Offizielle Corona-Warn-App vorgestellt - Wir haben sie getestet!

Jetzt kann die offizielle Corona-Warn-App für iPhones und Smartphones mit Android heruntergeladen werden. Am Dienstagvormittag wurde sie von den Entwicklern vorgestellt. Wir haben uns die App genauer angesehen.

Das offizielle Logo der Bundesregierung für die Corona-Warn-App auf einem Smartphone
Bildrechte: Logo - Bundesregierung / Pierre Gehmlich

Wochenlang wurde darüber gerätselt, ob Deutschland die Corona-Warn-App für Smartphones wirklich wie von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) versprochen Mitte Juni einführt. Jetzt ging alles ganz schnell: Die App kann aus den Stores für iPhones und Android-Smartphones heruntergeladen werden. Die Entscheidung dafür war am Sonntag nach letzten erfolgreichen Tests gefallen.

Jetzt ist die "beste Warn-App der Welt" da

Seit kurz nach 2.00 Uhr nachts kann die App für Android hier über den Google Play Store und hier im App-Store für iPhones heruntergeladen werden. Die wurde am Dienstagvormittag von der Bundesregierung, den Entwicklern SAP und Telekom und vom Robert Koch-Institut vorgestellt. Aus Sicht von Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) ist die seit der Nacht verfügbare Handy-Anwendung "nicht die erste Warn-App weltweit, die vorgestellt wird. Aber ich bin ziemlich überzeugt, es ist die beste!" Für die App hat die Bundesregierung eine eigene offizielle Internetseite aufgesetzt. So soll verhindert werden, dass Nutzer auf Fake-Apps hereinfallen. Allerdings war dort am Dienstagnittag (Stand: 11.00 Uhr) noch gar kein Hinweis darauf zu sehen, dass die App bereitsteht. Das Programm läuft nur auf iPhones mit dem aktuellen Betriebssystem 13.5 und auf Android-Smartphones mit Android 6 oder neuer. Nur auf diesen Handys kann die für die Bluetooth-Messung nötige Schnittstelle bereitgestellt werden. Das sind meist Smartphones, die nicht älter als vier Jahre sind.

Unser erster Eindruck

Hinweis der Macher: Dafür ist die App wichtig
So empfängt die offizielle Corona-Warn-App Nutzer: Wir mussten dafür auf offizielle Pressebilder zurückgreifen. Die App lässt bei Android-Handys keine Screenshots zu. Bildrechte: imago images / Eibner

Wir haben die App auf einem etwa ein Jahr alten günstigen Smartphone mit Android getestet: Das Programm ist gerade mal 16 Megabyte groß und daher über WLAN oder auch über Mobilfunk schnell heruntergeladen. Im App-Store von Google war das Programm allerdings nur mit etwas Suchen zu finden. Die App startet nach dem Download zügig und ohne Ruckeln. Gleich auf dem ersten Bildschirm erklären die Macher, warum es jetzt die Corona-Warn-App in Deutschland gibt: Sie soll "mehr Schutz" für den Nutzer und alle anderen bieten, indem das Smartphone zum "Corona-Warn-System" aufgerüstet wird. Auf dem Bildschirm wird auch erläutert, wie die App funktioniert und dass sie sich die "Begegnungen" mit anderen App-Nutzern der letzten 14 Tage merkt.

Möglichst offen

Auf dem nächsten Bildschirm werden die aus Sicht der Macher wichtigsten Fragen beantwortet: Wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Wer steht hinter der App? Ist sie freiwillig? Das ist anders als bei den Apps gelöst, die viele auf dem Smartphone haben und das soll offenbar gleich am Anfang Vertrauen beim Nutzer aufbauen. Die Erklärungen sind nicht ganz so einfach und übersichtlich gehalten wie der Rest der App, die auf einfache Comiczeichnungen in Rot und Blau und kurze aber prägnante Erklärtexte setzt.

Auf diesem Bildschirm schaltet der Nutzer die Risikoermittlung der App an.
Bildrechte: imago images / Eibner

Danach wird der Nutzer gebeten, die "Risiko-Ermittlung zu aktivieren": Was dahinter steckt, erklärt die Corona-Warn-App sehr ausführlich auf mehr als zwei Bildschirm-Seiten. Darin wird auch noch einmal darauf verwiesen, dass die Nutzung der App komplett anonym passiert.Damit wird das Bluetooth-Modul des Smartphones aktiviert. Die App gibt aber noch kein Feedback dazu, ob sie misst, wie lange und wie nahe andere Kontakte kommen. Dabei wird auch noch kurz erläutert: Bluetooth muss an sein, damit die App funktionieren kann. Bei einer Begegnung mit anderen soll nur das Datum und die Signalstärke weitergegeben werden – also möglichst wenige Daten.

