Diabetes-Studie Uniklinik Dresden
Der einjährige Joshua hat ein erhöhtes Risiko, an Diabetes-Typ-1 zu erkranken. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

08.11.2019 | 12:45 Uhr Kein Zuckerschlecken: Der Kampf gegen das Diabetes-"Monster"

Weltweit arbeiten Forscher an einem wirksamen Medikament gegen Diabetes-Typ-1 - die genetisch bedingte Zuckerkrankheit bei Kindern und Jugendlichen. Sie haben sich ein großes Ziel gesteckt: A world without 1! Eine Welt ohne Diabetes-Typ-1. In Dresden setzen Mediziner dagegen auf Prävention. Im Januar 2018 wurde ein Studienzentrum an der Uniklinik eingerichtet. Dort können Babys auf ihr genetisches Diabetes-Risiko getestet werden. Bei Auffälligkeiten werden sie betreut und begleitet - schon bevor sich das Diabetes-"Monster" zeigt.

von Isabelle Fabian

Diabetes-Studie Uniklinik Dresden
Der einjährige Joshua hat ein erhöhtes Risiko, an Diabetes-Typ-1 zu erkranken. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Der kleine Joshua ist ein Sonnenschein: fröhlich, aufgeweckt, interessiert sich wie viele kleine Jungs für Autos und Bauklötze. Im September vergangenen Jahres erblickte er das Licht der Welt. Zu seinem Glück in der Uniklinik Dresden, denn dort wird ein Frühscreening für Diabetes-Typ-1 angeboten. Mittlerweile kann diese Untersuchung an 28 Kliniken in Sachsen durchgeführt werden. Kinder können aber nicht nur im Krankenhaus getestet werden, sondern auch beim Kinderarzt.

Nach drei bis vier Wochen erhielt Joshuas Mutter die Nachricht, dass bei ihrem Sohn die genetische Veranlagung für die tückische Zuckerkrankheit gefunden wurde:

Man macht sich ja vorher überhaupt keine Gedanken. Wir mussten uns erst einmal belesen, was das überhaupt bedeutet und was da jetzt auf uns zukommt.

Melanie Kretschmar Joshuas Mutter

Die Ärzte boten der Familie an, an der "Point"-Studie teilzunehmen. "Wir sind nach Dresden gefahren und haben uns angehört, was bei dieser Studie passiert. Und wir haben uns dafür entschieden", berichtet Melanie Kretschmar.

Was ist "Point"?

Diabetes-Studie Uniklinik Dresden
Bei der regelmäßigen Blutabnahme muss der kleine Joshua tapfer sein. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Die "Point"-Studie (Primary Oral Insulin Trial) ist eine europaweite Studie. Die teilnehmenden Kinder haben ein 25-fach erhöhtes Risiko an Diabetes-Typ-1 zu erkranken. Wichtig: Die Veranlagung muss da sein, die Krankheit darf aber noch nicht ausgebrochen sein. Die Betroffenen bekommen vom ersten Brei bis zum dritten Geburtstag täglich einmal Insulin mit dem Essen verabreicht.

Derzeit werden 78 Kinder im Studienzentrum in Dresden betreut. Für die Familien bedeutet das einen großen Aufwand, erzählt Studienärztin Sophie Heinke. Alle zwei Monate steht eine Untersuchung im Studienzentrum an. Dabei wird unter anderem Blut abgenommen - jeweils 30, 60 und 120 Minuten nach der Insulingabe. Mit dem dritten Geburtstag bekommen die Probanden kein Insulin mehr, werden aber weiter engmaschig kontrolliert. Trotz des Aufwands nehmen ungefähr 30 Prozent der Familien, deren Kinder die Veranlagung in sich tragen, an der "Point"-Studie teil. Für die Dresdner Forscher ein großer Erfolg: "Je mehr Studienteilnehmer wir haben, desto aussagekräftiger sind unsere Ergebnisse."

Wir sind sehr glücklich, dass es keine Nebenwirkungen bei der Studie gibt, also keine Unterzuckerungen oder dergleichen.

Sophie Heinke Studienärztin des Zentrums für Regenerative Therapien Dresden

Risikogruppe Kind

Forscher haben beobachtet, dass vor allem in den ersten Lebensjahren das Risiko am höchsten ist. Dann nämlich, wenn sich das Immunsystem bildet. Deshalb geben sie in dieser Zeit Insulin in Pulverform mit dem Essen oder in einer ganz neuen Studie auch als Nasenspray.

Damit wollen wir einen lebenslangen Schutz herstellen. Der Körper soll durch die regelmäßige Insulingabe lernen, dass das Insulin kein Stoff ist, der bekämpft werden muss.

Professor Ezio Bonifacio Leiter des Zentrums für Regenerative Therapien Dresden
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Einmal täglich bekommen die Kinder der Studie mit dem Essen Insulin verabreicht. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Die Dosis des Insulins als Pulver oder Nasenspray sei so gewählt, dass es eine Reaktion im Immunsystem erzeugt, ohne den Blutzucker zu verändern, erklärt Professor Ezio Bonifacio, Leiter des Zentrums für Regenerative Therapien Dresden. Das in der Studie verabreichte Insulin wirkt also nicht im Blut, sondern über die Schleimhäute, ergänzt Heinke.

Die Präventionsstudie funktioniert wie eine Hyposensibilisierung bei Allergiepatienten. Ob die Therapie wirkt, weiß heute noch niemand. Bis 2025 läuft die "Point"-Studie noch. Joshuas Eltern hoffen natürlich, dass die tägliche Insulingabe hilft, das Diabetes-"Monster" im Keim zu ersticken. Denn einmal ausgebrochen, gibt es kein Zurück.

Was ist eigentlich Diabetes-Typ-1?

Wenn wir Nahrung zu uns nehmen, muss diese aufgespalten werden, damit alle Organe mit Energie versorgt werden können. Die Bauchspeicheldrüse produziert dafür Insulin, das wirkt als Schlüssel zur Aufnahme von Glukose. Bei Diabetes-Typ-1 werden die insulinproduzierenden Zellen von den T-Zellen des Immunsystems bekämpft. Der mit der Nahrung aufgenommene Zucker kann nicht mehr aufgeschlossen werden. Deshalb steigt der Blutzucker immer mehr an.

Irgendwann steigt die Bauchspeicheldrüse aus, es wird gar kein Insulin mehr gebildet und der Diabetes manifestiert sich. Die Betroffenen sind ein Leben lang auf Insulin von außen angewiesen - mit täglich mehrmaligen Spritzen oder als Insulinpumpentherapie. Die Kinder-Diabetes-Ambulanz in der Uniklinik Dresden betreut derzeit rund 300 junge Patienten. Im vergangenen Jahr erkrankten 40 Kinder neu an Diabetes-Typ-1, in diesem Jahr wurde die Zahl schon überschritten. Es wird angenommen, dass sich die Anzahl der Neuerkrankungen in den kommenden Jahren verdoppelt.

Was passiert bei Diabetes-Typ1 1 min
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Professor Ezio Bonifacio (links) mit Familie Kretschmar: Vater Ivo mit Sohn Joshua und Ehefrau Melanie Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

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Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 08.11.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2019, 12:45 Uhr

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