Discounter prescht vor – Sorgt Aldi jetzt für mehr Tierwohl?

Ausgerechnet Supermärkte wollen in Deutschland jetzt für eine Wende zu mehr Ökofleisch sorgen. Weil sie so große Mengen an Fleisch abnehmen, ist das ein mächtiges Signal. Aber was heißt das für die Fleischpreise?

Putenfleisch aus der Massentierhaltung
Bildrechte: IMAGO / Gottfried Czepluch

Die Thüringer liegen vorn, doch der Abstand zu den Sachsen und Sachsen-Anhaltern ist nur klein. Und Männer verputzen ungefähr doppelt so viel wie Frauen. Es geht um den Konsum von Fleisch und Wurst bei uns in der Region. Zwar ist die entsprechende Statistik auch schon wieder fünf Jahre alt, aber die tägliche Verzehrmenge bei Thüringens Männern liegt bei 172 Gramm (Frauen: 91 Gramm). In Sachsen liegt der Wert bei 169 Gramm (Frauen: 92 Gramm) und in Sachsen-Anhalt bei 164 Gramm (Frauen: 95 Gramm).

Die am meisten nachgefragte Fleischsorte bei uns ist noch immer Schweinefleisch, auch wenn der Konsum hier seit Jahren immer ein bisschen weiter zurückgeht. Dafür legt Hühnerfleisch zu. Die allergrößte Mehrheit des Fleischs wird dabei noch immer in konventionell wirtschaftenden Betrieben hergestellt. Nur fünf Prozent des gesamten Viehbestandes werden in ökologisch wirtschaftenden Betrieben gehalten, bei Rindern sind es etwa sechs Prozent, bei Schweinen sogar nur ein Prozent. Das hat auch mit dem Preisdruck zu tun. Die allermeisten von uns legen beim Fleisch vor allem auf eines wert: einen niedrigen Preis.

Bis heute kein staatliches Tierwohllabel

Jetzt will allerdings ausgerechnet der Discounter Aldi eine Wende zu mehr Ökofleisch hinlegen – und weil die Firma so große Mengen abnimmt, ungefähr ein Viertel des gesamten Fleischangebots in Deutschland, ist das ein mächtiges Signal für die gesamte Landwirtschaft. Die Supermarktkette hat nämlich angekündigt, in ein paar Jahren kein Fleisch von Tieren mehr zu verkaufen, die nur unter absoluten Mindestanforderungen gehalten wurden.

Konkret orientiert man sich dabei am Aufdruck zur Haltungsform, der auf den Fleischpackungen bei Aldi, Edeka, Kaufland, Netto, Penny und Rewe zu finden ist. Ein staatliches Tierwohllabel gibt es ja bis heute nicht.

Aldi hat nun jedenfalls in Aussicht gestellt, bis zum Jahr 2025 komplett auf Fleisch aus der Haltungsform 1 zu verzichten, die Tierschützer ohnehin massiv kritisieren. Konkret heißt das nämlich für ein Schwein, dass es im Schnitt nur 0,75 Quadratmeter Platz im Stall bekommt. „Wir leiten mit unserem Tierwohlversprechen einen Haltungswechsel ein", so Lars Klein, Marketingchef von Aldi Süd. „Tierwohl soll im Handel selbstverständlich und für jeden leistbar sein.“

Ab 2030 soll es auch Fleisch der Haltungsform 2 („StallhaltungPlus“) bei dem Discounter nicht mehr geben, wo die Tiere neben den gesetzlichen Mindestanforderungen nur zum Beispiel etwas mehr Platz bekommen. Nochmal das Beispiel Schwein: Hier stehen dann 0,83 Quadratmeter zur Verfügung. Viel ist das noch immer nicht.

