Versprochene Corona-Warn-App soll jetzt Mitte Juni kommen

Mit der App sollen die Infektionszahlen nach den Lockerungen niedrig bleiben. In anderen Ländern gibt es die Warn-Programme längst. Die deutschen Entwickler wollen alles richtig machen und so viele Nutzer überzeugen.

Das offizielle Logo der Bundesregierung für die Corona-Warn-App auf einem Smartphone
Bildrechte: Logo - Bundesregierung / Pierre Gehmlich

Es wirkt, als würde Deutschland auch bei der Warn-App dem gängigen Klischee gerecht: Wenn im Land der Entwickler und Ingenieure eine Corona-Warn-App eingeführt wird, dann muss die so perfekt wie möglich sein. Dieser Weg wird selbst dann durchgezogen, wenn es dabei immer wieder Verzögerungen gibt und prominente Politiker wie Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) über das "Elend" bei der Einführung der App schimpfen. Die ist aus Sicht von Epidemiologen ein wichtiger Baustein, um die weitgehenden Lockerungen jetzt abzusichern. Vielleicht können die so sogar ganz abgeschafft werden. Doch dafür muss die App wirklich funktionieren und vor allem von vielen Millionen Nutzern freiwillig aufs Smartphone geladen werden.  

Ab wann kann man die App aufs Handy laden?

Die App soll ab Mitte Juni endgültig verfügbar sein. Gottfried Ludewig, Leiter der Abteilung Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium, sagte dazu am Mittwoch in einem Podcast:

Ziel ist, dass Mitte Juni die App im Google Play Store und im App-Store von Apple für 99 Prozent der Handys zur Verfügung steht, die in Deutschland genutzt werden.

Diesen Zeitplan wolle man auch einhalten, versicherten die beiden von der Bundesregierung beauftragten Entwickler SAP und Telekom im Gespräch mit MDR JUMP. Am Wochenende erst (20. Mai) haben Apple und Google erst die für die App nötige Schnittstellen-Technik zur Verfügung gestellt. Jetzt laufen laut den Entwicklern Tests mit Nutzern. Aus Sicht von Prof. Dr. Gerhard Fettweis von der TU Dresden wirkt der Plan sehr optimistisch:

Prof. Dr. Gerhard Fettweis ist Inhaber des Vodafone-Lehrstuhls für Mobilkommunikationssysteme an der TU Dresden, sowie Leiter des Barkhau. Er hat gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern in seiner Freizeit eine Corona-Warn-App entwickelt, die nach seiner Aussage bereits Anfang Mai komplett fertig war.
Bildrechte: Privat/Gerhard Fettweis

Bei der von Google und Apple vorgestellten Programmierumgebung für die App am 20. Mai gab es noch Defizite bezüglich der epidemiologischen Anforderungen. Somit wird noch wertvolle Zeit vergehen. Nicht nur wegen der Programmierung, sondern auch um die Anforderungen zu erfüllen.

Er rechnet eher mit einem Start Anfang Juli. Der Wissenschaftler hat in seiner Freizeit mit anderen Wissenschaftlern eine Corona-Warn-App entwickelt, die nach seiner Aussage bereits fertig war. Die Bundesregierung entschied sich allerdings gegen die Technik. Damit habe man zwei Monate verloren, so Gerhard Fettweis.

Warum ist Deutschland so spät dran?

In Singapur und Südkorea gibt es seit Monaten Warn-Programme, auch Frankreich und Australien haben solche so genannten Tracing-Apps schon bereitgestellt. Im Vergleich dazu wirkt Deutschland langsam. Doch die Macher wollen ganz offensichtlich nicht die Fehler wiederholen, die andere Länder gemacht haben und damit der App einen möglichst guten Start und einen Vertrauensvorsprung verschaffen. Das klingt in Gesprächen mit Experten und mit Telekom und SAP immer wieder durch. Anders als etwa in Australien sollen sich hier auch iPhones und Android-Smartphones untereinander verstehen und erkennen. Nur so liefert das Warnsystem vernünftige Ergebnisse. SAP und Telekom nutzen für die App zudem einen Bluetooth-Standard, der auch weiter funktioniert, wenn Kopfhörer oder Lautsprecher mit dem Smartphone gekoppelt sind. In Frankreich werden die Daten aus der App auf einem zentralen Server gespeichert – dagegen laufen auch in Deutschland Datenschützer und Verbraucherschützer Sturm. Zudem soll die deutsche Corona-Warn-App nicht wissen können, wo sich die Nutzer gerade aufhalten. Telekom-Sprecher Dr. Rainer Knirsch sagte MDR JUMP:

Rainer Knirsch
Bildrechte: Rainer Knirsch

Das gibt’s in anderen Ländern, wo GPS oder Funkzellen von Mobilfunkunternehmen genutzt werden. Deutschland will, dass die Menschen der App vertrauen und daher ist es ganz wichtig, dass keine Standortdaten genutzt werden.

