Corona-Infektionszahlen: Allzeitrekord - so schlimm wie im Frühjahr?

Das Robert Koch-Institut meldet einen neuen Rekord bei den registrierten Corona-Infektionen. Wir liegen damit über den Zahlen vom Frühjahr. Allerdings lassen sich die Angaben von damals und heute nicht wirklich vergleichen. Ein Grund zur Beruhigung ist das leider trotzdem nicht.

Screenshot einer Deutschlandkarte, auf der man die Verbreitung des Coronavirus sieht.
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Die Kanzlerin, so ist es jedenfalls zu lesen, war wohl nicht so recht zufrieden. „Die Ansagen von uns sind nicht hart genug, um das Unheil von uns abzuwenden“, soll Angela Merkel beim Treffen mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch gegrollt haben. Es ging um Maßnahmen im Kampf gegen die wiederaufflammende Corona-Pandemie, zum ersten Mal seit Monaten trafen sich die Kanzlerin und die Länderchefs deswegen wieder persönlich in Berlin.

Herausgekommen sind schärfere lokale Corona-Beschränkungen für Hotspot-Regionen. Dazu zählen unter anderem eine Sperrstunde in der Gastronomie um 23 Uhr, inklusive Alkoholverbot - auch wenn Experten Zweifel an der Wirksamkeit solcher Maßnahmen haben. Auch Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum und eine Begrenzung von Teilnehmern bei privaten Feiern auf jeweils zehn Personen soll es geben, dazu eine erweiterte Maskenpflicht.

Zu den Regionen mit mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen gehören bei uns in der Region – Stand Donnerstag - der Landkreis Eichsfeld in Thüringen und der Erzgebirgskreis in Sachsen. Die Landkreise Zwickau, Gera und Sömmerda melden zur selben Zeit immerhin mehr als 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

Unterschiedliches Maß an Besorgnis in der Politik

Ob die neuen Regeln reichen, um den zuletzt rasanten Anstieg der Fallzahlen zu bremsen? Man wird sehen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gibt sich nicht wirklich überzeugt: „Die zweite Welle ist da. Die Lage ist jetzt ein bisschen gefährlicher fast als im Frühjahr“, sagt er. Man sei einem „zweiten Lockdown näher, als wir das wahrhaben wollen“. „Keine Hysterie, bitte“, warnt dagegen Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Es gelte vor allem, existierende Regeln zu „bekräftigen und entschieden durchsetzen“.

Sachsen will aber zum Beispiel prüfen, ob die Begrenzungen für private Feiern nur eine Empfehlung und keine verbindliche Regel werden. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow trägt die Maßnahmen mit, ob es auch in seinem Land ein Beherbergungsverbot für Menschen aus Hotspot-Regionen geben soll, ist noch nicht klar. „Jetzt bin ich noch nicht so besorgt, dass ich denke, wir haben es in Thüringen nicht im Griff“, lautet sein aktuelles Fazit. Angesichts der Infektionszahlen sei er aber „hellwach“.

Neuer Allzeitrekord gemeldet

Wie dramatisch man die Lage aktuell findet, hängt sicherlich ein gutes Stück weit vom eigenen Empfinden ab. Tatsache ist aber: Das Robert Koch-Institut (RKI) hat am Donnerstag so viele Neuinfektionen in Deutschland vermeldet wie noch nie seit Beginn der Corona-Pandemie – und zwar 6638 an einem Tag. Die Zahl liegt damit höher als am 2. April, als der bisherige Rekord von 6554 Fällen gemeldet worden war.

Allerdings sind die Zahlen von damals und heute nicht wirklich miteinander vergleichbar. Das liegt daran, dass im April deutlich weniger auf den Covid-19-Erreger getestet wurde als heute. Allein der vergangenen Woche wurde in Deutschland 1.167.428 Mal auf das Corona-Virus getestet. Das heißt: Heute ist es deutlich wahrscheinlicher, eine infizierte Person auch zu finden als im Frühjahr. Damals gab es eine höhere Dunkelziffer nicht erkannter Fälle.

Das hat unter anderem auch damit zu tun, dass sich mittlerweile viele Menschen freiwillig testen lassen – auch um trotz des umstrittenen Beherbergungsverbots für Gäste aus Hotspot-Regionen verreisen zu können.

Quote positiver Tests steigt deutlich

Was man aber auch sagen muss: Die Fallzahlen steigen definitiv nicht nur, weil mehr getestet wird – auch wenn das einige Leute behaupten. Denn tatsächlich liegt die aktuelle Zahl der Tests seit rund zwei Monaten auf einem vergleichbaren Niveau, die Zahl der positiven Proben geht aber erst jetzt deutlich nach oben. Eine Maßzahl dafür ist die sogenannte Positivquote. Sie beschreibt den Anteil positiver Tests an der Gesamtmenge der untersuchten Menschen. Und diese Quote ist von 0,74 Prozent Ende August auf mittlerweile 2,48 Prozent geklettert.

Womöglich gibt es aber auch einen weiteren Grund für den sprunghaften Anstieg der Zahlen am Donnerstag. Der könnte mit einem Rückstau in den Labors zu tun haben. Einige der gut 180 aktuell in der Corona-Diagnostik aktiven Analysezentren haben dem RKI gemeldet, dass sie Schwierigkeiten haben, an die nötigen Reagenzien für die Tests zu kommen. Außerdem haben manche Labore geklagt, dass sie sich stark an den Grenzen ihrer Auslastung befinden. Das kann laut RKI dazu führen, dass Proben aus überlasteten Labors weiterverschickt werden - und sich so längere Fristen für die Bearbeitung der Proben und die Meldung des Ergebnisses ergeben.

Die aktuelle Sars-CoV-2 Testkapazität in Deutschland liegt laut RKI derzeit bei maximal 1.712.246 Tests wöchentlich. Viel Luft nach oben ist da also nicht. Zumal das ein theoretischer Wert ist, für den alles glatt laufen muss.

In etwa zehn Tagen wissen wir mehr

Ob die aktuellen Maßnahmen dabei helfen, die Pandemie wieder in den Griff zu bekommen, dürfte sich in etwa zehn Tagen zeigen. Bis dahin wird es wohl weitere Rekordwerte bei den Infektionen geben. Am Ende liegt es an uns allen, durch die Einhaltung der Regeln und durch gesunden Menschenverstand die Zahl der Infektionen zu begrenzen. Denn, so warnt Kanzlerin Merkel: „Deutschland kann sich einen zweiten Lockdown nicht leisten.“

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