem Ausland ihr Glück in Wohnungen. Die kaufen die Wohnungen, weil es dort noch eine bessere Rendite gibt als zum Beispiel auf dem Tagesgeldkonto. Damit steigen aber erstmal nur die Kaufpreise für die Wohnungen. Die Mietpreise dagegen können nur steigen, wenn die Menschen keine Alternative haben: Also leerstehende Wohnungen oder neugebaute Wohnungen. Nur wenn Wohnraum knapp wird, können die Mieten steigen. Damit müsste man eigentlich froh sein, wenn Investoren Wohnungen kaufen.

Was heißt das jetzt für andere Städte als Leipzig – wo geht da die Entwicklung hin?

In allen Städten in Deutschland, egal ob West oder Ost, haben sich die Kaufpreise in den letzten Jahren etwa verdoppelt. Wer Geld hat, weiß nicht, wo er es sonst anlegen kann. Den großen Unterschied sieht man dann bei den Mietpreisen: Da haben wir in Jena oder Magdeburg einen Anstieg von 25 oder 30 Prozent. In Leipzig dagegen waren es 50 Prozent und mehr. In Berlin war es ähnlich. Kaufpreise und Mieten steigen gemeinsam, wenn es zu wenig Wohnraum gibt.

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen: Mieten steigen vor allem in mittelgroßen Städten

Eine Auswertung des Onlineportals ImmobilienScout24 für den MDR im letzten Jahr zeigt: Im MDR JUMP-Sendegebiet sind die Mieten vor allem in einer Handvoll größerer Städte und deren Umland stark gestiegen. In Gotha und Dresden gingen die Angebotsmieten zwischen 2013 und 2018 um knapp 17 Prozent nach oben. In Erfurt und Sömmerda stiegen sie im Schnitt um 15 Prozent. Mieter in Magdeburg und Halle/Saale müssen mit einem Anstieg der Angebotsmieten um knapp 14 Prozent rechnen. Eisenach und Weimar gehören mit elf Prozent auch zu den Städten, in denen die Mieten spürbar nach oben gingen. Ein Vergleich von Mieten für eine zehn Jahre alte Modellwohnung mit 75 Quadratmetern für den MDR durch die F+B GmbH (Hamburg) jetzt im Juli 2020 zeigt: Die Mieten in einigen mittelgroßen Städten wie Staßfurt, Sangerhausen, Meißen oder Freiberg haben in den letzten fünf Jahren kräftig zugelegt. Sind aber noch nicht so hoch wie in den großen Metropolen in Mitteldeutschland. Im Vergleich bleibt Wohnen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aber günstig: In großen Städten wie Leipzig, Berlin oder Hamburg haben sich angebotene Mietwohnungen viel stärker verteuert.

Mit Material von dpa.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 07. September 2020 | 19:10 Uhr

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