Gärten: Weniger Ordnungswut, mehr Wildnis wagen

Deutschlands Gärtner verbrauchen pro Fläche mehr Pflanzenschutzmittel als konventionell wirtschaftende Bauern. Dabei wäre es viel sinnvoller, seine Umgebung naturfreundlich zu gestalten.

Wild wucherndes Grün in einem Garten, im Hintergrund steht ein Gewächshaus.
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Bis auf aktuell ein paar glückliche oder durchgeknallte – ganz wie man es nimmt – Mallorca-Touristen ist in Corona-Zeiten ja nicht so viel los beim Thema Urlaub. Also müssen wir es uns zu Hause schön machen. Und für viele von uns heißt das jetzt im Frühling: Ab in den Garten! Rund jeder zweite Haushalt in Deutschland hat einen Garten am Haus. Und weitere ungefähr 15 Prozent haben einen Schreber- oder Gemeinschaftsgarten.

Massenphänomen Gärtnern

Daniel Lingenhöhl, Chefredakteur bei „Spektrum der Wissenschaft“
Bildrechte: Spektrum der Wissenschaft

Gärtnern ist ein Massenphänomen: In Sachsen hat allein der Landesverband des Bundes der Gartenfreunde rund 196.000 Mitglieder, in Sachsen-Anhalt etwa 87.000 und in Thüringen um die 62.000. Der Journalist Daniel Lingenhöhl von „Spektrum der Wissenschaft“ macht nun folgende Rechnung auf: Die Fläche aller Gärten in Deutschland entspreche ungefähr derjenigen aller Naturschutzgebiete: rund 1,4 Millionen Hektar. Wie toll wäre es nun, wenn dieses riesige Areal als Oase für heimische Wildtiere und -pflanzen genutzt werden könnte, „die in der ausgeräumten Kulturlandschaft und angesichts der zunehmenden Zersiedelung und Bebauung der Landschaft ihre alte Heimat verlieren“?

Was Hobbygärtner tun können

Dafür, so sagt er weiter, müssten die Hobbygärtner der Natur aber ihren Platz geben. Das bedeutet: Zum Beispiel müsste der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln drastisch sinken. Wer mehr Raum für Natur will, darf nicht alles totspritzen, was ein bisschen anders aussieht, als man es sich vorstellt. Das klappt aktuell leider nicht so gut: Derzeit werden in deutschen Gärten pro Jahr etwa 6220 Tonnen Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Das sind pro Hektar rund 6,7 Kilogramm. Im Vergleich: Auf einem landwirtschaftlich genutzten Hektar sind es 5,2 Kilo. „Der konventionell wirtschaftende Bauer ist also weniger spritzwütig als der Gartenfreund“, folgert das Magazin „Stern“.

Torf? Braucht man echt nicht!

Auch der Einsatz von Torf in den Beeten ist ein massives Problem. Viele Blumenerden enthielten Torf aus Hochmooren, warnt das Umweltbundesamt (UBA) in Dessau. Grund sei, dass der Torf das Wasser besonders gut bindet und einen hohen Säuregrad besitzt. „Allerdings hat dieser Torf einen hohen Preis für die Umwelt, denn sein Abbau zerstört die jahrhundert- bis jahrtausendalten Moore und mit ihm den Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere. Auch fürs 'Klima' ist der Torfabbau schlecht: Durch die Entwässerung der Feuchtgebiete entweicht CO2, außerdem entfällt ein wertvoller Speicher für das 'Treibhausgas'“, so die UBA-Experten.
Und selbst im Garten habe der Torf durchaus auch Nachteile. Er nehme zwar viel Wasser auf, gebe aber wenig wieder ab. „Das trocknet den Boden auf Dauer aus. Auch der sehr hohe Säuregrad des Torfs ist nur für wenige Pflanzen förderlich.“ Er müsse im Zweifel mit Kalk ausgeglichen werden. Besser sei es, Blumenerde aus naheliegenden Kompostierungsanlagen zu verwenden oder den Kompost gleich im eigenen Garten anzusetzen, um damit später die Blumenerde anreichern zu können.

Schottergärten sind lebensfeindlich

Auch Mähroboter oder Laubbläser könnten im Garten zur Gefahr für Kleinlebewesen werden, warnt Journalist Lingenhöhl. Besonders problematisch seien aber Schottergärten. „Für die meisten Tiere und Pflanzen sind sie lebensfeindliche Steinwüsten – zumindest, bis es Wildkräuter irgendwie geschafft haben, sich darin anzusiedeln. Diese sind dann so hartnäckig, dass die Besitzer zur Giftspritze greifen (siehe oben).“ Nach einer Umfrage des Gartentechnikkonzerns Stihl interessieren sich nur 1,4 Prozent der deutschen Gärtner für solch einen Garten voller Kies und Steine. Natur- und Landhausgärten finden dagegen fast 60 Prozent der Befragten gut. Als Lieblingsbepflanzung gelten dabei Ziersträucher und Blühpflanzen. Bei der konkreten Nachfrage, welche Blühpflanzen gemeint sind, nannten nicht weniger als 78 Prozent der Befragten Wildblumen und andere bienen- und insektenfreundliche Pflanzen. Vielleicht ist also doch noch Hoffnung.

Mehr Platz für Natur, das lieben auch die Kinder

Wilde Wiese
Bildrechte: imago images / Nature Picture Library

Geht doch vielleicht auch nochmal in euch, bevor ihr am Wochenende einen Trip ins Gartencenter plant. Das Motto: Einfach mal mehr Natur wagen! Das Ganze hat auch handfeste Vorteile. Artenvielfalt lockt schließlich auch Vögel oder Insekten an, die andere Insekten als Beute suchen. Die werden dann im Garten nicht mehr zur Plage.
Journalist Lingenhöhl sagt: Spezialisierte Pflanzenfresser wie etwa der Buchsbaumzünsler fänden zum Beispiel auch weniger Nahrung, wenn sie nur einen statt zwanzig Buchsbäumen vorgesetzt bekämen. Und statt Kirschlorbeer, Buchsbaum oder Thuja solle man lieber auf heimische Alternativen wie Hainbuche, Johannisbeere oder Weißdorn setzen, die bereits von vielen Gärtnereien angeboten würden. Dazu wäre es gut, auch einige Flächen komplett sich selbst zu überlassen. Hier könnten sich Schmetterlingsraupen entwickeln, Haufen aus Reisig oder Totholz böten Unterschlupf für Eidechsen und Insekten. Ein Stück Wiese, das nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht wird, diene Spinnen, Käfern und Heuschrecken als Zuflucht. „Und wer Kinder hat, wird noch eine Beobachtung machen: Kinder brauchen keinen aufgeräumten Garten, sondern einen, in dem sie etwas erleben können und dürfen“, so Lingenhöhl.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 27. März 2021 | 09:10 Uhr

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