UDPATE: Corona-Kettenbriefe - Wir haben die Ratschläge überprüfen lassen

Zuletzt geändert: 16.03.2020 | 11:46 Uhr

Das Schmerzmittel Ibuprofen sei gefährlich für Corona-Infizierte: Eine Sprachnachricht dazu wurde am Wochenende über WhatsApp verbreitet. Sie ist nur einer von mehreren Kettenbriefen zum neuartigen Coronavirus, die gerade kursieren. Deutsche Mediziner warnen: Solche Kettenbriefe verunsichern die Menschen weiter.

Smartphone mit Kettenbrief auf WhatsApp mit vermeintlichen Tipps zum Schutz vor dem Coronavirus
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Fast 5.000 Menschen in Deutschland haben sich mit dem Coronavirus infiziert (offizieller Stand laut RKI vom 15. März). Die Zahl der Covid-19-Infektionen steigt weiter an. Das Robert-Koch-Institut ruft Menschen dazu auf, Abstand voneinander zu halten. Die Gesundheitsbehörden und auch Landesregierungen sagen kleinere und größere Veranstaltungen komplett ab, Schulen und Kindergärten sind weitestgehend geschlossen, Fußballspielspiele finden nicht mehr statt. Die Sorge der Menschen wächst. Offenbar auch deshalb teilen viele die Kettenbriefe zu Covid-19, die angeblich wichtige Informationen zum Erkennen der Krankheit und zum Schutz davor enthalten.

"Ein bisschen Forschung betrieben"

Die Sprachnachricht dauert nicht ganz zwei Minuten: Eine Frau erzählt, sie sei Mutter und habe gerade mit einer Freundin telefoniert. Die arbeite an der Medizinischen Universität Wien. Die Mediziner hätten zu der Frage "ein bisschen Forschung betrieben", warum in Italien so viele Menschen am Coronavirus gestorben seien. Danach hätten Patienten mit schweren Symptomen vorher das Schmerzmittel Ibuprofen eingenommen. Die Ärzte der Uniklinik würden daher von der Ibuprofen-Einnahme abraten. Die Nachricht solle bitte weitergeleitet werden und das machten am Wochenende offenbar zahlreiche Menschen. Die Audionachricht landete bei vielen auf dem Smartphone. Die Antwort der Wiener Mediziner kam prompt kurz darauf via Twitter: Die Audionachricht sei "Fake News".

Zudem teilte der Sprecher des Universitätsklinikum Johannes Angerer dem MDR in einem Telefongespräch mit, diese Information stimme nicht. Der Faktenfinder der Tagesschau berichtet ergänzend: Es gibt nach Angaben des französischen Gesundheitsministers Hinweise, dass die Einnahme von Ibuprofen oder entzündungshemmenden Mitteln ein Faktor bei einen schweren Verlauf sein könnte. Betroffene sollten mögliche Alternativen mit ihrem Arzt besprechen.

"Bitte teilen Sie diese Nachricht mit jeden, der davon profitieren kann!"

Im Internet und in sozialen Netzwerke werden noch einige weitere Kettenbriefe zum Coronavirus verteilt: Die über WhatsApp und Co. verbreiteten Ratschläge stammen angeblich von Medizinern, die in China Kranke betreuen:

Onkel und Nichte meines Klassenkameraden haben einen Masterabschluss und arbeiten im Shenzen-Hospital. Er wird nach Wuhan gebracht, um das Lungenentzündungsvirus dort zu untersuchen.

Screenshot eines Kettenbriefs zum Coronavirus
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In den Kurznachrichten wird unter anderem ein einfacher Selbsttest für Corona beschrieben. Einmal 10 Sekunden den Atem anhalten am Morgen - das soll dafür ausreichen. Wer regelmäßig trinke, könne sich vor dem Virus schützen, heißt es weiter. Präzise Quellen für diese Verhaltenstipps fehlen. Ein Kettenbrief schließt mit der Aufforderung, die angeblich wichtigen Informationen anderen nicht vorzuenthalten:

Bitte teilen Sie diese Nachricht mit Ihrer Familie, Ihren Freunden und jeden, der davon profitieren kann! Helfen Sie den Menschen, das Corona-Virus auf der ganzen Welt loszuwerden. Dr. ilhan Edis, Duisburg

Welche Ratschläge aus den Kettenbriefen zum Coronavirus stimmen wirklich?