Risikoermittlungs-Anzeige der App
Bildrechte: imago images / Eibner

Der Hauptteil der App ist dann sehr einfach gestaltet: Sie soll eine Risikoermittlung anzeigen. Die zeigt aber bisher noch an, dass die App auf dem Smartphone noch nicht lange genug aktiviert ist. Laut den Machern soll das so aussehen wie auf dem Bild neben diesem Text. Ein grüner Hintergrund soll dann anzeigen: Alles gut, keine Kontakte mit möglicherweise Infizierten festgestellt. Ein zweiter Teil der App ist für die Meldung reserviert, wenn ein Nutzer positiv auf Corona getestet wurde: Der muss dann einen TAN-Code eingeben oder einen QR-Code mit dem Smartphone einscannen, der vom Labor bereitgestellt wird. Das soll einen Missbrauch der App verhindern. Das Risiko der letzten Tage anzeigen und Meldungen einer Infektion mit Corona - mehr kann die App nicht.

Unser erstes Fazit

Die App ist klein, läuft auch auf einem günstigen Smartphone ohne Ruckler und ist übersichtlich und einfach gestaltet. Sie soll alarmieren, wenn man Kontakt mit Betroffenen hatte. Nutzer können selbst auch einen positiven Corona-Test melden. Viel mehr kann das kleine Smartphone-Programm nicht und soll es nach Auskunft der Macher auch nicht. Die versuchen, mit viel Offenheit Nutzer zu überzeugen. Das funktioniert, an manchen Punkten stören die langen Erklärtexte aber etwas. Offen bleibt, ob sich alle Nutzer so viel am Bildschirm durchlesen.

Wie funktioniert die App?

Das Smartphone-Programm zeichnet vereinfacht gesagt über den Tag hinweg auf, welche anderen Smartphones in die Nähe des Handynutzers gekommen sind. Patrick Bellmer von heise online sagte MDR JUMP:

Patrick Bellmer von heise online
Patrick Bellmer von heise online Bildrechte: Heise Medien

Die App nutzt das Bluetooth-Modul im Smartphone und sendet in regelmäßigen Abständen Signale aus. Damit erkennt es, welche andere Smartphones in der Umgebung sind.

Dabei wird auch geprüft, für welche Zeitspanne die anderen Smartphones mit der App darauf dem Nutzer nahe waren. Die App berechnet aus den Daten Nähe und Zeitspanne, ob es ein mögliches Risiko für die Übertragung von Viren gab. Etwa weil der empfohlene Mindestabstand von anderhalb Metern über 15 Minuten hinweg (so das Robert Koch-Institut bei der Vorstellung) nicht eingehalten wurde. Ist das der Fall, wird das in der App vermerkt. Meldet einer der nahe gekommenen Smartphone-Nutzer später eine Corona-Infektion, werden alle "Nah-Kontakte" über die App darauf hingewiesen. Allerdings eben mit Zeitverzögerung, um Persönlichkeitsrechte zu wahren, sagte Telekom-Sprecher Knirsch im MDR-Interview:

Die Corona-Warn-App zeigt an, dass der Smartphone-Nutzer nach den gesammelten Informationen bisher keinem Risiko einer Ansteckung ausgesetzt war.
Bildrechte: imago images / Sven Simon

Ganz entscheidend ist, dass dies nachträglich passiert. Die App ist wie ein Wachhund, der zu spät kommt. Wenn der Hund bellt, ist der Einbrecher weg, und der Hund weiß auch nicht, wer der Einbrecher war.

Die Entwickler SAP und Telekom wiesen im Gespräch mit MDR JUMP darauf hin, dass die Warn-App eine sehr stromsparende Bluetooth-Technologie nutzt. Die unterscheide sich zudem deutlich von dem im Alltag genutzten Funk, um etwa Kopfhörer oder Lautsprecher zu koppeln. Die könnten daher via Bluetooth ohne Probleme weiter verwendet werden. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte dazu am Dienstag auf der Pressekonferenz zur Freischaltung der App:

Wir haben Wert drauf gelegt, dass der Akku nicht so schnell leer ist, wie man das in anderen Ländern bei anderen Warn-Apps erlebt.

Der Bundesminister für besondere Aufgaben Helge Braun (CDU) sagte zur Präzision der Warn-App:

Darüber lassen sich Zeitdauer und Entfernung eines möglichen Kontakts sehr präzise ermitteln. Zumindest ist das präziser als unsere Erinnerung, wenn das Gesundheitsamt im Ernstfall die Infektionsketten nachverfolgen will.

Laut Entwickler SAP gab es in den Vorab-Tests eine Genauigkeit von 80 Prozent: Vereinfacht gesagt war jede fünfte Testperson laut den Regeln nahe genug am Nutzer der Warn-App und wurde trotzdem nicht erkannt.

Wie verhindern die Entwickler, dass ihre App für Falschmeldungen missbraucht wird?

