Nach Mord an Sarah Everard: Frauen teilen ihre Angst vor Übergriffen

„Bist du gut zuhause angekommen?“ – eine Frage, die für Frauen oft zum Heimweg dazugehört. Sicher anzukommen, ist keine Selbstverständlichkeit. Das zeigt aktuell auch der Tod einer 33-jährigen Britin.

Eine Frau hält sich im Dunkeln die Hand vor den Mund und schaut erschreckt in die Kamera.
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Sarah Everard war auf dem Heimweg von einer Freundin als sie verschwand. Einige Tage später wurde ihre Leiche gefunden. Ein Polizist soll sie entführt und ermordet haben. Der Fall schlug nicht nur in Großbritannien Wellen, auch in Deutschland teilen immer mehr Frauen ihre Angst vor Übergriffen. Auch viele unserer Hörerinnen haben von ihrer Unsicherheit, vor allem im Dunkeln, berichtet. So auch Lisa Schulz:

Wenn man mit dem Schlüssel zwischen der Hand heimlaufen muss und noch das Handy am Ohr hat - nur damit man sicher daheim ankommt - dann braucht man gar nicht mehr fragen, ob man sich als Frau allein nachts noch sicher fühlt. Mittlerweile ist doch quasi alles eine Einladung für Männer, selbst wenn man einfach nur nach Hause läuft.

Ähnlich geht es auch Juliane Leubner, die sich nicht nur nachts unsicher fühlt:

Manchmal ist es selbst tagsüber grenzwertig allein irgendwo entlang zu laufen. Nachdem ich schon einige unangebrachte Sprüche und Ähnliches erleben musste, habe ich mittlerweile ein kleines Taschenmesser in meiner Jackentasche. Ich musste es zum Glück noch nie benutzen, aber es beruhigt mich ungemein, es griffbereit zu haben. Es ist wirklich schlimm, dass man nicht einmal mehr in Ruhe nach der Arbeit vom Auto bis zur Wohnung laufen kann, ohne, dass man Angst haben muss.

Sicherheit für Frauen

Eine Studie des Bundesfamilienministeriums zeigte, dass Frauen Sexismus vor allem an öffentlichen Plätzen durch Unbekannte erleben. Es gibt einige Möglichkeiten, sich vor Übergriffen zu schützen: Wenn möglich, sollte man den Heimweg zusammen mit Freunden gehen.

Wenn das keine Möglichkeit ist, steht das Heimwegtelefon bundesweit zur Verfügung: Unter der Nummer 030 120 741 82 sind jederzeit ehrenamtliche Helfer erreichbar. Sie begleiten die Anruferin (oder den Anrufer) telefonisch bis zu seinem Ziel und können im Notfall Hilfe rufen.

Im Gespräch mit MDR JUMP erzählt uns die Vorsitzende des Heimwegtelefons Cornelia Vogt, dass im Schnitt rund 200 bis 220 Menschen pro Woche anrufen. Das Verhältnis von Frauen zu Männern läge bei rund 70 zu 30. Was alle Anrufer vereine, sei die Angst, dass im Dunkeln Gefahr lauern könnte. Frauen hätten beim Heimweg oder Gassigehen im Park vor allem Angst vor sexuellen Übergriffen oder fürchten im schlimmsten Fall um ihr Leben. Um den Anrufern die Angst zu nehmen, würden die ehrenamtlichen Helfer oft einfach über alltägliche Dinge reden. Falls etwas passiert, könne schnell reagiert werden:

Bei einer Gefahrensituation können wir den Standort, den Namen und die Telefonnummer direkt an einen Hilfsdienst weiterleiten – Sei das die Polizei oder ein Rettungsdienst, was immer gerade notwendig ist.

Lösungen seien zum Beispiel Bewegungsmelder an Straßenlampen oder Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen. Claudia Vogt sieht die Verantwortung außerdem bei dem Verhalten von Männern. Auch wenn etwas harmlos gemeint sei, könne es bei Frauen Angst auslösen:

Dieses Bewusstsein muss auch bei Männern entstehen. Du verhältst dich vielleicht auch so, dir ist es nur nicht bewusst. Ein geschrienes „Ey Puppe, willst du f*cken“ ist kein Kompliment.

Was können Männer tun?

Pfefferspray oder Telefongespräche: Frauen bereiten sich auf ihrem Heimweg oft auf den schlimmsten Fall vor. Der schottische Schauspieler David Paisley macht aber auch darauf aufmerksam, wie sich Männer unterstützend verhalten können. Oft würde es schon reichen, die Straßenseite zu wechseln oder Abstand zu halten, um der Situation ihre Bedrohlichkeit zu nehmen. Es läge in der Verantwortung der Männer, die männliche Gesellschaft zu verändern. Der Großteil der Gewalt würde von Männern ausgeübt, also seien Männer jetzt auch in der Verantwortung, etwas zu ändern.

Zivilcourage

Wer mitbekommt, dass sich jemand in Gefahr befindet, sollte nicht wegschauen. Das Berliner Polizeipräsidium empfiehlt, flüchtende Täter nicht aufzuhalten oder körperlich/verbal anzugreifen.

Zivilcourage könnt ihr beweisen, indem ihr sofort die Polizei alarmiert und andere Menschen um Hilfe bittet. Laut zu schreien, erregt Aufmerksamkeit und verunsichert Täter. In öffentlichen Verkehrsmitteln könnt ihr außerdem die Notbremse ziehen und das Fahrpersonal informieren.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Nachmittag | 16. März 2021 | 15:27 Uhr

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