Warum die zweite Corona-Welle gefährlich werden könnte

Jetzt ist aber auch mal gut mit Corona? Schön wäre es! Experten warnen davor, dass die Pandemie uns Monate und Jahre beschäftigen wird. Ob uns das gefällt oder nicht.

Mediziner behandeln einen Patienten auf der Intensivstation des Ausbildungs- und Forschungskrankenhauses Sancaktepe Sehit Prof.Dr. Ilhan Varank an, auf der Corona-Patienten behandelt werden.
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Es fühlt sich komisch an. Da freuen wir uns also, dass wir mit kleinen Schritten wieder in unser „normales“ Leben starten können. Mal wieder richtig shoppen gehen, zum Friseur, mit den Kids in den Zoo, bald hoffentlich auch in den Biergarten. Gleichzeitig warnen Experten immer wieder, dass die Coronakrise längst noch nicht ausgestanden ist und sprechen von einer drohenden zweiten Welle.

Dabei geben die aktuellen Statistiken des Robert-Koch-Instituts (RKI) das auf den ersten Blick gar nicht her: Die gemeldeten Neuinfektionen liegen seit Tagen im dreistelligen Bereich, der Trend geht klar nach unten.

Weitere Ansteckungswellen sind wahrscheinlich

Doch so einfach ist die Sache eben nicht. Das RKI rechnet fest mit weiteren Ansteckungswellen. "Das ist eine Pandemie. Und bei einer Pandemie wird dieses Virus so lange Krankheiten hervorrufen, bis 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert sind", so hat es RKI-Präsident Lothar Wieler erklärt. Oder bis es eine Impfung gibt. Doch ob und wann das passiert ist, steht noch nicht fest.

Immer wieder haben Forscher darüber debattiert, ob es in der Pandemie einen jahreszeitlichen Effekt gibt. Und auch wenn der bisher noch nicht genau nachgewiesen ist, gibt es aktuell wohl zumindest einen positiven Beitrag: Mehr Menschen sind draußen an der frischen Luft, die Temperaturen sind höher, das Virus kann sich dadurch schwerer verbreiten. Auch ist im Sommer das Immunsystem vieler Leute besser in Schuss als in der dunklen Jahreszeit. Auch das könnte die Verbreitung des Erregers zumindest ein Stück weit hemmen. Das könnte die aktuell guten Zahlen erklären.

Doch auch wenn wir uns das gerade alle gar nicht vorstellen mögen: Irgendwann wird der Sommer zu Ende sein – und dann dürfte dieser Effekt verschwunden sein. Die Temperaturen werden wieder günstiger sein für die Verbreitung des Virus, die Immunsysteme im Schnitt nicht mehr so gut in Schuss. Dann dürften die Fallzahlen wieder steigen. Spätestens dann kommt die zweite Welle. Und im Zweifelsfall kommen nach ihr auch die dritte und vierte. 

Der Erreger wird wohl nicht verschwinden

Es gehe darum, die Verbreitung des Virus über Monate und Jahre im Griff zu halten, sagt der Epidemiologe Marc Lipsitch von der Universität Harvard. „Es geht nicht darum, über den Höhepunkt hinauszukommen, wie einige Leute zu glauben scheinen." Der Forscher hat zusammen mit Kollegen der University of Minnesota eine Studie vorgestellt. Darin sind drei mögliche Szenarien für die Zukünftigen Pandemiewellen vorgestellt: 

Szenario eins: Immer wieder flackert die Pandemie auf, die Spitzen der regelmäßig wiederkehrenden Wellen werden nur langsam kleiner.

Szenario zwei: Der bisherige Verlauf der Pandemie war erst der Anfang. Viel schlimmer wird es demnach im Herbst, wenn die Fallzahlen massiv nach oben gehen. Dann folgen mehrere kleinere Wellen. Das wäre laut den Forschern vergleichbar mit dem Ausbruch der sogenannten Spanischen Grippe 1918/19.

Szenario drei: Es gibt keine klaren Wellen, die Ausbreitung des Virus geht auf mittlerem Niveau dauerhaft weiter.

Womöglich wird es gar nicht so lange dauern, bis die Fallzahlen auch in Deutschland wieder steigen. Das hat mit den Lockerungen zu tun. Experten haben vorgeschlagen, einzelne Maßnahmen in jeweils abgegrenzten Gebieten zu testen, um ihr Ergebnis besser bewerten zu können. Aber der Politik ging das zu langsam, viele Lockerungen kamen zeitgleich.

Außerdem sind viele von uns sind einfach ein bisschen schnell dabei, die alten Gewohnheiten wiederaufzunehmen. Und wenn man – wie diverse Protestierende am Wochenende – die Hygiene- und Abstandsregeln womöglich sogar absichtlich missachtet, wird die gesamte Bevölkerung dafür einen Preis zahlen. Mit Singapur und Japan gibt es bereits zwei Länder, die ein Wiederansteigen der Infektionszahlen melden müssen. Dort sind die Regeln zur Eindämmung des Sars-CoV-2-Erregers wieder strenger geworden, um der Situation Herr zu werden. Das könnte auch bei uns zum Thema werden.

Wenn sich das Virus weiter verbreitet, wird es bei einer zweiten Welle nicht wie bisher ein paar wenige „Hotspots“ mit erhöhtem Krankheitsgeschehen geben, sondern viel mehr betroffenen Gebiete. Davor hat auch der Berliner Virologe Christian Drosten bereits gewarnt: "Auf einmal hat man eine Wucht einer Infektionswelle innerhalb von einem Monat, die man nicht erwartet hatte", erklärte der Seuchenexperte von der Charité. Und zwar selbst dann, wenn es bis geschafft habe, den Reproduktionsfaktor bei der Verbreitung des Virus um die Zahl 1 zu halten. Zur Erinnerung: Das heißt, dass ein Erkrankter jeweils einen Gesunden ansteckt.

Aktuell liegt die R-Zahl nahe eins, vielleicht sogar schon wieder darüber. Das lässt sich wegen statistischer Unsicherheiten nicht genau sagen. Entscheidend für die mögliche Wiedereinführung strengerer Maßnahmen soll aber eine andere Zahl sein: Es geht um die Neuinfektionen pro Woche. Liegt die bei mehr als 50 nachgewiesenen Fällen pro 100.000 Einwohner, sollen die Landkreise gegensteuern. Doch längst nicht alle Experten sind sich sicher, ob das rechtzeitig passieren würde, um eine zweite Welle zu verhindern: weil Ausbreitung im Verborgenen stattfinden kann, weil durch Meldeverzug das wahre Ausmaß der Probleme womöglich erst zu spät feststeht – und vielleicht auch, weil ein der eine oder andere Kommunalpolitiker ein bisschen zu lange wartet, bis er seinen Bürgerinnen und Bürgern unliebsame Nachrichten verkünden muss.

Das Fazit von Gesundheitsminister Jens Spahn: “Es ist wichtig, dass wir uns gedanklich auf eine zweite Welle vorbereiten.”

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 11. Mai 2020 | 14:00 Uhr

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