Warum auch Nichtraucher Lungenkrebs bekommen können

Sie haben nie geraucht – und trotzdem ereilt immer wieder Menschen die schwere Diagnose: Lungenkrebs. Forschende haben jetzt herausgefunden, wie es dazu kommt – und was sich dagegen tun lässt.

Weltnichtrauchertag
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Man muss es sagen, wie es ist – die Statistiken sind ziemlich brutal. Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 57.000 Menschen an Lungenkrebs. Und mehr als 45.000 Männer und Frauen sterben an der heimtückischen Erkrankung. Besonders fies dabei ist, dass der Krebs häufig erst in einem späten Stadium entdeckt wird – weil er am Anfang kaum Probleme macht. Das führt dann auch dazu, dass die Chance, die Diagnose auch nur um fünf Jahre zu überleben bei Frauen lediglich bei etwa 21 Prozent liegt, bei Männern gar nur bei 15 Prozent.

Auch weltweit ist Lungenkrebs die Krebsart, die mit Abstand die meisten Opfer fordert. Jedes Kind weiß: Der größte Risikofaktor ist – natürlich – das Rauchen. Und dennoch wird geraucht, bei uns in der Region sogar überdurchschnittlich viel: Rund 34 Prozent der Männer in Sachsen-Anhalt qualmen (Thüringen: 32 Prozent, Sachsen: 30) und rund 23 Prozent der Frauen (Thüringen: 21 Prozent, Sachsen: 17).

Gewonnene Lebensjahre

Wer aufhört zu rauchen, verlängert dadurch seine Lebenserwartung um durchschnittlich nicht weniger als zehn Jahre. Der dauerhafte Abschied vom Glimmstängel ist natürlich alles andere als leicht hinzubekommen.

Nun ist das echte Leben ja bekanntermaßen ein bisschen kompliziert. Und in diesem konkreten Fall heißt das: Auch Leute, die nie in ihrem Leben eine Zigarette angerührt haben, können an Lungenkrebs erkranken. Genau genommen passiert das leider gar nicht so selten. Etwa 10 bis 25 Prozent der Fälle treten bei Nichtrauchern auf, so Schätzungen. In diesen Fällen sind Frauen überdurchschnittlich oft betroffen, typischerweise außerdem in einem jüngeren Alter als Lungenkrebs bei Rauchern auftritt.

Durch Umweltfaktoren wie Passivrauchen, Luftverschmutzung, Asbest und anderes lässt sich nur ein kleiner Teil dieser Erkrankungen erklären. Forscher haben jetzt herausgefunden, wie es trotzdem zu diesen Fällen kommt.

Im Fachmagazin „Nature Genetics“ berichtet ein Team um Maria Teresa Landi vom National Cancer Institute in den USA, dass der Lungenkrebs bei Nichtrauchern oft durch Mutationen verursacht wird, die sich auf natürliche Weise entwickelt haben, also durch körpereigene Prozesse. Das heißt: Solche Tumoren sind von äußeren Einflüssen unabhängig. Stattdessen sind unzureichende Erbgut-Reparaturmechanismen in den Körperzellen oder DNA-Kopierfehler verantwortlich, gegen die man sich eigentlich nicht schützen kann.

Drei Kategorien von Mutationen

Den Forschern fiel bei der Auswertung der Gendaten von 232 Nichtrauchern etwas auf, die trotzdem an Lungenkrebs erkrankt waren: Die Mutationen lassen sich in drei verschiedene Kategorien einteilen. „Wir haben festgestellt, dass es verschiedene Subtypen von Lungenkrebs bei Nichtrauchern gibt, die unterschiedliche molekulare Merkmale und Entwicklungsprozesse aufweisen und sich deutlich von typischen Lungentumoren bei Rauchern unterscheiden“, so Forscherin Landi.

Um diese Typen zu benennen, verwendeten die Forscherinnen und Forscher Begriffe aus der klassischen Musik: „Piano“ („leise“), das etwa 50 Prozent der Tumoren bei Nichtrauchern aus macht, „Mezzo-Forte“ („mittellaut“, 30 Prozent) und „Forte“ („laut“, 20 Prozent). Hintergrund der verschiedenen Namen ist, wie wuchtig der Krebs bei seinen Opfern zuschlägt. Bei der „Piano“-Variante, bei der es vergleichsweise wenige Mutationen gibt, liegen zwischen der Entwicklung der ersten entarteten Zellen und der Diagnose meist um die zehn Jahre. Bei den anderen Varianten sind deutlich mehr Stellen im Erbgut betroffen – und die verhängnisvolle Entwicklung läuft viel schneller ab.

Die Idee ist, dass die neuen Erkenntnisse dabei helfen sollen, die gefährlichen Veränderungen schneller als bisher zu entdecken. Denn eine zügige und gezielte Behandlung würde die Prognose deutlich verbessern.  „Für die unterschiedlichen Subtypen, die wir unterscheiden, gibt es möglicherweise unterschiedliche Ansätze zu Vorbeugung und Behandlung“, so Landi.  So könnte der langsam wachsende „Piano“-Typ die Chance bieten, dass Ärztinnen und Ärzte die Vorläuferzellen von Tumoren frühzeitig entdecken und behandeln. Bei den anderen beiden Typen wären dagegen besonders auf sie zugeschnittene Chemotherapien interessant.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 18. September 2021 | 06:15 Uhr

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