Wir werden wieder leben, wo wir uns wohlfühlen

Viele Leute bei uns im Osten haben über die Jahre ihre Heimat verlassen – oft, um der Arbeit hinterherzuziehen. Aber Corona hat die Lage bei vielen Jobs verändert. Wer zu Hause arbeitet, muss schließlich nicht mehr zwingend in eine fremde Stadt ziehen.

Junge Frau, die ihren Laptop auf Schaukel im Garten verwendet
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In den Jahren nach der Wende haben mehr als dreieinhalb Millionen Menschen den Osten verlassen, nur rund zweieinhalb Millionen Menschen haben die umgekehrte Richtung eingeschlagen. Erst im Jahr 2017 wurde der Trend gestoppt. Damals zogen zum ersten Mal mehr Menschen vom Westen in den Osten als anders herum. Der Zuzug verteilt sich allerdings nicht gleich, aber immerhin haben etwa die Hälfte aller Regionen im Osten eine sogenannte positive Wanderungsbilanz.

Aber auch wer nicht der Arbeit hinterhergezogen ist, musste hier bei uns oft Opfer bringen – und zum Beispiel an den Wochenenden lange Strecken pendeln. Das Problem hat sich zum Glück mittlerweile auch abgeschwächt. Aber dennoch gilt: Die spannendsten Möglichkeiten für Job und Ausbildung, aber auch für Kultur oder Shopping bieten noch immer die großen Metropolen, sei es im Westen oder im Osten. Das bedeutet, dass noch immer Menschen die ländlichen Regionen verlassen, um dort hinzuziehen. Die Zahl der Landbevölkerung in Deutschland hat dieses Jahr ein Rekordtief erreicht. Das hat das die Dresdner Niederlassung des ifo Instituts errechnet.

Corona verändert die Lage

Aber spätestens mit Corona hat sich die Lage verändert. Auf einmal wissen wir alle, wie viele Jobs sich genauso gut – oder besser - im Homeoffice machen lassen. Was vorher lange unmöglich war, ist nun auf einmal die Regel. Wer einen guten Internetanschluss hat und einen Schreibtisch, der muss nicht mehr zwingend ins Büro fahren. Er oder sie kann den Job im Zweifel auch von zu Hause aus machen. Und zwar, das zeigt eine Studie der Universität Stanford, teils sogar produktiver - wenn die Bedingungen stimmen.

Natürlich kann keine Krankenschwester im Homeoffice arbeiten, kein Automechaniker oder Installateur. Aber egal, ob man einen Job beim Landratsamt hat, bei der Krankenkasse oder an der Uni – zumindest ein Teil dieser Tätigkeiten lässt sich, wie wir inzwischen wissen, auch zu Hause erledigen. Laut einer Studie des IT-Branchenverbandes Bitkom sind wegen Corona fast die Hälfte aller berufstätigen Deutschen zumindest teilweise im Homeoffice.

Und das bedeutet: Durch Corona haben wir auf einmal eine Chance, die wir vorher so nicht hatten. Wir können wieder arbeiten, von es uns am besten gefällt: in unserer Heimat. Flexibles Arbeiten im Grünen rücke für viele, durch die mit Corona verbundenen Veränderungen der Arbeitsumstände, in greifbare Nähe, sagt etwa der Zukunftsforscher Daniel Dettling vom Institut für Zukunftspolitik.

Niemand muss mehr das soziale Netz kappen

Das hat viele Vorteile. Wir müssen nicht unsere sozialen Netze kappen, können und auf Freunde und Familie direkt in der Nähe verlassen. Wir können auch billiger wohnen. In den Städten wiederum steigen die Immobilienpreise nicht so krass wie in den vergangenen Jahren. Und die Dableiber sorgen – im Idealfall – dafür, dass die ländlichen Regionen weniger veröden. „Es entstehen Cafés, Kneipen, Coworking Spaces, Versammlungs- und Veranstaltungsräume - wo vorher nicht einmal ein Vereinsheim war“, lautet eine Vision des Netzwerks Zukunftsorte in Brandenburg.

Sind mehr Menschen da, lohnt es sich, Kultur- und Freizeitangebote vorzuhalten. Vielleicht gibt es sogar Neugründungen durch Interessierte. Auch öffentliche Leistungen wie Gesundheit, Pflege und Verkehrsinfrastruktur lassen sich besser unterhalten, wenn wieder mehr Menschen auf dem Land leben.

Vielleicht kommt es auf dem Land sogar zu Gründungen von etwas, das wir bisher nur aus den Städten kennen: Coworking Spaces, in denen sich die Vorteile von Homeoffice und Präsenzarbeit kombinieren lassen. Einerseits muss man nicht mehr lange pendeln, andererseits schmort man nicht nur im eigenen Saft und sieht auch mal andere Leute. Teils gibt es so etwas bei uns in der Region schon, wie etwa den Wohnzimmer Coworking Space in Wernigerode. Coworking kann Landflucht verhindern - diese These vertritt jedenfalls Tobias Kremkau, Coworking-Manager aus Berlin, im Podcast „Digitale Provinz“.

Neue Dynamik durch die Pandemie

Leute, die in größeren Städten leben, könnten durch Corona ebenfalls auf eine Idee kommen: Sie könnten den Metropolen den Rücken kehren und sich in ruhigeren – und preiswerteren - Gegenden ansiedeln. Gut, in Wernigerode, um mal bei dem Beispiel zu bleiben, ist natürlich schon lange nichts mehr preiswert. Hier liegen die Kaufpreise längst über denen in Halle oder Magdeburg.

Aber woanders ist die Lage entspannter. Hier ist Platz für die Familie, Platz für die eigenen Wünsche und Vorstellungen. „Offensichtlich hat die Corona-Pandemie das Verlangen nach Landleben wiederbelebt", so Thomas Schroeter, Geschäftsführer des Portals Immobilienscout24. Und Jörg Utecht, Chef des Baufinanzierers interhyp sagt „Zuhausebleiben ist mit Balkon oder Garten schlicht angenehmer als ohne.“

Den Trend zur Immobilie außerhalb der Ballungszentren beobachte man „nicht erst seit gestern“. Es wäre, so Utrecht, „grundlegend falsch“, von einem Corona-Phänomen zu sprechen. „Doch die Entwicklung gewinnt mit der Pandemie neue Dynamik.“ Das Eigenheim in ländlichen Gebieten werde „zur leistbaren und praktikablen Realität“ für diejenigen, die sich in den Städten kein eigenes Zuhause ermöglichen könnten.

Homeoffice ist gekommen, um zu bleiben“, geben sich Zukunftsforscher Dettling und Bernd Hertweck vom Verband der privaten Bausparkassen in einem gemeinsamen Zeitungsbeitrag sicher. „Hybride Arbeitszeitmodelle zwischen Präsenzarbeit und Homeoffice werden vom Minderheiten- zum Mehrheitsphänomen.“ Und nicht wenige von uns werden davon profitieren können.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 16. November 2020 | 19:40 Uhr

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