Flughafen bietet Fake-Urlaubsreisen an

Bleilochtalsperre statt Bali, Meißen statt Mailand, Rügen statt Rhodos – in diesem Jahr müssen viele von uns auf Fernreisen verzichten. Ein Airport in Taiwan hat sich etwas gegen die Sehnsucht einfallen lassen. Nur einen Haken gibt es.

Manche von uns erinnern sich ja vielleicht noch an ganz, ganz früher. Sagen wir mal an den Sommer 2019. Da flog, wer es sich leisten konnte und wollte, ja gern mal in den Urlaub. Mit einem Jet gings da zum Beispiel irgendwo zum Entspannen in den Süden. Einchecken, Sitz nach dem Start so gut es ging nach hinten stellen, einen Tomatensaft fürs Urlaubsfeeling vielleicht - und irgendwann war man am Ziel.

Wegen Corona ist das in diesem Jahr für die meisten von uns ganz anders. Obwohl zum Beispiel am Flughafen Leipzig-Halle der Passagierverkehr nach der ersten Pandemiewelle wieder ganz langsam startet, bleiben die allermeisten Urlauber diesen Sommer viel näher an zu Hause als sonst. An Fliegen ist für sie nicht zu denken.

Und so geht es den Menschen gerade rund um die Welt. Da hat man sich auf dem Flughafen Songshan in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh nun etwas einfallen lassen: Interessenten können sich ein bisschen wie früher fühlen. Sie können für einen Flug einchecken, bekommen Bordkarten, gehen durch die Pass- und Sicherheitskontrolle und schließlich über sogar in ein Flugzeug, einen Airbus A330 – doch sie heben nicht ab.

Nach einer kleinen Plauderei mit der Crew der Fluggesellschaft China Airlines geht es wieder zurück ins Gebäude. Zu essen oder trinken gibt es an Bord nichts, dafür haben die Flughafenrestaurants geöffnet. Trotzdem kommen die Leute dem Erlebnis einer Flugreise so nahe wie schon länger nicht mehr.

"Ich möchte das Land wirklich verlassen, aber wegen der Epidemie können viele Flüge nicht fliegen", erklärte die 38-jährige Taiwanesin Hsiao Chun-Wie einem Reporter der Nachrichtenagentur Reuters. Sie war eine von 60 Teilnehmern des ersten Fake-Fluges in dieser Woche. Die Plätze waren verlost worden, insgesamt 7000 Menschen sollen sich dafür beworben haben. Am Wochenende und Anfang kommender Woche soll es weitere Veranstaltungen dieser Art geben.  

Jetzt könnte man sagen: Was für eine komische Aktion! Aber dahinter steckt zumindest vonseiten des Flughafens ein gewisses Kalkül. Man will den Gästen ein paar Renovierungen und Erweiterungen am Airport zeigen. Vor allem aber will man vorstellen, welche Hygienemaßnahmen man im Kampf gegen Corona so alles eingeführt hat. Damit die Leute ein gutes Gefühl bekommen und irgendwann, wenn die Airlines das anbieten, auch wieder Lust aufs Fliegen haben. Vom Flughafen Songshan kann man normalerweise zum Beispiel in die japanische Hauptstadt Tokio und in mehrere chinesische Städte abheben.

Auf Bildern war zu sehen, dass die Teilnehmer der Tour alle Masken tragen mussten. Außerdem seien, so hieß es, die Kabinentüren der Flugzeuge die ganze Zeit geöffnet gewesen. Nach dem Besuch der Gruppe sei das Innere des Jets desinfiziert worden.

Taiwan ist vor allem dank strenger Coronaregeln bisher sehr gut durch die Pandemie gekommen. Das Land hat seine Grenzen aber seit Mitte März mehr oder weniger komplett dicht gemacht, von nicht notwendigen Reisen ins Ausland rät es seinen Bürgern bis heute ab.

Allerdings hat die Aktion des Flughafens in Wahrheit einen ziemlichen Haken: Denn wenn man ehrlich ist, dann ist ja gerade das ganze Gewusel am Flughafen – erst recht wenn man mit Kindern unterwegs ist – der nervigste Teil einer Urlaubsreise. Dass nun gerade dieser Teil trotz Corona erlebt werden kann, ist am Ende auch ein bisschen ironisch. Aber vielleicht taugt die Sache immerhin für ein paar nette Schnappschüsse auf den Fotoplattformen. Bis wir dann irgendwann wieder darauf hoffen können, selbst irgendwo weit weg zu fliegen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 05. Juli 2020 | 10:40 Uhr

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