Zu den Kettenbriefen mit angeblichen Tipps von Medizinern aus Japan, Taiwan, China und Kanada gibt es bisher keine offizielle Stellungnahme, die sich direkt darauf bezieht. Wir haben daher eine Medizinerin gefragt, welche Tipps zum Schutz vor dem Virus aus den Kettenbriefen wirklich etwas bringen: Dr. Ursula Marschall leitet den Forschungsbereich "Medizin- und Versorgungsforschung" bei der gesetzlichen Krankenkasse BARMER.

Werden die Symptome einer Corona-Erkrankung richtig beschrieben?

Laut Kettenbrief sollen Betroffene unter anderem so erkennen, dass sie an Covid-19 erkrankt sind: "Der erste Hals wird infiziert, so dass der Hals ein trockenes Halsgefühl hat, das 3 bis 4 Tage anhält." Und: "Eine verstopfte Nase ist nicht wie die normale Art. Sie werden das Gefühl haben, im Wasser zu ertrinken." Tatsächlich kann sich eine Coronavirus-Erkrankung genauso anfühlen, sagt Dr. Ursula Marschall. Allerdings könnten die beschriebenen Symptome eben auch bei einer ganz normalen Erkältung auftreten.

Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der BARMER
Bildrechte: BARMER

Ich habe im Augenblick so ein bisschen das Gefühl, da redet jeder über den Coronavirus und es wird die Angst vor der noch unbekannten Erkrankung ausgenutzt. Dann kommen Hinweise, deren medizinischer Inhalt eher fragwürdig ist.

Funktioniert der Corona-Selbsttest für zu Hause?

In den Kettenbriefen wird empfohlen, morgens für zehn Sekunden den Atem anzuhalten. Wer dabei keinen Husten bekomme, keine Beschwerden, kein Engegefühl, der sei auch nicht infiziert: "….beweist dies, dass keine Fibrose in den Lungen vorliegt, was im Grunde genommen auf keine Infektion hinweist." Aus Sicht unserer Expertin ist der Selbsttest schlicht Quatsch:

Eine Fibrose ist ein bindegewebiger Umbau der Lunge. Und das hat mit dem Coronavirus überhaupt nichts zu tun. Auch wenn die Coronavirus-Erkrankung Lungenveränderungen im Sinne einer Lungenentzündung zur Folge hat. Da gibt es Entzündungszellen, einen veränderten Gasaustausch. Eine wirklich ausgeprägte Fibrose ist übrigens nichts, was man mit dem beschriebenen Atemtest auch nur ansatzweise testen kann.

Kann man sich vor dem Virus schützen, wenn man viel und regelmäßig trinkt?

Wer laut den Kettenbriefen, Mund und Hals immer feucht hält und alle fünfzehn Minuten ein paar Schlucke Wasser trinkt, soll sicher vor dem Virus sein: "Das Trinken von Wasser oder anderen Flüssigkeiten spült es durch Ihre Speiseröhre in den Magen. Dort angekommen, tötet die Magensäure das Virus ab." Befolge man diesen Tipp nicht, könne das Virus in die Luftröhre und die Lunge gelangen. Auch dieser Ratschlag schütze zu einhundert Prozent nicht vor dem Coronavirus, sagt die Medizinerin Marschall. Feuchte Schleimhäute machten es zwar Viren etwas schwerer, in den Körper einzudringen. Dafür müsse man aber nicht dauernd trinken.

Ich kann aber allein schon die Luftfeuchtigkeit in den Räumen erhöhen, wenn ich einfach regelmäßig lüfte und das Fenster aufmache. Trinken aller 15 Minuten ist kein ausreichender Schutz vor dem Coronavirus. Wenn ich mich schützen möchte, muss ich auf meine Handhygiene achten und in die Armbeuge niesen.

