Depression: Arbeit ist nicht die Hauptursache - und Urlaub lindert die Krankheit nicht

Depression ist eine Volkskrankheit in Deutschland, die auch viele Menschen in unserer Region betrifft. Dennoch gibt es gravierende Wissenslücken und Fehleinschätzungen in der Öffentlichkeit. Dabei geht es dabei zum Beispiel um die Rolle des Jobs bei der Erkrankung.

Frau sitzt erschöpft und gestresst an einem Tisch
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Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann ist im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. So vermeldet es die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die ihren Hauptsitz in Leipzig hat. Und im Zuge der Corona-Pandemie hat sich der Zustand von vielen Betroffenen deutlich verschlechtert: „44 Prozent der Menschen mit Depression haben berichtet, dass sich ihr Zustand durch die Maßnahmen gegen Corona so massiv verschlechtert hat, dass sie einen Rückfall erlitten haben, die Schwere der Depression zugenommen hat oder sie Suizidgedanken entwickelt haben“, berichtete Stiftungschef Ulrich Hegerl im Sommer. Das würde hochgerechnet bei 5.3 Millionen Menschen mit Depression gut zwei Millionen Menschen betreffen.

Depression ist also eine Volkskrankheit. Nur: Haben wir als Gesellschaft daraus auch die richtigen Schlussfolgerungen gezogen? Es gibt Hilfsangebote, das ist wichtig – etwa das deutschlandweite Info-Telefon, das unter der Nummer 0800 33 44 5 33 kostenfrei zu erreichen ist. Doch einen Therapieplatz zu bekommen, kann eine sehr langwierige Angelegenheit sein.

Gravierende Wissenslücken

Interessant ist: Obwohl Depression so viele Menschen auch in unserer Region betrifft, gibt es offenbar noch gravierende Wissenslücken und Fehleinschätzungen in der Öffentlichkeit. Das zeigte sich exemplarisch, als die Stiftung im September ihr Deutschland-Barometer insgesamt 5.283 repräsentativ ausgewählte Menschen zwischen 18 und 69 Jahren online befragen ließ. Konkret geht es dabei zum Beispiel um die Rolle des Jobs. Denn Belastungen am Arbeitsplatz (95 Prozent der Befragten vermutete dies), Konflikte im Job/mit Kollegen (93 Prozent) und die dauerhafte Erreichbarkeit (83 Prozent) gelten als wichtigste Ursachen für Depression. Doch das stimmt bestenfalls zum Teil.

Dass die Erkrankung auch biologische Ursachen hat, weiß jedoch offenbar nur ein Teil der Menschen. Nur 64 Prozent der Befragten kannten etwa die Information, dass es bei Depression auch eine erbliche Komponente gibt. Und nur 57 Prozent konnten sagen, dass während der Depression vielfältige Hirnprozesse verändert sind. „Während der Depression nehmen Betroffene alles wie durch eine dunkle Brille wahr und fühlen sich völlig erschöpft und durch die Arbeit überfordert. Häufig wird dann die Überforderung fälschlicherweise als Ursache und nicht als Folge der Depression angesehen“, sagt Stiftungschef Hegerl.

Urlaub ist keine Behandlung

Eine junge blonde Frau schläft
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Und dieses Vertauschen ist die Grundlage für ein weiteres häufiges Missverständnis. Unter den befragten glaubten nämlich 68 Prozent, dass Urlaub bei Depression hilft. Und 63 Prozent gingen davon aus, dass ausruhen und viel schlafen die Depression lindert. Doch das stimmt nicht, wie Hegerl sagt:

Das Gegenteil ist der Fall: Langer Schlaf verschlechtert bei den meisten die Depression. Schlafentzug ist dagegen ein etabliertes Behandlungsverfahren in Kliniken. Auch Urlaub lindert die Depression nicht, da die Erkrankung mitfährt.

Behandelt wird die Erkrankung gemäß den nationalen Leitlinien mit Antidepressiva, Psychotherapie – und in manchen Fällen auch beidem.

Ein besserer Wissensstand zur Erkrankung in Unternehmen könnte viel Leid bei betroffenen Arbeitnehmern und immense Kosten für Arbeitgeber vermeiden, glaubt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Das würde womöglich auch dabei helfen, dass Betroffene am Arbeitsplatz überhaupt über ihre Erkrankung sprechen. Aktuell tut dies nämlich nur etwa ein Drittel. 

Hier gibt es am Telefon ganz schnell Hilfe: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 - 11 10 111, und 0800 - 11 10 222 kostenfrei erreichbar.

Auch die Stiftung der Deutschen Depressionshilfe bietet Unterstützung am Telefon an und nennt Anlaufstellen vor Ort: 0800 - 33 44 533 (kostenfrei, Mo, Di, Do: 13 bis 17 Uhr; Mi, Fr: 08:30 bis 12:30 Uhr)

Die „Nummer gegen Kummer“ ist für Kinder und Jugendliche von Montag bis Samstag von 14.00 bis 20.00 Uhr kostenfrei erreichbar: 0800 - 11 10 333

Bei der Suche nach einem Facharzt oder Psychotherapeuten in ganz Deutschland unterstützt auch der Psychotherapie-Informations-Dienst PID unter 030 – 209166330 (Mo, Di von 10 bis 13 und 16 bis 19 Uhr und Mi, Do von 13 bis 16 Uhr).

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 21. November 2021 | 12:47 Uhr

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