Elch Bert lebt seit anderthalb Jahren in der Region: Kehren die Waldriesen zurück?

Durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg ziehen jedes Jahr Dutzende der majestätischen Tiere. Doch das sind fast immer männliche Elche, die auf ihren Wanderungen nach Polen zurückkehren.

Elch "Bert" mit Sender um den Hals
Elch Bert mit Sender um den Hals Bildrechte: Anton Lehnig/Naturwacht Nuthe-Nieplitz

Elch Bert sorgte im vorletzten Winter für Aufsehen in Sachsen-Anhalt: Das riesige Tier verbrachte seine Tage bei der großen Kuhherde des Landguts Hundeluft bei Coswig. Selbst männliche Konkurrenz durch zwei Bullen schreckte Bert nicht ab. Auch wenn die Kuhherde mehrere Kilometer weit auf eine andere Weide umgesetzt wurde, wanderte der Elch hinterher. Landwirt Hartmut Schröter sagte MDR JUMP:

Elch steht inmitten einer Kuhherde und schaut in die Kamera.
Bildrechte: MDR JUMP/Stefan Schulz

Wir haben den Elch damals im Winter mit durchgefüttert. Jeden Morgen haben wir Stroh und Silage zur Herde gebracht. Das sind 230 Kühe und Kälber und da war das eine Tier mehr kein Problem.

Bert wurde im Winter schnell zur Touristenattraktion, erinnert sich Hartmut Schröter:

Am Wochenende war immer voll Betrieb. Da standen die Leute auch am Weidezaun. Einige sind auch reingeklettert. Das war gefährlich, weil ja auch zwei Bullen mit auf der Weide standen.

Elch hat sich neue Herde in Brandenburg gesucht

Als Landwirt Hartmut Schröter seine Herde im April 2019 erneut umsetzen ließ, kam Bert schließlich nicht mehr hinterher. Er zog wieder allein durch die Wälder. Doch der junge Elch ist immer noch in Deutschland und hat sich jetzt im Herbst wieder eine Rinderherde gesucht. Das sieht Frank-Uwe Michler an den Daten, die er vom Sender am Hals des Tieres bekommt. Das Senderhalsband hat der Wildbiologe von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde mit seinem Team dem großen Tier angelegt. Laut Sender hält sich Elch Bert derzeit im Naturpark Nuthe-Nieplitz auf.

Frank-Uwe Michler, Wildbiologe an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde
Bildrechte: Frank-Uwe Michler

Der Elch ist dann zielgerichtet nach Brandenburg zurückgekehrt, hat dabei die A9 über die Wildbrücke gequert und hält sich seitdem als residenter Bulle im Naturpark auf. Aktuell steht er wieder bei Weidetieren. Das ist immer so während der Brunft, wo man merkt: Da sind die Testosteronwerte außerordentlich hoch.

Hat der Elch Anschluss bei einer Herde gesucht, lässt er sich laut Frank-Uwe Michler auch vergleichsweise einfach beobachten: Dann lässt Bert Menschen vergleichsweise nah an sich herankommen, ohne zu flüchten. Anders im Wald: Dann ergreift das Tier schon die Flucht, wenn es Menschen in mehreren hundert Metern Entfernung wahrnimmt. Das klappt offenbar auch im dichtbesiedelten Deutschland. Bert hat sich laut der Daten des Senders inzwischen offenbar an seinen neuen Lebensraum gewöhnt. Das zeigen auch die langen Wanderungen des Tieres:

Er meidet große, stark befahrene Straßen, quert aber regelmäßig kleine Straßen. Das geht auch gar nicht anders bei einer so großen Raumnutzung. Der Elch lebt im Sommer in einem Gebiet von circa 10.000 Hektar. Da muss er regelmäßig Straßen queren. Aber das macht er meist auch nur in den Nachtstunden.

So wird in Norwegen vor Elche gewarnt, die Straßen überqueren
So wird in Norwegen vor Elche gewarnt, die Straßen überqueren Bildrechte: imago images / imagebroker

Vier Warnschilder in Brandenburg machen inzwischen Autofahrer darauf aufmerksam, dass sie Bert und auch anderen Artgenossen an der Straße begegnen könnten. Offizielle Warnschilder sieht die Deutsche Straßenverkehrsordnung dafür nicht vor. Daher haben sich die Gemeinden unter anderem an Schildern in Finnland orientiert: Auf den Warnschildern ist eine Elch-Silhouette und das Wort "Einstandsgebiet" abgedruckt.

Zehn bis fünfzehn Elche ziehen jedes Jahr durch deutsche Wälder

Elche gelten in Deutschland schon seit dem Mittelalter als ausgestorben. Zwar ziehen laut Wildbiologe Michler jedes Jahr zehn bis fünfzehn Elche durch die Wälder in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Doch die sind in der Regel nur auf der "Durchreise":

Die kommen häufig nach Brandenburg rein aus Polen. Dann haben wir häufig die Route, dass sie dann nach Mecklenburg abwandern. Und dann über die Uckermünder Heide wieder nach Polen gelangen.

Im Nachbarland gibt es inzwischen wieder 30.000 Tiere. Ein Jagdverbot und Wiederansiedlungsprojekte haben die Zahl der Elche in Polen so stark ansteigen lassen, dass durch den Populationsdruck immer wieder einzelne Tiere bis nach Deutschland wandern. Doch das seien in der Regel männliche Elche, sagt Frank-Uwe Michler:

Auf dem Foto wird deutlich, wie riesig der Jungbulle ist. Hier wird der vorher betäubte Elch "Bert" mit einem Sender versehen, um seine Bewegungen nachverfolgen zu können.
Auf dem Foto wird deutlich, wie riesig der Jungbulle ist. Hier wird der vorher betäubte Elch "Bert" mit einem Sender versehen, um seine Bewegungen nachverfolgen zu können. Bildrechte: Dr. Frank Michler/Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

Weibliche Tiere wurden bisher nur vereinzelt nachgewiesen. Es gibt zwar regelmäßig Berichte über weibliche Elche, da muss man aber aufpassen: Häufig werden diese Tiere gesehen, wenn sie das Geweih abgeworfen haben. Also so im März, April oder Mai. Und dann vermutet man: Kein Geweih, dass könnte eventuell ein weiblicher Elch sein.

Bisher gebe es nur vereinzelt Foto-Belege für weibliche Elche in deutschen Wäldern. Damit bleibt offen, ob sich die großen Tiere ähnlich wie Wölfe auch bei uns wieder ansiedeln.

In einer Doktorarbeit wird gerade untersucht, ob es für den Elch in unserem dichtbesiedelten Kulturraum überhaupt ein Lebensraum zur Verfügung steht. Wo er sich wohlfühlt, wo er sich dauerhaft etablieren könnte und wo es auch Nachwuchs geben kann. Und das wissen wir praktisch noch nicht.

Immerhin: Elche müssen in Deutschland keine Jäger fürchten. Für sie gilt eine ganzjährige Schonzeit. Das war bis vor einigen Jahren noch anders: Noch bis Mitte der 90er durften die Tiere zu bestimmten Jahreszeiten gejagt werden. Damals wurde auch in Sachsen ein Elch geschossen. Eine Jägerfamilie war extra nach Schweden gefahren, um ein Tier zu jagen. Erfolglos. Ein Sohn fuhr nicht mit und hatte Jagdglück: Ihm lief in Sachsen ein Elch vor das Gewehr.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 06. Dezember 2018 | 12:15 Uhr

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