Distanzlernen und Probleme mit den Plattformen

Homeschooling ist anstrengend – für Eltern und Schüler. Oft liegt das auch an Problemen mit der Digitalisierung der Schulen. Warum stehen wir da eigentlich so schlecht da? Hier einige Antworten.

Ein Junge arbeitet an seinen Aufgaben und hat einen Laptop aufgeklappt.
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Am guten Willen, so viel kann man schon mal sagen, scheitert die Sache nicht unbedingt. "Wir sind alle wild entschlossen" (O-Ton der SPD-Chefin Saskia Esken) hieß es zum Beispiel im vergangenen Herbst nach einem Schulgipfel im Kanzleramt. Digitale Kompetenzzentren in den Ländern hatte man da beschlossen, dazu eine bundesweite Bildungsplattform – und die Ausstattung von Lehrern mit Laptops.

Aber wie ist es mit dem Geld? 500 Millionen Euro wollte der Bund vorstrecken und sich aus dem EU-Corona-Aufbaufonds wiederholen, hieß es beim Schulgipfel. Klingt doch schon mal gut. Und schon zuvor hatten sich Bund und Länder auf einen 5,5 Milliarden Euro schweren Digitalpakt über fünf Jahre geeinigt, die Summe war im Frühjahr dann noch einmal um 500 Millionen Euro aufgestockt worden. Das klingt sogar noch besser.

Andererseits: Die Bertelsmann-Stiftung hatte errechnet, dass die für die Daueraufgabe Digitalisierung an den Schulen jedes Jahr etwa 2,8 Milliarden Euro nötig wären.

Viele Mittel wurden noch nicht abgerufen

Wenn der Staat mit Milliarden bei Konzernen wie der Lufthansa und Tui einsteigt, könnte man für die Bildung also womöglich auch noch etwas mehr in die Hand nehmen. Wobei: Im Fußball gibt es die Fan-Weisheit, dass Geld keine Tore schießt. So ist es wohl auch bei der Digitalisierung der Schulen. Denn viele Mittel aus dem Digitalpakt wurden von den Schulen zunächst gar nicht abgerufen – weil die Antragstellung so kompliziert war. Nach Angaben des Bundesbildungsministeriums waren bis Ende 2020 nur rund zehn Prozent der Mittel angefordert worden, trotz Pandemie und Fernunterricht. „Das Geld liegt auf dem Tisch. Nehmen müssen es die Länder natürlich selber“, sagt Thomas Rachel, Staatssekretär im Bildungsministerium. In Sachsen-Anhalt, zum Beispiel, ist bisher aber rund ein Drittel der zur Verfügung stehenden Summe abgerufen worden.

Dass Deutschlands Schulen in der Digitalisierung weiter vielerorts schlecht dastehen, muss auch andere Gründe haben als nur das Geld allein. Dazu gehört mit Sicherheit, dass die Politik das Thema über Jahre zwar immer wieder in Reden erwähnt, aber nie zur Priorität gemacht hat. So hat sich ein massiver Rückstau gebildet. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung im Herbst hatte zum Beispiel ergeben, dass nur an 40 Prozent der Schulen in allen Räumen WLAN verfügbar ist. Nur die Hälfte der Schulen hatte einen Anschluss an das Breitbandnetz.

Bei uns in der Region liegen die Zahlen teils noch deutlich niedriger. So haben in Sachsen-Anhalt nur rund 100 von 800 Schulen einen leistungsfähigen Glasfaseranschluss.

Es muss nicht einfach nur ein Schalter umgelegt werden

Dass das Problem nicht von heute auf morgen zu lösen ist, versteht sich von selbst. Da muss nicht einfach irgendein Schalter umgelegt werden. Da müssen technische Geräte gekauft und Firmen beauftragt werden, da müssen Kabel verlegt und Netzwerke eingerichtet werden.

Aber womöglich ist auch selbst im Pandemiejahr 2020 schlicht zu wenig vorangegangen. „Es war absehbar, dass die Infektionszahlen wieder steigen. Aber man hat viele Dinge über den Sommer verschlafen“, beklagt etwa der stellvertretende Vorsitzende des sächsischen Landeselternrates, Jörg Menke. Und so haben zwar kleine und große Unternehmen ihre Besprechungen in den vergangenen Monaten auf Videokonferenzen umgestellt – doch Schüler erhalten ihre Aufgaben fürs Lernen zu Hause oft weiter als Aufgabenblatt per E-Mail oder noch besser gleich als Kopiervorlage aus Papier.

