Brauchen wir eine dritte Corona-Impfung? Und wann?

„Hast du schon den Termin für die dritte Impfung?“ Diese Frage klingt gerade noch ziemlich absurd. Doch das könnte sich in absehbarer Zeit zumindest für einige von uns ändern.

Eine Spritze wird mit dem Impfstoff AstraZeneca aufgezogen
Bildrechte: IMAGO / Karina Hessland

Man soll ja eigentlich nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen, wie der Volksmund sagt. Dabei soll es in diesem Text sogar schon um den dritten Schritt gehen. Also fangen wir vielleicht wirklich erst einmal am Anfang an: Am 7. Juni, so will es Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, soll die Priorisierung bei der Corona-Impfung wegfallen. Bisher war es ja so, dass in Zeiten knappen Impfstoffs bestimmte Leute aus gesundheitlichen, sozialen oder beruflichen Gründen vor den anderen geimpft wurden.

Das soll in wenigen Wochen aber Geschichte sein. Dann soll jeder die Chance auf den Piks bekommen. Oder genau genommen ja auf zwei, denn außer beim Impfstoff von Johnson & Johnson sind bekanntermaßen jeweils zwei Dosen für den vollen Schutz nötig. Das Problem wird dann aber sein: Die Chance auf die Impfung ist eben etwas anderes als die Impfung selbst. Viele von uns werden Wochen, vermutlich sogar Monate frustriert warten müssen. Gleichzeitig haben Hausärzte große Angst, dauerhaft von Interessenten überrannt zu werden und das Impfen gar nicht stemmen zu können.

Und dennoch lohnt es sich bereits jetzt über die Frage nachzudenken, wie es weitergeht, wenn alle Interessierten unter uns tatsächlich komplett geimpft sind. Brauchen wir dann schon zeitnah wieder eine dritte Impfung? Özlem Türeci, Mitgründerin des Mainzer Corona-Impfstoff-Entwicklers Biontech, sieht das jedenfalls so:

Wir sehen dieses Nachlassen der Immunantworten auch bei Menschen, die gerade erst infiziert waren, und wir erwarten es auch mit dem Impfstoff

Jedes Jahr oder alle zwei Jahre könnte eine Corona-Impfung nötig werden, so wie man es von der Grippe kennt.

Herstellerfirmen gehen von dritter Impfung aus

Nun kann man ja sagen: Gut, Frau Türeci stellt Impfstoff her, da ist es doch klar, dass sie eine Drittimpfung fordert. Und auch, dass sich Pfizer-Chef Albert Bourla ähnlich äußert. Die Hersteller arbeiten schließlich bereits seit einiger Zeit an möglichen Auffrischungen ihrer Corona-Präparate. Vor allem bei den mRNA-Impfstoffen, also bei Biontech, Moderna und später auch Curevac, soll das auch recht einfach möglich sein.

Doch Türeci und Bourla sind mit ihrem Vorschlag beileibe nicht allein. In Großbritannien wird eine „Booster“-Impfung für alle über 70 schon ab September erwogen, außerdem für medizinisches Personal und Pflegekräfte. Die Idee ist, sich mit der dritten Impfung fitter gegen neue Virusvarianten zu machen. Auch Israel oder Bahrain wollen eine dritte Impfkampagne auflegen, also alles Staaten, die bei den ersten Impfungen auch ziemlich fix waren.

Es gibt noch keine Stiko-Empfehlung

So konkrete Pläne gibt es bei uns hier noch nicht. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat bislang noch keine Empfehlung für eine Auffrischungsimpfung ausgesprochen.

Im Augenblick gibt es noch nicht genügend Daten, um sagen zu können, wann eine Auffrischung des Impfschutzes nötig sein könnte

sagt Stiko-Chef Thomas Mertens. Er stellt aber auch klar:

Das Virus wird uns nicht wieder verlassen. Die aktuellen Corona-Impfungen werden deswegen nicht die letzten sein.

Emer Cooke, Chefin der Europäischen Arzneimittelagentur, sagt: Eine Auffrischung des Impfschutzes dürfte wohl nötig werden. Aber ob das wirklich schon nach einem Jahr sein muss, müsse man abwarten.

Der Berliner Virologe Christian Drosten von der Charité hält eine dritte Corona-Impfung in vielen Fällen eher früher als später für sinnvoll. Er rechne damit, dass es schon jetzt gewissermaßen feststehe, dass „mehr als nur sehr eng umgrenzte Risikogruppen“ zum Winter hin eine Auffrischung ihres Impfschutzes bekommen werden.

Planlos ins nächste Impfchaos?

Carsten Watzl von der Deutschen Gesellschaft für Immunologie sagt, für den Großteil der Bevölkerung sei nicht zu erwarten, „dass das gesamte Prozedere jedes Jahr wiederholt werden muss." Eine Dosis pro Saison bräuchten voraussichtlich all jene Menschen, deren Immunsystem nicht mehr so gut auf eine Impfung anspricht - etwa aus Altersgründen oder wegen Vorerkrankungen.

Christine Falk, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, sieht die Sache so ähnlich. Sie hält eine weitere Impfung vor allem für Menschen für nötig, „die zum Beispiel Medikamente bekommen, die das Immunsystem dämpfen“. Das seien etwa Personen, die an einer Autoimmunerkrankung litten oder eine Organtransplantation hinter sich hätten.

Die Chefin des Bundesverbands der Amtsärzte, Ute Teichert, beklagt, dass es bisher seitens der Politik noch keine Planungen für mögliche Drittimpfungen gebe. Andere Länder wie England seien ja schon dabei, sich darauf vorzubereiten. Hierzulande höre sie „aber keinerlei Vorschläge, wie das organisiert werden sollte. Es scheint vielmehr, als liefe sie planlos in eine solche Situation hinein“.

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