Wie funktioniert die App?

Patrick Bellmer von heise online
Patrick Bellmer von heise online Bildrechte: Heise Medien

Die Corona-Warn-App merkt sich vereinfacht gesagt, welche anderen Smartphones den Tag über in die Nähe des Handynutzers gekommen sind. Patrick Bellmer von heise online sagte MDR JUMP: "Die App nutzt das Bluetooth-Modul im Smartphone und sendet in regelmäßigen Abständen Signale aus. Damit erkennt es, welche andere Smartphones in der Umgebung sind." Dabei wird auch geprüft, wie lange die anderen Smartphones mit der App darauf dem Nutzer nahe waren. Die App berechnet dann, ob es ein mögliches Risiko für die Übertragung von Viren gab. Etwa weil der empfohlene Mindestabstand von anderhalb Metern nicht eingehalten werden konnte. Ist das der Fall, wird das in der App vermerkt. Meldet einer der nahe gekommenen Smartphone-Nutzer später eine Corona-Infektion, werden alle "Nah-Kontakte" über die App darauf hingewiesen. Allerdings eben mit Zeitverzögerung, um Persönlichkeitsrechte zu wahren, so Telekom-Sprecher Knirsch im MDR-Interview:

Ganz entscheidend ist, dass dies nachträglich passiert. Die App ist wie ein Wachhund, der zu spät kommt. Wenn der Hund bellt, ist der Einbrecher weg, und der Hund weiß auch nicht, wer der Einbrecher war.

Wie präzise ist die App?

Das kann aktuell niemand seriös sagen. SAP und Telekom verweisen auf die laufenden Tests, in denen auch die Genauigkeit der Bluetooth-Messungen geprüft wird. Aus Sicht von heise online-Experte Patrick Bellmer könnte die Corona-Warn-App unter freiem Himmel präzisere Ergebnisse liefern als in geschlossenen Räumen: "Bluetooth hat wie jeder Funkstandard auch Einschränkungen. Da wird manches Material besser durchdrungen, Glas beispielsweise. Metall dagegen wird gar nicht durchdrungen." Stehen sich etwa ein mit Corona infizierter Mensch und ein anderer an einem Metalldrahtzaun gegenüber, wird das in der App wegen des fehlenden Bluetooth-Signals möglicherweise nicht als riskante Situation vermerkt. Die Virentröpfchen dagegen könnten den Drahtzaun passieren. Forscher Fettweis sieht noch ein anderes Problem. Bei der von ihm entwickelten App wäre via Bluetooth aller zehn Sekunden gemessen worden, ob andere Nutzer in der Nähe sind. Diese Messungen in einem engen Zeitraum sollten Fehler ausgleichen, etwa wenn Menschen nicht still sitzen oder die Antennen der Bluetooth-Module nicht in eine andere Richtung zeigen. Er sagte MDR JUMP:

Google und Apple sind bisher anderer Meinung: Es wird bei ihrer Lösung nur alle drei Minuten gemessen. Nach dem, was uns die Epidemiologen gesagt haben, ist das ungenau.

Die Apps sind zudem darauf ausgelegt, eine mögliche Corona-Infektion durch Tröpfchen anzuzeigen. Dafür werden Abstand und Zeitdauer gemessen, die laut Epidemiologen für diesen Ansteckungsweg eine Rolle spielen können. Inzwischen rückt aber eine mögliche Infektionsgefahr durch Aerosole mehr in den Fokus der Virologen. Das sind mikrofeine Schwebeteilchen mit Viren, die offenbar auch mehrere Stunden lang und mehrere Meter weit schweben können. Theoretisch könnte sich auch jemand infizieren, der einen ungelüfteten Raum mit Aerosolen betritt. Vor dieser möglichen Gefahr kann die App nicht warnen, sagt SAP-Sprecher Hilmar Schepp ganz offen:

Hilmar Schepp, Sprecher SAP
Bildrechte: Hilmar Schepp

Die App kann ja nur den Zeitraum messen, wie lange man mit anderen zusammen war. Das fließt mit ein.  

