Impfgesetz gegen Masern – Werden jetzt mehr Kinder geimpft?

Das Gesetz sorgte für viel Aufregung: Seit März müssen Eltern in Kindergärten und Schulen nachweisen, dass ihre Kinder gegen Masern geimpft sind. Wir haben nachgefragt, welche Folgen die Regelung hatte.

Eine Kinderärztin untersucht einen kleinen Jungen in einer Klinik. Bei den regelmäßigen Früherkennungsuntersuchungen (U1-U9) sprechen Ärzte mit den Eltern auch über empfohlene und anstehende Impfungen.
Eine Kinderärztin untersucht einen kleinen Jungen in einer Klinik. Bei den regelmäßigen Früherkennungsuntersuchungen (U1-U9) sprechen Ärzte mit den Eltern auch über empfohlene und anstehende Impfungen. Bildrechte: imago images / MITO

Mit einem Gesetz will Bundesgesetzminister Jens Spahn (CDU) die "Masern ausrotten". Seit Anfang März 2020 müssen Eltern belegen, dass ihre Kinder gegen die ansteckende Infektionskrankheit geimpft sind oder die Masern schon hatten. Sonst werden die Kinder nicht in den Kindergarten aufgenommen, bei Schülern ohne Impfschutz drohen Bußgelder. Begründet wird die "Impfpflicht" (O-Ton Bundesgesundheitsministerium) mit Impflücken bei Schulanfängern. Kritiker warnten vorab, Zwang könne sogar zu schlechteren Impfquoten führen. Die GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) warnte vor einem enormen Aufwand für die Kontrollen in den Schulen. Eltern klagten bis zum Bundesverfassungsgericht, hatten aber keinen Erfolg. Welche Folgen hatte das Masernschutzgesetz bisher? Wir haben vier Monate nach dem Start nachgefragt.

Ärzte sehen kleinen "positiven Effekt"

Kinderärzte impfen, erinnern an anstehende Termine für den Masernschutz und versuchen mit Argumenten zu überzeugen, wenn Eltern verunsichert sind: Mediziner wie Melanie Ahaus in Leipzig merken vor allen anderen, welche Folgen das Masernschutzgesetz hat. Die Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Sachsen sieht einen positiven Effekt der Regelung. Melanie Ahaus sagte MDR JUMP:  

Wir merken, dass mehr Eltern mit ihren Kindern zum Impfen kommen. Das sind weniger die Impfgegner. Das sind mehr die Eltern, die es vergessen haben und die von den Kitas erinnert wurden.

Kinderärztin hält ein Baby bei einer Untersuchung (Symbolfoto)
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Zu der Leipziger Kinderärztin kommen jetzt aber auch Eltern, die ihre Kinder gegen Masern impfen wollen und auch die Termine im Blick haben: Diese Eltern setzt die Impfpflicht jetzt unter Zeitdruck. Sachsens Impfkommission (SIKO) empfahl bisher, die zweite Spritze gegen Masern bis zum vierten Lebensjahr geben zu lassen. Daran haben sich viele Eltern und Ärzte orientiert. Laut Masernschutzgesetz muss die Auffrischung aber schon bis zum zweiten Lebensjahr gemacht werden.

Der Weimarer Kinderarzt Dirk Rühling sieht bei der Zahl der Masernimpfungen insgesamt keinen großen Unterschied zwischen der Zeit vor dem Start des Gesetzes und danach. Der Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Thüringen sagte MDR JUMP:

Ich habe das Gefühl, dass jetzt Eltern kommen, die sonst nicht gekommen wären. Das sind aber nicht so viele, die kann ich an einer Hand abzählen.

Der Mediziner ist nach eigener Aussage "nicht so glücklich" mit dem Masernschutzgesetz. Zum einen gebe es in Thüringen sowieso eine hohe Bereitschaft, die Kinder gegen Masern und andere gefährliche Krankheiten zu impfen. Einen der Teil der Eltern, die nicht impfen lassen, könne er meist mit Argumenten überzeugen. Bei Masern würden Eltern wegen der Vorgabe jetzt weniger diskutieren, dafür aber bei anderen Krankheiten.

Ich hätte das Masernschutzgesetz weiter ausgedehnt, auf andere Impfungen. Auf Tetanus, Diphterie, Mumps, Masern und Röteln.

Solche Impfvorschriften für gleich mehrere Krankheiten gelten aktuell in Italien und Frankreich.

Konkrete Zahlen fehlen noch

Kind bekommt eine Impfung.
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Der erste Eindruck der Kinderärzte lässt sich bisher nicht mit Zahlen belegen: Für eine erste Bilanz sei es noch zu früh, schreibt das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage von MDR JUMP. Bisher lägen noch keine Daten dazu vor, ob Ärzte mehr gegen Masern impfen als bisher und das dann abrechnen. Diese Zahlen können auch die beiden größten gesetzlichen Krankenkassen Techniker Krankenkasse und die Barmer noch nicht liefern. Die Abrechnungsdaten für das zweite Quartal kommen frühestens im Oktober (Barmer) beziehungsweise Dezember (Techniker). Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen verweist auf die Einschränkungen durch Corona und verschobene Impfungen. Frühestens Mitte August könne man für das zweite Quartal etwas dazu sagen, ob die Impfpflicht auch die Zahl der Impfungen beeinflusst habe.

