Forscherstreit: Himmelsscheibe von Nebra deutlich jünger?

Sie ist ungefähr so groß wie eine Pizza und das wohl bekannteste archäologische Objekt Deutschlands: die Himmelsscheibe von Nebra. Zwei Archäologen sagen nun, dass sie längst nicht so alt ist wie bisher vermutet – und dass auch ihre kulturelle Bedeutung kleiner sein könnte als gedacht.

Die Himmelsscheibe von Nebra steht in einer Glasvitrine
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Die Vorbereitungen am Landesmuseum für Vorgeschichte Halle laufen bereits. Am 4. Juni kommenden Jahres soll dort eine Ausstellung beginnen, in deren Mittelpunkt das wichtigste Exponat des traditionsreichen Hauses steht: "Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra - Neue Horizonte" heißt die Schau, die ein Team um Sachsen-Anhalts Landesarchäologen Harald Meller derzeit auf die Beine stellt. Eigentlich hätte sie schon im November dieses Jahres starten sollen, wegen der Corona-Pandemie ließ sich der Zeitplan aber nicht halten.

Der Ort Wangen; im Hintergrund ist die Arche Nebra zu sehen, der Fundort der Himmelsscheibe Nebra
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Die 32 Zentimeter messende Scheibe aus Bronze, verziert ist sie mit goldenen Motiven, gilt als älteste konkrete Himmelsdarstellung der Welt. Das liegt daran, dass auf ihr neben Sonne und Mond auch der Sternhaufen der Plejaden zu sehen ist, eine tatsächliche Formation am Himmel. Bisher wurde die Scheibe auf ein Alter von 3600 Jahren datiert. Gefunden wurde sie am 4. Juli 1999 von den Raubgräbern Henry Westphal und Mario Renner am Mittelberg im Ziegelrodaer Forst bei Nebra. Nach einer filmreifen fingierten Übergabe an vermeintliche Käufer in der Schweiz konnte der Fund im Jahr 2002 beschlagnahmt werden.

Zwei prominente Kritiker

Nun sorgen allerdings zwei profilierte Archäologen aus München und Frankfurt am Main für einen Paukenschlag: Sie zweifeln erstens das Alter der Himmelsscheibe an und sagen zweitens, dass auch die bisherige astronomische Interpretation des Fundes „hinfällig“ sei.

Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung München und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sowie Rüdiger Krause, Professor für Vor- und Frühgeschichte Europas an der Goethe-Universität Frankfurt haben dazu gerade einen Artikel im Fachmagazin „Archäologische Informationen“ veröffentlicht.

Sie sagen darin: Die weltberühmte Scheibe ist in Wahrheit wohl rund tausend Jahre jünger als bisher angenommen. Das heißt, sie stammt nicht aus der frühen Bronze- sondern der Eisenzeit. Der Unterschied ist also, ob wir über das zweite oder das erste Jahrtausend vor Christus reden. 

Kupfer aus den Alpen, Gold aus Wales

Die Himmelsscheibe gilt als eines der am besten untersuchten archäologischen Objekte überhaupt. So haben Forscher zeigen können, dass das für ihre Fertigung benötigte Kupfer aus den Alpen kam, das Gold für die Verzierungen aus Wales. Die Bestimmung ihres Alters basiert allerdings, wenn man so will, auf einem Trick. Und hier setzen die beiden prominenten Kritiker nun an: Um Messungen zur Altersbestimmung zu machen, brauchen Wissenschaftler nämlich organisches Material. Das sind Reste von Pflanzen oder Tieren. Und die gab es an der Himmelsscheibe nicht, da diese ja komplett aus Metall ist.

Die Raubgräber hatten aber, so sagten sie jedenfalls, an derselben Stelle auch noch andere Sachen gefunden, unter anderem zwei Prunkschwerter. Und die hatten einen Griff aus Baumrinde, der sich datieren ließ – auf ein Alter von 3600 Jahren. Das, so nahm man seitdem an, wäre dann auch das Alter der Himmelsscheibe. Gebhard und Krause sagen nun aber: Die Scheibe und die Beile stammen gar nicht von derselben Stelle, wie die Raubgräber behauptet haben. Das heißt, sie wurden auch nicht zusammen abgelegt.

Und wenn man die Himmelsscheibe losgelöst von den anderen Funden betrachte, so die Forscher dann müsse man nicht nur ihr vermeintliches Alter in Zweifel ziehen. Die beiden Archäologen argumentieren auch, dass der ganze Fund einzeln viel mehr Sinn machen würde. Denn stilistisch passe er viel besser in die Eisenzeit. Zumal es auf dem Himmelberg bei Nebra zwar keine weiteren bronzezeitlichen Funde gegeben habe, sehr wohl aber die Reste einer Befestigungsanlage aus der Eisenzeit.

Nicht der erste Streit um die Himmelsscheibe

Auf Grundlage der neuen Einschätzung, so die Forscher, müssten „alle bisherigen, teilweise weitreichenden kulturgeschichtlichen Schlussfolgerungen neu und ergebnisoffen diskutiert werden und die Scheibe in anderen Zusammenhängen als bisher interpretiert und bewertet werden“. Das wäre eine ziemliche Klatsche für die Kollegen in Halle. In ihrem Artikel werfen die Experten den Archäologen aus Halle auch vor, dass viele Daten zum Fund, deren Veröffentlichung eigentlich seit Jahren versprochen worden sei, bis heute nicht publiziert worden seien.

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass es unter Fachleuten Streit um die Himmelsscheibe gibt. Der Archäologe Peter Schauer, der damals an der Universität Regensburg lehrte, hatte im Jahr 2005 sogar argumentiert, der angebliche Fund sei eine Fälschung. Dieser Vorwurf steht nun zumindest nicht im Raum.

Harald Meller (l), Direktor am Landesmuseum für Vorgeschichte, und Antje Hoppen, Polizeihauptkomissarin, halten eine Bronzetasse.
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Das hallesche Archäologenteam um Meller hatte der Sichtweise Schauers damals vehement widersprochen und einen eigenen Fachartikel mit Argumenten vorgelegt. Auch dieses Mal gibt sich Meller kämpferisch: „Ich setze mich mit Herrn Gebhard wissenschaftlich auseinander. Als Archäologe kann ich Ihnen nur sagen, es ist mühelos widerlegbar", sagte er dem MDR.

Man habe umfangreiche Kongressberichte vorgelegt, „hunderte von Seiten“ und „riesige Aufsätze publiziert“, so Meller. „Was wir noch machen werden, wir werden eine Gesamtabschlusspublikation machen“. Doch auch die werde zu keinem anderen Fazit kommen als seine bisherigen Publikationen, so Meller. Gebhard und Krause hätten nicht Recht. „Da die relevanten Daten alle vorliegen, ist es einfach eine Aussage, die man nur schwer nachvollziehen kann.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 03. September 2020 | 12:00 Uhr

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