Planung bis zum Ende des Jahrzehnts

Stattdessen soll zum Ende des Jahrzehnts dann nur noch Fleisch verkauft hatten, bei dem die Tiere in den Betrieben noch mehr Platz und Frischluft-Kontakt (Stufe 3, „Außenklima“) oder ab besten Auslaufmöglichkeiten im Freien (Stufe 4, „Premium“) hatten. Auch das ist im Detail nicht wirklich ein Wellness-Programm für die Tiere. Bei Stufe 3 reicht im Zweifel auch eine offene Stalltür für den Frischluftkontakt aus – und pro Schwein steht dann ein Quadratmeter zur Verfügung. Bei Stufe 4 muss dann tatsächlich ein Auslauf im Freigelände sein, pro Schwein stehen mindestens 1,5 Quadratmeter zur Verfügung.

Nun kann man sagen: Warum dauert das mit den Verbesserungen überhaupt so lange? Da hält Aldi nun dagegen, dass die Bauern ja erst einmal eine Chance haben müssten, ihre Ställe und Anlagen umzubauen. Das ist nicht nur teuer, das dauert vor allem auch – und jeder, der zuletzt einen Handwerker brauchte, kann das Problem vielleicht wirklich ein bisschen nachempfinden.

Der Deutsche Tierschutzbund begrüßt jedenfalls die Pläne des Discounters ausdrücklich. Und bei Greenpeace heißt es: „Aldis Ankündigung ist ein Meilenstein, der der ganzen Branche zeigt, wo es hingehen muss.“ Der Tierschutzorganisation Peta gehen die Pläne wiederum nicht weit genug.

Konkurrenten ziehen nach

Und tatsächlich: Unter anderem Edeka, Rewe, Penny  und Lidl wollen beim Tierwohl nun ebenfalls nachlegen, das haben die Firmen angekündigt. Rewe und Penny wollen bei Frischfleisch-Eigenmarken ab Ende 2030 ausschließlich Haltungsstufe 3 und 4 anbieten. Edeka will „kurzfristig“ auf Haltungsstufe 1 verzichten - und „längerfristig“ auch auf Haltungsstufe 2. Genaue Daten gibt es aber noch nicht. Bei Lidl soll Schweinefleisch der untersten Haltungsstufe im kommenden Jahr aus dem Sortiment verschwinden, bei Rind soll es bis 2025 dauern.

„Offensichtlich ist der Lebensmitteleinzelhandel nun bereit, auch im Einkauf erhebliche Summen aufzuwenden, um mehr Tierwohl angemessen zu honorieren", sagte Bauernverbandschef Joachim Rukwied. Wobei man sagen muss: Zwar wird Biofleisch in die Haltungsstufe 4 einsortiert. Doch die EU-Vorschriften für ökologischen Landbau sind noch viel strenger, unter anderem bei der Frage der verwendeten Futtermittel und der Reinigung der Ställe. Und nochmal strengere Regeln haben Anbauverbände wie Bioland, Demeter und Naturland.

Warum machen die Handelsketten das überhaupt?

Warum nun unternehmen die Discounter überhaupt Vorstöße für zumindest etwas mehr Tierwohl? Weil sie Angst um den Ruf ihrer Produkte haben. Denn die Jugend hat erkennbar wenig Bock auf Bockwurst und Co.: Junge Menschen ernähren sich schon jetzt doppelt so häufig vegetarisch und vegan wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Wer dieser Generation in Zukunft überhaupt noch Fleisch und Wurst verkaufen will, muss sich also etwas einfallen lassen.

Interessant ist, was die Pläne für mehr Tierschutz für den Fleischpreis bedeuten. Da haben sich ja die Discounter in der Vergangenheit immer wieder gegenseitig unterboten – oder tun es aktuell immer noch. Deswegen klagt etwa Olaf Feuerborn, Präsident des Landesbauernverbandes Sachsen-Anhalt, über das Preisniveau, „dass es für so einen Preis eigentlich gar nicht funktionieren kann". Klar ist: Höhere Standards werden kaum zum Nulltarif zu haben sein. Die Kunden werden also langfristig in vielen Fällen mehr zahlen müssen als jetzt. Wie viel, das wird sich im Detail noch zeigen. Wobei ein Aldi-Sprecher in Aussicht stellt: „Wir werden alles dafür tun jedem zu ermöglichen, ein Steak Haltung 4 auf den Grill zu werfen.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 28. Juni 2021 | 06:00 Uhr

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