Wie kriegt man Menschen dazu, sich freiwillig mehr anzustrengen?

Es gibt die 110-Prozentigen und es gibt die Schluffis: Egal ob auf Arbeit oder in der Freizeit – Menschen geben sich ganz unterschiedlich viele Mühe beim Erledigen von Aufgaben. Warum ist das so?

Peter Herzog (AUS) sichert sich Olympiateilnahme 2020 und läuft persönliche Bestzeit von 2:10:57 Stunden beim BMW Berlin Marathon 2019 auf Straße des 17. Juni
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Drei Frauen, ein Mann – und zwischen 27 und 33 Stunden ununterbrochene Anstrengung. Das ist das Ergebnis der diesjährigen Wander-Weltmeisterschaft über den Rennsteig. Nicht weniger als 170 Kilometer hat dieses krasse Quartett Anfang August am Stück und ohne Pause zurückgelegt, von Blankenstein nach Gumpelstadt einmal quer durch Thüringen. Sechs weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer absolvierten immerhin die Extrem-Wanderung über 100 Kilometer. Und für den Rest von uns, für die Normalsterblichen, stellt sich da doch eine Frage: Warum genau haben sie das gemacht? Warum schinden sich Menschen so?

Nun hat sicher jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer eine ganz individuelle Antwort auf solche Fragen. Doch die Wissenschaft hat auch ein paar allgemeingültige Erkenntnisse zu der Frage, warum Menschen freiwillig Anstrengungen auf sich nehmen. Die Rede ist vom sogenannten Anstrengungs-Paradox. Denn eigentlich ist es ja unlogisch, sich so fertig zu machen. Aus, sagen wir mal, Energiespargründen müsste es doch viel sinnvoller sein, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen – also nicht zu wandern, sondern mit Bus, Bahn oder Auto unterwegs zu sein, zum Beispiel.

Selbstgemacht = mehr Wert

Aber so ist es ja nicht, das wissen wir von uns selbst und von den Menschen um uns herum. Aus der Forschung gibt es dafür zwei klassische Erklärungen: Zum einen, sagen die Experten, kann die Anstrengung den Wert einer Sache steigern. Das ist, kann man sich vorstellen, ein bisschen wie mit selbstgebastelten Weihnachtsgeschenken von den Kindern. Die Sachen könnte man ja normalerweise hübscher im Laden kaufen - aber darum geht es ja nicht, sie haben sich Mühe gegeben. Und das zählt für uns. Oder wenn wir uns unsere neue Wohnungseinrichtung in diesem großen schwedischen Möbelhaus kaufen, sie selbst mühevoll aufbauen – und genau deswegen stolz wie Bolle darauf sind. Denn wir haben sie ja aufgebaut, und nicht nur fertig gekauft.

Eine zweite Erklärung ist, dass die Anstrengung selbst als belohnend empfunden wird. Zum Beispiel, wenn man sich beim Joggen so richtig schindet. Oder beim Pumpen in der Muckibude. Das fühlt sich manchmal halt auch einfach richtig gut an! Eine dritte Erklärung haben nun Forscherinnen der Universität Regensburg getestet: Sie gehen davon aus, dass für manche Menschen eine auf den ersten Blick anstrengende Aufgabe gar nicht so anstrengend ist - oder aber, dass ihnen die Anstrengung subjektiv weniger ausmacht. Also dass zum Beispiel die Extrem-Wanderer ihre Tour nicht viel anstrengender empfunden haben als unsereins den Weg zum Briefkasten.

Probanden durften sich Aufgaben aussuchen

Im Fachmagazin „Psychological Research“ berichten Gesine Dreisbach vom Lehrstuhl für Allgemeine und Angewandte Psychologie der Universität Regensburg und Vanessa Jurczyk, ihre ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin von Experimenten zum Thema: Die Forscherinnen ließen in zwei Experimenten ihren je 100 Versuchspersonen die Wahl zwischen einer leichten und einer schwierigen Aufgabe.

Sie konnten sich aussuchen: Bei der leichten Aufgabe mussten sie entscheiden, ob ein bestimmter Buchstabe im Alphabet näher an A oder Z liegt. Der schwierige Job bestand darin, bei bestimmten zweistelligen Zahlen zu sagen, ob es sich um eine Primzahl handelt oder nicht.

Die Versuchspersonen durften frei wählen, welche Aufgabe sie erledigen. Zwischendurch streuten die Forscherinnen jedoch Pflichtaufgaben ein - aus beiden Schweregraden. So konnten sie herausfinden, wie schnell ein Proband jeweils die leichten und schwierigen Anforderungen erfüllte. Mit anderen Worten: So ließ sich die Anstrengung messen, die schwierigen Aufgaben jeweils mit sich brachten.

Später im Experiment durften die Probanden sich dann aussuchen: Wollten sie einen Block schwieriger oder leichter Aufgaben lösen? Für die schwierigen sollten sie 2 Euro bekommen, für die leichten dagegen nur 1 Euro. In weiteren Runden wurden die Summen angepasst. Es zeigte sich, dass Probanden, für die die schwierigen Aufgaben weniger anstrengend waren, eher dazu bereit waren, freiwillig schwierige Aufgaben zu übernehmen.

Wer sich also aus Sicht anderer bei einer Aufgabe so richtig reinhängt, der macht dies aus Sicht der Forscher womöglich auch aus einem einfachen Grund: Die Sache fällt ihm oder ihr einfach leichter als es aussieht!

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 03. Oktober 2021 | 17:40 Uhr

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