Halbes Dutzend Kreißsäle in Mitteldeutschland geschlossen – Versorgung in Gefahr

29.06.2018 | 08:56 Uhr

Hochschwanger vor der Entbindungsstation stehen und abgewiesen werden – das kann in Mitteldeutschland immer öfter geschehen. Der Grund: In den letzten fünf Jahren sind ein halbes Dutzend Entbindungsstationen geschlossen worden.

Für Tobias Möhring aus Zerbst war es ein Schock. Gerade ist seine Frau mit dem gemeinsamen Baby von der Zerbster Geburtsstation entlassen worden, da erfährt er, dass die Abteilung endgültig geschlossen werden soll – bereits Ende des Monats:

Ich war fassungslos über diese Nachricht. Das ist traurig für uns als Familie, weil wir unsere Familienplanung noch nicht abgeschlossen haben. Aber auch für den Raum Zerbst ist das eine Schocknachricht.

Sollte Familie Möhring weitere Kinder bekommen, müssten sie eine zusätzliche Fahrtstrecke von 45 Minuten in Kauf nehmen. Ein Problem, das sämtliche Regionen in Mitteldeutschland haben – weite Wege in die nächste Entbindungsklinik. Das bedeutet auch für Schwangere zusätzlichen Stress, sagt Petra Chluppka vom Hebammenverband Sachsen-Anhalt:

Wir haben viele Anfragen von Frauen, die ganz verzweifelt nach einer Hebamme suchen, teilweise schon in der 7. oder 8. Schwangerschaftswoche. Gerade in den Stoßzeiten im Sommer ist es noch schwieriger, weil dann die Hebammen auch mal Urlaub haben.

Schließung hat Methode

Tobias aus Zerbst mit Tochter
Tobias aus Zerbst mit Tochter Mara Bildrechte: privat

Fakt ist: Die Schließung in Zerbst ist kein Einzelfall. In den letzten Jahren sind rund ein halbes Dutzend Geburtsstationen in Mitteldeutschland geschlossen worden: In Sachsen sind inzwischen drei Geburtsstationen nicht mehr in Betrieb (Stollberg, Diakoniekrankenhaus Chemnitzer Land und Krankenhaus Bischofswerda). In Thüringen ist seit Juni 2016 der Kreißsaal in Schmalkalden dauerhaft geschlossen. Ähnlich ist die Situation in Sachsen-Anhalt: In den letzten fünf Jahren sind zwei Geburtsstationen endgültig geschlossen worden (Weißenfels und Haldensleben). Der Kreißsaal in Bitterfeld musste im letzten Jahr für mehrere Wochen geschlossen werden. Gab es im Jahr 2000 noch 33 Geburtskliniken in Sachsen-Anhalt, waren es 2017 nur noch 24 - ein Rückgang von 27 Prozent. Petra Grimm-Benne, Ministerin für Arbeit, Soziales und Integration des Landes Sachsen-Anhalt im Gespräch mit MDR JUMP:

Wenn in den letzten Jahren Entbindungsstationen geschlossen wurden, war dafür wohl vorwiegend der Personalmangel maßgeblich. Eine Entbindungsstation ist sehr personalintensiv. Die ständige Verfügbarkeit von ärztlichem Personal und Hebammen muss rund um die Uhr gewährleistet sein um den verantwortungsvollen Betrieb dieser Einheit zu garantieren. Wenn das nicht gegeben ist und keine neuen Kräfte gewonnen werden können, blieb oftmals nur die Schließung durch die jeweiligen Krankenhausträger.

Schließungen bedeuten mehr Stress für Schwangere

Für eine gute Geburt sei die individuelle Betreuung durch Hebammen besonders wichtig, sagt Hebamme Chluppka. Deshalb sei es umso dramatischer, dass vor allem die Entbindungsstationen kleiner Krankenhäuser geschlossen werden.

Gerade diese kleinen Kliniken können noch das bieten, was Frauen wünschen. Das man den Namen der Patienten kennt und das man die möglicherweise noch aus dem Ort kennt. Wir müssen schauen, dass die kleinen Kliniken auch weiterhin ihre Daseinsberechtigung haben. Denn die bieten noch das Individuelle, das Intime und das müssen wir erhalten. Schließlich ist eine Geburt die intimste Erlebnis, was es überhaupt gibt bei einer Frau.

Ein Traum wäre es für Hebamme Chluppka, wenn jede Gemeinde ihre eigene Hebamme hätte, ähnlich wie die Feuerwehr, die ja auch in jedem Ort ist.

Zerbst macht mobil gegen Kreißsaal-Schließung

Der Zerbster Tobias Möhring will kämpfen. Er hat eine Onlinepetition gestartet, mit der er die Klinikleitung überzeugen will, die Schließung zu überdenken. Übrigens: Einer der ersten Unterzeichner war der Bürgermeister der Stadt, Andreas Dittmann. Allerdings ist Möhring auch kein Idealist. Er weiß, ganz wird er die Schließung nicht abwenden können. Allerdings will er ein Zeichen: Es würde schon reichen, wenn man nicht von einer dauerhaften Schließung spricht.

Vielleicht ergibt sich ja nochmal die Möglichkeit in Zerbst eine Geburtsstation aufzumachen. Für eine Stadt wie Zerbst ist es ganz wichtig eine Geburtsstation zu haben. Damit gehen ja Perspektiven für die Region verloren.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend - Die Themen des Tages | 29. Juni 2018 | 19:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2018, 08:55 Uhr

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