"Corona hat alles andere überlagert"

Nach der langen und heftigen Debatte um das Masernschutzgesetz hatten sich Kinderärzte, Kindergärten und Schulen schon auf eine etwas ungemütlichere Zeit ab März eingestellt: Sie befürchteten, dass Eltern ihren Ärger über die Pflicht bei ihnen abladen und sich zudem bei den Nachweisen bewusst querstellen. Doch all das blieb komplett aus. In den Kitas habe das Thema gar keine Rolle gespielt, von den Schulen habe die GEW dazu keine belastbaren Rückmeldungen bekommen, sagte der Sprecher der GEW, Ulf Rödde: "Es ist schlicht und ergreifend so, dass das Thema 'Corona' und die damit einhergehenden Schul- und Kitaschließungen (fast) alles andere überlagert hat." Die Leipziger Kinderärztin Melanie Ahaus klingt fast etwas überrascht, wenn sie über die ersten Monate mit dem Masernschutzgesetz spricht:

Wir hatten mit einer massiven Gegenwelle gerechnet, mit vielen Anrufen und Kritik. Aber das Ganze lief erstaunlich ruhig und unaufgeregt und ist erstaunlich sang- und klanglos in der Corona-Welle verschwunden.

Versorgung mit Masern-Impfstoff meist problemlos

Impfstoffe zur Impfung gegen Masern und gegen Windpocken
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In den ersten Wochen des Corona-Lockdowns im Frühling habe seine Praxis einige nicht dringend nötige Impftermine abgesagt, erzählt Kinderarzt Dirk Rühling. Einige Eltern hätten auch sicherheitshalber Kleinkind-Untersuchungen inklusive Masern-Impfungen verschoben. Da waren beide Seiten etwas vorsichtiger. Der nötige Impfstoff sei aber immer in ausreichenden Mengen vorhanden gewesen: Die Lieferketten wurden durch Corona offenbar nicht beeinträchtigt. Dirk Rühling sagte: "Ich hätte gedacht, dass es in den ersten Monaten vielleicht einen Engpass gibt, weil die Nachfrage steigt. Besonders in Regionen in Deutschland, wo die Impfquote bei Masern deutlich niedriger war. Aber das ist nicht passiert." Ähnlich schätzt das Gesundheitsministerium auf Nachfrage von MDR JUMP die Lage ein: Einzig bei der Versorgung mit einem Vierfach-Impfstoff (Masern, Mumps, Röteln und Windpocken) gebe es schon seit einiger Zeit einen Lieferengpass. Kinderärzte könnten aber auf einen Dreifach-Impfstoff (MMR) und einzelne Impfungen gegen Windpocken ausweichen.

"Menschen sehen jetzt direkt die Auswirkungen von Infektionskrankheiten"

Der Deutsche Ethikrat hatte sich vorab gegen eine gesetzliche Impfpflicht ausgesprochen und damit für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Die Einschätzungen des Wissenschaftler-Gremiums haben in Deutschland Gewicht. Knapp vier Monate nach dem Start der Nachweispflicht betont der Humangenetiker und Medizinethiker Wolfram Henn vom Ethikrat im Gespräch mit MDR JUMP noch einmal: "Wir hatten uns dafür ausgesprochen, dass die Masernimpfungen auf Überzeugungsebene funktionieren. So dass vielleicht ein Arzt vom Gesundheitsamt oder die Allgemeinärztin aus dem Ort in die Kitas reingeht und Impfungen in Einvernehmen mit Betreuern und Eltern vornimmt. Ziel war das Gleiche wie das der Gesetzgeber auch hatte – dass mehr Kinder vor Masern geschützt sind als jetzt." Ob die Entscheidung des Gesetzgebers für eine allgemeine Impfpflicht trotz der Bedenken des Deutschen Ethikrates richtig war: Das will der Wissenschaftler nach den ersten Monaten des Gesetzes nicht einschätzen. Die aktuellen Erfahrungen mit dem Corona-Virus könnten aber dazu führen, dass sich mehr Menschen freiwillig auch gegen andere Krankheiten impfen lassen.

Ich habe schon denn Eindruck, dass sich das öffentliche Bewusstsein eher in Richtung der Akzeptanz von Impfungen bewegt. Die Menschen bekommen jetzt die Auswirkungen von Infektionskrankheiten direkt vor Augen geführt.

Wie oft ist eine Masernimpfung nötig?

Ein Arzt hält in der einen Hand einen aufgeschlagenen Impfausweis und in der anderen eine Impfspritze
Bildrechte: imago/Jochen Tack

Seit dem 1. März 2020 gilt: Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr dürfen nur dann von Kindergärten oder Schulen aufgenommen werden, wenn sie die zwei nötigen Impfungen gegen Masern haben. Laut Ständiger Impfkommission (STIKO) sollten Kinder das erste Mal im Alter von elf bis 14 Monaten geimpft werden, das zweite Mal dann zwischen 15 und 23 Monaten. Erst dann ist der Impfschutz vollständig. Das wird mit dem gelben Impfausweis nachgewiesen. Alternativ können Eltern mit einem Attest vom Arzt auch belegen, dass ihr Kind die Masern schon hatte und deshalb lebenslang immun ist. Eine Übergangsfrist bis Ende Juli 2021 gilt im Masernschutzgesetz für alle Kinder, die schon jetzt in Kindergärten betreut werden. Kinderärztin Melanie Ahaus sagte dazu:

Ich finde es okay, dass man den Zeitraum bis nächstes Jahr streckt. Viele Impfungen sind in den ersten Lebensjahren fällig, da haben aber Kinder erfahrungsgemäß viele Infekte. Das ist also in Ordnung, wenn man da Eltern etwas mehr Zeit haben.

Die Übergangsfrist gilt auch für Kinder und Jugendliche in der Schule. Weisen Eltern den Impfschutz dann nicht bis Ende Juli 2021 nach, müssen sie mit Bußgeldern bis 2.500 Euro rechnen.

Mit Material von dpa.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 24. Juni 2020 | 12:45 Uhr

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