Rainer Knirsch
Bildrechte: Rainer Knirsch

Wer sich infiziert hat, soll über die App andere anonym informieren können, die vorher in der Nähe und möglicherweise einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt waren. Diese Meldung kann aber nicht jeder einfach auf Knopfdruck machen. Sonst wäre das Risiko zu groß, dass Nutzer die App für Scherze missbrauchen und für unnötige Unruhe sorgen. Das würde das Warnsystem ganz schnell unbrauchbar machen. Rainer Knirsch von der Telekom sagte MDR JUMP: "Nutzer können sich nur dann freiwillig auf infiziert schalten, wenn sie zur einen eindeutigen Code erhalten haben. Den bekommen sie nur nach einer vom Labor bestätigten Infektion." Dafür erhalten App-Nutzer nach einem positiven Test einen QR-Code, der dann mit dem Smartphone abgescannt werden kann. Dann wird dieser Nutzer in der App als positiv gemeldet. Alternativ kann die Meldung über eine Hotline freigeschalten werden, wenn das Labor noch nicht mit der QR-Technik arbeiten kann. An der Hotline sollen geschulte Mitarbeiter mit gezielten Fragen herausfinden, ob jemand wirklich ein Ansteckungsrisiko mitteilen will oder nur einen Scherz treibt.

Was machen Nutzer nach einer Warnmeldung in der Corona-Warn-App?

Wer von der App auf dem eigenen Smartphone einen möglichen Kontakt mit einem Betroffenen angezeigt bekommt, kann das bei seinem Hausarzt oder beim Gesundheitsamt melden. Aktuell können sich alle testen lassen, die Kontakt mit Infizierten hatten. Dafür müssen auch keine Covid-19-Symptome auftreten. Den Test bezahlen die Krankenkassen. Einen Überblick, wie viele sich mit Corona infiziert haben und eine Warnmeldung abgeben, ist nicht möglich. Diese Information bekomme niemand und so sei die App eben nicht angelegt, sagte Gesundheitsminister Spahn bei der Vorstellung.

Können Handynutzer gezwungen werden, die App auf ihr Smartphone zu laden?

Zuletzt gab es immer wieder Diskussionen, ob in Freibädern, Restaurants oder Hotels vielleicht bald das Smartphone vorgezeigt werden muss. Nur wer über eine Corona-Warn-App für zusätzliche Sicherheit sorge, komme dann rein. Die Entwickler und die Bundesregierung als Auftraggeber betonten in den letzten Wochen immer wieder, die App sei komplett freiwillig. Sie könne auch jederzeit wieder deaktiviert oder deinstalliert werden. Auch Arbeitgeber dürfen die App nicht zur Bedingung dafür machen, dass ihre Mitarbeiter an ihren Arbeitsplatz dürfen. Es gibt allerdings kein Gesetz, das solche Zugangsbeschränkungen verbietet. Für eine solche Regelung hatten sich die Grünen, die Linken, der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) und der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen (SVRV) ausgesprochen. Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) lehnt so ein Gesetz ab. Das werde es nicht geben, sagte die Ministerin am Tag vor der Freischaltung der App in einem Interview.

Wie viele Menschen müssen die App nutzen, damit sie ein Erfolg wird?

Frau mit Mundschutz und Smartphone
Bildrechte: imago images / Sven Simon

Rund 60 Prozent der Deutschen, also 50 Millionen Menschen müssten mitmachen, sagen Wissenschaftler der Universität Oxford. Erst dann könnte diese beim Schutz vor dem Virus wirklich einen Nutzen bringen. Wie groß der ist und ob damit Deutschland den Corona-Virus weiter eindämmen kann, lässt sich aus Sicht des Leipziger Medizininformatikers Alfred Winter allerdings derzeit nicht sagen. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie sagte der Nachrichtenagentur dpa am Montag, der mögliche Nutzen könne wegen fehlender Daten derzeit nicht beurteilt werden. Er hält eine flächendeckende Verbreitung aber nicht für nötig.

Ich persönlich kann mir vorstellen, dass auch eine hohe Nutzungsrate nur in einer Region, einer Stadt oder einem Stadtviertel, vielleicht nur in einem Milieu für die jeweilige Nutzergruppe positive Effekte haben kann.

Ähnlich äußerte sich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Dienstagmorgen im "Morgenmagazin" im ZDF: Er könne die Studie nicht nachvollziehen, nach der 60 Prozent der Bevölkerung für deinen Erfolg der App mitziehen müssten. Es komme nicht darauf an, "irgendwelche Prozentzahlen" in die Welt zu setzen, sondern dass gerade diejenigen, die viel unterwegs und in Kontakt mit anderen seien, die App herunterladen.

Der Beitrag wurde mit Material von dpa erstellt.

Dieses Thema im Programm Die MDR JUMP MORNINGSHOW | 16. Juni 2020 | 07:10 Uhr

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