Rüdiger „Sascha“ Sachse: "Wir können froh sein, dass wir in Deutschland leben!"

Die Kunst und Kulturszene wirkt wie eingefroren. Die Veranstaltungshäuser bleiben leer. Wir haben dem ältesten Varieté Deutschlands, dem Steintor Varieté in Halle an der Saale einen Besuch abgestattet und fanden trotz der schwierigen Lage und den trüben Aussichten dennoch Hoffnung.

Konzertveranstalter Rüdiger Sachse
Bildrechte: MDR JUMP

Mehr als Zuschauen kann Rüdiger „Sascha“ Sachse momentan nicht. Er ist einer der Geschäftsführer des Steintor Varietés und Chef der Konzertagentur Känguruh Production. Eine ruhigere Zeit als diese hat er in seinen 35 Jahren in der Veranstaltungsbranche noch nie erlebt. Mitte März, nach den Shows von Helge Schneider und Mario Basler, ging das Bühnenlicht aus - bis heute.

Wir haben etwa 76% Umsatzverluste in diesem Jahr eingefahren, insgesamt sechs Millionen Euro. Die aktuelle desaströse Situation ist vergleichbar mit der nach dem zweiten Weltkrieg, mit dem Unterschied, dass wir heutzutage eine bestehende und funktionierende Infrastruktur sowie soziale Auffangsysteme haben.

30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat Rüdiger Sachse unter sich, die meisten von ihnen befinden seit Monaten in Kurzarbeit. Mit wöchentlichen Videokonferenzen versucht das Team eine Form von Normalität an den Tag zu legen.

Du musst dich um die Leute kümmern, wir pflegen engen Kontakt zu unseren Beschäftigten, damit sie auch weiterhin zu uns stehen. Wir können froh sein, dass wir in Deutschland leben, auch wenn das einige Menschen nicht wahrhaben wollen.

Konzertveranstalter Rüdiger Sachse
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Anstatt Kultur für seine Gäste erlebbar zu machen, muss Sachse aktuelle Veranstaltungen verlegen, mittlerweile bereits bis ins Jahr 2022. Die Coronakrise hat gezeigt, wie kleinteilig die Kulturbranche ist. Um eine Bühnenproduktion zu stemmen, braucht es viele Gewerke. Nach über einem halben Jahr Stillstand beobachtet Rüdiger Sachse bereits, wie Kolleginnen und Kollegen den Kulturbereich verlassen, um sich neu zu orientieren auf dem Arbeitsmarkt.

Die haben nichts zu tun, die sehen sich in anderen Firmen um, nach Fachleuten wird ja immer geguckt. Die sind untergekommen, machen Altenpfleger, machen Elektriker. Plötzlich haben die mitbekommen, dass man am Wochenende frei haben kann und aktuell Geld verdienen kann. Das wird noch ein drastisches Problem. In der Kultur sind ja immer gut ausgebildete Leute gewesen.

Konzertveranstalter Rüdiger Sachse
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Im August haben in Berlin Tausende für die Rettung der Kulturbranche demonstriert. Auch Rüdiger Sachse war dabei. Er kritisiert, dass seine Branche als drittgrößter Wirtschaftsbereich in Deutschland eine zu kleine Lobby hat. Durch die Kleinteiligkeit in der Kunst- und Kulturlandschaft gäbe es keine einheitlichen Interessen.

Dennoch schöpft der Konzertveranstalter weiter Hoffnung.

Also ich gehe davon aus, dass wir zu Beginn 2021, wenn auch in kleinen Schritten, wieder anfangen, Konzerte zu veranstalten mit 100 bis 500 Gästen. Es ist auch wichtig, Vertrauen in die Leute zu haben, dass sie eine gewisse Selbstdisziplin an den Tag legen. Ich freue mich jetzt schon auf das nächste Stehkonzert in diesem Haus, das werden wir wahrscheinlich in gut einem Jahr haben.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend | 24. November 2020 | 21:20 Uhr

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