Jedes Land scheitert für sich allein

Was die Sache sicher auch nicht besser macht, ist der Föderalismus. Dass jedes Land bei der Bildung weitestgehend sein eigenes Ding macht, wird oft damit begründet, dass die Bedingungen überall anders sind – und dass es so individuelle Lösungen gibt. Tatsächlich bringt das bei der aber Digitalisierung oft Probleme. Denn jedes Land geht dadurch einzeln auf die Suche nach der perfekten Lösung – und scheitert oft. In Sachsen-Anhalt setzt man auf die Lernplattform Moodle, in Sachsen auf Lernsax, in Thüringen auf die Schulcloud.

Bei allen Systemen hat es in den vergangenen Wochen mehr oder weniger gravierende Probleme gegeben. Besonders heiß diskutiert waren zuletzt die Ausfälle bei der sächsischen Plattform Lernsax.

In Coronazeiten hatten viele der Schwierigkeiten nicht nur mit absichtlichen Angriffen von außen, sondern auch mit Kapazitätsproblemen zu tun. Diese lassen sich vielleicht beim jeweiligen Dienstleister nach mehr oder weniger langer Zeit mehr oder weniger gut lösen. Doch das föderale Klein-Klein bleibt. Alle Länder machen ihre eigenen Negativerfahrungen.

Er verstehe bis heute nicht, „warum jedes Land hier das Rad neu erfinden muss. Da hätte es eigentlich einer gemeinsamen Anstrengung bedurft", so der Chef des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Es sei im zweiten Halbjahr 2020 außerdem zu wenig dafür getan worden, die Lernplattformen der Länder aufzurüsten „und das rächt sich jetzt.“ Die Politik habe nicht erkannt, wie wichtig Digitalisierung von Schulen sei, so Meidinger.

Besonders schwierig wird die Lage aus Sicht von Experten auch dadurch, dass sich die Kultusministerien als Softwareentwickler betätigen – obwohl sie von dem Feld nur wenig Ahnung haben. So kämen die Innenministerien wohl nicht auf die Idee, Autos selbst zu entwickeln, um die Polizei mit Fahrzeugen auszustatten. Da kauft man stattdessen bei großen Herstellern am Markt und passt sie wenn nötig an. Bei Software entwickelt man aber oft lieber selbst. Die Ergebnisse sind bekannt.

Digitalverband sieht „Enttäuschung und Entfremdung“

Allerdings sind bundesweite Lösungen nicht zwingend besser. So hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin zwar bei Hasso-Plattner-Institut (HPI) eine Schulcloud in Auftrag gegeben. Doch die wird nur von ein paar Hundert Schulen genutzt.

Wenn wir Bürger jetzt beklagen, dass die Digitalisierung der Schulen nicht genug vorankommt – vielleicht haben wir unseren Politikern auch schlicht zu viel durchgehen lassen, in der Vergangenheit. Vielleicht haben wir uns mit Beteuerungen abspeisen lassen, dass sich da schon etwas tun werde, irgendwann. Vielleicht, schreiben wir es noch einmal, ist diese Geduld aber jetzt auch vorbei.

„Wohl noch nie haben Deutschlands Bildungspolitiker eine ähnlich große Enttäuschung und Entfremdung ausgelöst – bei Schülern, Eltern und Lehrern, aber auch in Wirtschaft und Gesellschaft. Zu wenig ambitioniert und zu altbacken sind ihre Vorschläge, zu erratisch sind ihre Entscheidungen, zu chaotisch ist ihre Kommunikation“, schreibt etwa der IT-Branchenverband Bitkom – und fordert einen „Rechtsanspruch auf digitalen Unterricht für Schüler aller Schulformen“.

Der Weg ist allerdings noch weit. Laut einer Umfrage des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) im Dezember beklagen sich viele Eltern darüber, dass sich die digitalen Lehrangebote in den deutschen Schulen seit Beginn der Pandemie nur wenig oder gar nicht verbessert haben. Das beklagten 68,2 Prozent Befragten, nur 7,7 Prozent berichteten von einer eine starke Bewegung beim digitalen Lernen. Wer nun darauf hofft, dass sich das Bild bis zum Ende des Lockdowns dramatisch wandelt, muss wohl schon sehr optimistisch sein.

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