Tötet man den Virus wirklich ab, wenn man sehr warmes Wasser trinkt?

Laut einem Kettenbrief ist das "Wuhan"-Virus nicht hitzebeständig. Schon Wasser mit einer Temperatur von 26 bis 27 Grad töte das ab. Dieser Tipp sei Blödsinn, sagt Dr. Ursula Marschall.

Sind Oberflächen wie Türen oder Klinken gefährlich?

Laut den Kettenbriefen stecken sich die meisten Menschen mit dem Coronavirus an, weil sie "öffentliche Dinge" berühren. Also Klinken, Tastaturen, Haltestangen. Daher wird dazu geraten, die Hände häufig zu waschen. "Das Virus kann nur 5-10 Minuten auf Ihren Händen leben, aber dies kann in 5-10 Minuten häufig vorkommen (Sie können Ihre Augen reiben oder Ihre Nase unwissentlich berühren)." Auch diese Tipps seien schlicht falsch, sagt unsere Expertin. Es habe bisher keinen einzigen bestätigten Fall gegeben, in dem sich Menschen über Gegenstände wie Türklinken mit dem Virus angesteckt haben. Das sei immer nur über den Kontakt von Menschen miteinander passiert:

Wenn ich jetzt verstärkt auf Hygiene achte, passe auf meine Tastatur oder die Türklinke auf, dann ist das gut. Das ist aber kein hundertprozentiger Schutz vor Coronaviren. Abhängig von den Umständen wie Luftfeuchtigkeit oder Temperatur kann das Virus da ein paar Minuten oder auch bis zu einem Tag überleben. Auch da lernen wir gerade täglich dazu.

Das Fazit unserer Expertin

Die Kettenbriefe verunsichern Menschen mit ein paar Tipps, die schlicht falsch sind. Solche Nachrichten sollte man nicht weiterverbreiten. Wir reden im Augenblick über Corona und sollten aufpassen, dass wir nicht in Kollektivpanik verfallen.

Gesundheitsminister raten: Einfach nicht weiterschicken

Auch die Gesundheitsbehörden raten dazu, die vermeintlichen Verhaltenstipps einfach zu ignorieren und die Kettenbriefe nicht weiter zu verschicken. So schreibt das Thüringer Gesundheitsministerium auf MDR JUMP-Anfrage: "Derartige Fehlinformationen, Angst- und Panikmache sollte man am besten direkt löschen". Wer sich über den Schutz vor dem Coronavirus und über mögliche Anzeichen für eine Covid-19-Infektionen informieren möchte, solle dafür nur seriöse Quellen nutzen. Dazu gehört etwa das Bundesgesundheitsministerium und die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung. Der Sprecher von Sachsens Gesundheitsministerium schreibt auf Anfrage:

Für uns gelten die offiziellen Kanäle des Robert Koch-Instituts, des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt und vieler Landkreise und Städte als seriöse Informationsquelle.

Was schützt laut Virologen wirklich vor einer Infektion?

Das Robert Koch-Institut beispielsweise empfiehlt, zum Schutz vor Corona die auch für die Grippesaison geltenden Hust- und Niesregeln einzuhalten. Die hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zusammengestellt:

Eine Frau niest in ihr Taschentuch (Symbolbild)
Bildrechte: imago images / Rolf Kremming

Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch. Verwenden Sie dies nur einmal und entsorgen es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel. Wird ein Stofftaschentuch benutzt, sollte dies anschließend bei 60°C gewaschen werden. Ist kein Taschentuch griffbereit, sollten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase halten und ebenfalls sich dabei von anderen Personen abwenden.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat einige zum Coronavirus im Internet und in sozialen Netzwerken verbreitete Tipps und Informationen in dieser Übersicht gesammelt. Mediziner haben sie auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Die Webseite gibt es nur in Englisch und Französisch – aber nicht auf Deutsch.

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Dieses Thema im Programm Die MDR JUMP Feierabendshow | 15. März 2020 | 15:10 Uhr

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