Diskussion: Infraschall von Windkraftanlagen unproblematisch?

Windenergie hat auch bei uns in der Region längst nicht nur Freunde. Und über das Für und Wider kann man sicher diskutieren. Aber ein entscheidendes Argument der Gegner ist laut neuer Forschungsergebnisse gar keines – es beruhte nämlich auf einem Fehler in einer Studie.

Windräder vor dem Nachthimmel
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Es ist paradox. Damit Deutschland seine - gerade nach einem entsprechenden Verfassungsgerichtsurteil nochmal verschärften - Klimaschutzziele einhalten kann, müssen erneuerbare Energien ausgebaut werden. Auch bei uns in der Region. Dafür gibt es in der Gesellschaft viel Zustimmung. Aber wenn es dann an die praktische Umsetzung geht, ist es damit oft vorbei. Gerade um neu zu errichtende Windkraftanalgen gibt es vielerorts Streit.

Die Liste der Gegenargumente ist meist ziemlich lang. Ein Punkt dabei ist die angebliche Belastung durch sogenannten Infraschall. Das sind Luftschwingungen, die durch die Anlagen ausgelöst werden sollen. Sie sind für das menschliche Ohr zwar nicht hörbar, sollen den Körper aber trotzdem beeinflussen. Schlaflosigkeit, Gehörschäden, Schlaganfälle – das sind nur einige der Leiden, die Windkraftkritiker mit Infraschall in Verbindung bringen.

Sie berufen sich in diesem Zusammenhang gern auf eine Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aus dem Jahr 2005. Darin ging es unter anderem um die Frage, wie hoch die Belastung mit Infraschall ausfällt. Nach mehr als 15 Jahren hat sich nun herausgestellt: Diese Studie ist falsch, weil sie einen kapitalen Rechenfehler enthält. Das haben zwei Wissenschaftler aus Franken nachweisen können.

Auch Atomtests verraten sich über Infraschall

Grafik stellt vereinfacht eine Ton-Schwingung dar  mit langen Wellen für Infraschall, mittellangen für hörbaren Schall und kurzen Wellenabständen für Ultra- und Hyperschall. Dazu die Erklärung: Infraschall bis 16 Hertz, hörbarer Schall 16 Hertz bis 20 Kilohertz, Ultraschall 20 Kilohertz bis 1,6 Gigahertz, Hyperschall über 1 Gigahertz. Im Bereich hörbarer Schall is im Hintergrund ein großes Ohr als Grafik zu sehen.
Schallfrequenzen werden in Hertz angegeben. Nur ein bestimmter Bereich ist für uns hörbar. Bildrechte: MDR/Ohr-Grafik: Pixabay/Clker

Fakt ist: Infraschall gibt es wirklich, auch wenn das erst einmal nichts über seine angeblichen Folgen aussagt. Die BGR befasst sich damit, weil sie im Auftrag der Bundesregierung sensible Forschungsstationen für einen weltweiten Verbund betreibt. Es geht darum, nach verbotenen Atomtests zu lauschen. Und die könnten sich eben auch über Infraschall verraten. Doch obwohl sich die Behörde also mit dem Thema auskennt, passierte ihren Experten der Fehler. Die in der Studie genannten Werte passten nicht ansatzweise zu dem, was sich tatsächlich an den Anlagen messen lässt.

„Über diese Zahlen bin ich einfach irgendwann mal gestolpert", sagt der Forscher Stefan Holzheu von der Universität Bayreuth. Er war einer derjenigen, die der BGR nach langem hin und her ihren Fehler nachweisen konnten. „Es ist einfach ein Rechenfehler gewesen. Und das konnte man sogar aus den Daten, die die BGR selbst publiziert hat, eigentlich nachlesen“, erklärt er. Unterstützung bekam Holzheu von einem Kollegen. Martin Hundhausen von der Universität Erlangen kam zu vergleichbaren Schlüssen wie er: „Ich habe da draufgeguckt, und innerhalb von zwei Stunden wusste ich, das ist falsch."

Das verrückte dabei: Die Studie der BGR-Forscher war vor der endgültigen Veröffentlichung in einem Fachmagazin sogar von Kollegen anonym begutachtet worden. Das ist üblicher Standard. Und trotzdem war das Problem nicht aufgefallen. Dabei lag der Fehler bei einem Faktor von mehreren tausend. Und als sich Holzheu mit seinen Bedenken bei der BGR meldete, nahm man ihn offensichtlich zunächst nicht für voll. Der Forscher sagt, man habe ihm sogar mit der Rechtsabteilung gedroht. Sein Kollege Hundhausen kam schließlich auf die Idee, den Präsidenten der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt einzuschalten. Und die Forscher dort erkannten ebenfalls, dass es ein Problem gibt.

Die BGR sieht das inzwischen auch so. Sie sagt aber auch, bei der ursprünglichen Studie sei es um Fragen des Atomteststopp-Netzwerkes gegangen und „nicht um Auswirkungen von Infraschall-Emissionen auf Menschen“. Die Behörde bestätigt aber auch, dass es „bei der Berechnung der Schalldruckpegel“ einen „systematischer Fehler“ gegeben habe. Dieser habe mit einer Umrechnung zwischen verschiedenen physikalischen Einheiten zu tun gehabt. Warum es so lange dauerte, auf die Kritik der beiden Kollegen zu reagieren, steht in der Stellungnahme nicht.

Minister entschuldigt sich

Was bleibt also? Wissenschaftler machen Fehler – und, wenn auch spät, korrigieren diese wieder. Der Schaden für den Ausbau der Windkraft bleibt aber bestehen, weil sich Kritiker jahrelang auf eine fehlerhafte Studie berufen haben. „Die falschen Pegel haben daher entscheidend dazu beigetragen, Unsicherheit in der Bevölkerung zu erzeugen“, sagt Forscher Holzheu.

Bundesumweltminister Peter Altmaier
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat sich für die Sache entschuldigt. Seinem Ministerium untersteht die BGR. Bildrechte: dpa

Sogar Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat sich inzwischen für die Sache entschuldigt. Seinem Ministerium untersteht die BGR. „Es tut mir sehr leid, dass falsche Zahlen über einen langen Zeitraum im Raum standen“, so Altmeier. Die Akzeptanz von Windanlagen an Land habe „ein Stück weit“ unter den falschen Zahlen gelitten. Windkraftgegner argumentieren mancherorts trotzdem weiter mit dem angeblichen Problem des Infraschalls. Aber trotzdem scheint sich etwas zu tun. Forscher Holzheu findet aber auch: „Pro-Windkraft Gruppen sagen mir inzwischen, dass das Infraschall-Argument von der Gegenseite immer seltener vorgebracht wird.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 03. Juni 2021 | 11:45 Uhr

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