Wie dramatisch ist die Chip-Knappheit?

"Die Chips sind knapp!" Früher hörte man diesen Satz höchstens am Samstagabend beim Filmschauen oder Zocken. Heute macht er zum Beispiel Automanagern Sorgen. Zumal kaum Besserung in Sicht ist.

300-Millimeter-Wafer, Mikrochips
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Not macht erfinderisch, sagt man ja. Und manchmal muss es gar nicht die eigene Not sein. Weil Computerchips in den vergangenen Monaten weltweit zum knappen Gut geworden sind, haben offenbar sogar manche Schmuggler ihr Geschäftsmodell umgestellt. Satt Drogen tragen sie Chips am Körper, um sie so illegal über die Grenze zu bringen. So jedenfalls ist es aus Hong Kong zu hören.

Tatsache ist: Microchips sind knapp - und bei uns macht das vor allem der Autoindustrie zu schaffen. Experte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research in Duisburg geht davon aus, dass es allein in diesem Jahr deswegen einen weltweiten Produktionsausfall von rund fünf Millionen Fahrzeugen gibt. Bis Jahresende seien weltweit 74,8 Millionen Neuzulassungen zu erwarten. Ohne die Chipknappheit könnten jedoch rund 80 Millionen Autos verkauft werden. Im kommenden Jahr könnte es nach Dudenhöfers Schätzungen noch immer ein Minus von drei Millionen Autos geben.

Autohersteller sehen die Lage unterschiedlich

Nach außen geben sich die verschiedenen Hersteller unterschiedlich alarmiert – beziehungsweise gelassen. Bei VW will man das „Licht am Ende des Tunnels“ ausgemacht haben und geht davon aus, dass man zumindest ab dem dritten Quartal dieses Jahres so viele Chips beziehen kann wie man benötigt.

Dann werden wir hoffentlich die aufgestauten Aufträge bei nahezu allen Modellen erfüllen können

so VW-Manager Stephan Wöllenstein. Eine weitere Verschärfung der Lage sei aber möglich. Bei BMW ist man ohnehin nicht so optimistisch. Produktionsvorstand Milan Nedeljkovic warnt:

Die Halbleiterversorung ist wirklich kritisch. Der Ausblick für das zweite Halbjahr bleibt weiterhin auch kritisch.

Und selbst der Chip-Riese Intel rechnet damit, dass sich die globale Halbleiter-Knappheit in den kommenden Monaten noch zuspitzt. Die Probleme dürften demnach bis ins kommende Jahr andauern.

Blick in einen Verbindungsprozess (Aluminiumbonden) zwischen Elektronikträger und Halbleiter
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Die Erklärungen, wie es zum aktuellen Chipmangel gekommen ist, sind komplex. Eine wichtige Rolle spielt aber die Corona-Pandemie. Während dieser Zeit, so könnte man flapsig sagen, wurde unter anderem mehr gezockt. Aber auch die Nutzung von Videokonferenz- und Streamingdiensten stieg stark an. Jedenfalls waren Computer und Unterhaltungselektronik auf einmal massiv gefragt. Die Hersteller kauften so viele Chips sie bekommen konnten und fegten den Markt leer. Dazu kamen Probleme bei der Produktion und dem Versand der Chips durch die Folgen der Coronakrise. So waren Fabriken und Häfen in China und Taiwan blockiert. 

Nur wenige Firmen stellen Chips her

Guido Überreiter vom  Dresdner Chipfertigers Globalfoundries sagt, die Halbleiterindustrie arbeite stets an der Kapazitätsgrenze.

Sie muss es sogar, denn nur so kann sie wirtschaftlich arbeiten. Es gibt nämlich nicht mehr viele Unternehmen, die wirklich selbst Halbleiterchips herstellen – und das ist tatsächlich ein Problem.

Dazu kam der Handelskonflikt zwischen den USA und China. Der sorgte nach Auskunft von Experten dafür, dass viele Firmen ihre Lagerbestände massiv erhöhten – um nicht sofort von möglichen Handelsbeschränkungen getroffen zu werden. Und das brachte die Märkte nachhaltig durcheinander.

Neue Fabriken werden gebaut

Ein Ausweg könnte der Ausbau zusätzlicher Fertigungskapazitäten für Chips außerhalb von China sein. Wobei man sagen muss: Aufbau und Betrieb einer neuen Fabrik sind kompliziert, erst einmal braucht man die passenden Produktionsmaschinen, die gibt es auch nicht wie Sand am Meer. Und bis dann alle Produktionsprozesse gut ineinandergreifen, können viele Monate oder Jahre vergehen. Auch Fachkräfte müssen geworben und geschult werden, selbst wenn die Chipfertigung hoch automatisiert ist.

Insgesamt sind Milliardeninvestitionen nötig, von denen aber nicht zuletzt unsere Region profitieren kann. Allein der Chip-Auftragsfertiger GlobalFoundries hat angekündigt, in den Ausbau seiner Werke in Dresden, im US-Bundesstaat New York und in Singapur insgesamt 1,4 Milliarden Dollar in die Hand zu nehmen. In der sächsischen Landeshauptstadt soll die Produktion verdoppelt werden. Bereits jetzt handelt es sich um das größte Halbleiterwerk Europas.

Auch Bosch hat in Dresden groß investiert, eine Milliarde Euro für eine Fabrik, die Halbleiter für die Autoindustrie herstellt. Infineon hat ebenfalls massive Ausbaupläne für seine Fabrik in Dresden. Die Chipfirmen hoffen aber trotz Booms auch auf starke Förderung ihrer Ausbaupläne durch die öffentliche Hand.

Ein Mann in weißem Overall und Handschuhen steht vor einem transparenten Bildschirm und berührt ihn, der Hintergrund ist gelb.
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Auch hier gefertigte Chips gehen auf die Reise

Wenn man jetzt sagt: Gut, dass die Chipfabriken hier bei uns ausgebaut werden, dann sind wir nicht mehr so abhängig von China, dann verkennt man eines: Selbst hier bei uns gefertigte Chips werden aktuell sehr oft noch einmal nach China geschickt – weil sie dort verpackt werden. Ohne zweifachen Transport um die halbe Welt kommen also auch „regionale“ Chips nicht aus.

Manche Analysten gehen davon aus, dass sich die Chip-Situation für die Autoindustrie tendenziell verbessern dürfte, die Knappheit bei den Herstellern von Handys und anderen technischen Geräten aber weiterhin für Probleme sorgen wird.

Autoexperte Dudenhöffer hat aber nach dem Chipmangel, wie lange er auch immer dauern wird, schon das nächste knappe Gut in seiner Branche ausgemacht. Ab 2026, so warnt er, drohe ein massiver Engpass bei Batteriezellen bei Elektroautos. Zumindest vorübergehend könnte dann die Nachfrage nach Lithium-Ionen-Batterien das Angebot übersteigen. Zwar investierten die Automobilhersteller gerade in eigene Fabriken für Batterien. Aber das komme einfach zu spät. 

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 23. Juli 2021 | 08:00 Uhr

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