Wie verhindern die Entwickler, dass ihre App für Falschmeldungen missbraucht wird?

Wer sich infiziert hat, soll über die App andere anonym informieren können, die vorher in der Nähe waren. Das kann aber nicht jeder einfach auf Knopfdruck machen. Sonst wäre das Risiko zu groß, dass Nutzer die App für Scherze missbrauchen und für unnötige Unruhe sorgen. Das würde das Warnsystem ganz schnell unbrauchbar machen. Rainer Knirsch von der Telekom sagt:

Nutzer können sich nur dann freiwillig auf infiziert schalten, wenn sie zur einen eindeutigen Code erhalten haben. Den bekommen sie nur nach einer vom Labor bestätigten Infektion.

Wie schnell leert die Warn-App den Akku?

Akku-Ladeanzeige auf einem Smartphone.
Bildrechte: imago/Christian Ohde

Die App muss ständig im Hintergrund laufen und regelmäßig Bluetooth nutzen, um mögliche Kontakte mit anderen zu registrieren. Dafür muss auch immer Bluetooth am Smartphone eingeschalten sein. Das klingt aus Laiensicht nach einem echten Energiefresser, der den Akku des Smartphones deutlich schneller leert. Das wiederum wäre dann ein Problem. Ein ausgeschaltetes Handy kann nicht als "Corona-Wachhund" dienen. Die Entwickler SAP und Telekom weisen darauf hin, dass ihre App eine sehr stromsparende Bluetooth-Technologie nutzt. Die unterscheide sich auch deutlich von dem im Alltag genutzten Funk, um etwa Kopfhörer oder Lautsprecher zu koppeln. Rainer Knirsch von der Telekom sagte zum Stromverbrauch der App:  

Wir machen dazu gerade eigene Tests. Die sind aber noch nicht abgeschlossen.

Datenschutz

In Frankreich wird auf einem zentralen Server gespeichert, was die Corona-Warn-Apps an möglichen Annäherungen anderer App-Nutzer sammeln. Das passiert zwar laut den Machern alles anonym. Trotzdem gab es heftige Kritik von Datenschützern. In Deutschland wird das anders gelöst: Alle Daten bleiben auf dem Handy, so Bundesgesundheitsministerium, SAP und Telekom. Das loben die Verbraucherzentralen auf ihrer Internetseite:

Das ist aus Verbrauchersicht sehr zu begrüßen, weil es datensparsamer und weniger missbrauchsanfällig ist.

Auch sonst haben die Entwickler große Anstrengungen unternommen, um mögliche Bedenken wegen Datenmissbrauch von vornherein zu zerstreuen. Der Quellcode der Software ist für alle einsehbar und wird auf der Entwicklerplattform Github veröffentlicht. Rainer Knirsch sagte:

Wir haben von vornherein auch die strengen staatlichen Institutionen mit eingebunden: Der Bundesdatenschutzbeauftragte und das BSI waren von Anfang an mit dabei.

Wird die App Pflicht?

Frau mit Mundschutz und Smartphone
Bildrechte: imago images / Sven Simon

Zuletzt gab es immer wieder Diskussionen, ob im Schwimmbad oder im Restaurant das Smartphone vorgezeigt werden muss. Nur wer über eine Corona-Warn-App für zusätzliche Sicherheit sorge, komme dann rein. Solche Pflicht-Diskussionen haben nach Ansicht von Verbraucherschützern und Netzpolitikern das Vertrauen in die App schon vorab unnötig beschädigt. Die Entwickler und die Bundesregierung als Auftraggeber betonen daher immer wieder, die App sei komplett freiwillig. Sie hoffen, dass sich möglichst viele Deutsche dafür entscheiden. Aus Sicht von Experten müssten mindestens 60 Prozent der Bevölkerung die Corona-Warn-App nutzen. Erst dann könnte diese beim Schutz vor dem Virus wirklich einen Nutzen bringen. Das wären 50 Millionen Menschen.

Nach einer Umfrage der Universität Erfurt wäre etwas mehr als die Hälfte der Befragten bereit, sich eine datenschutzkonforme Warn-App auf ihr Smartphone zu laden. Für ihr Monitoring arbeitet die Universität unter anderem mit dem Robert-Koch-Institut und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zusammen.

Corona-Warn-App auf einen Blick
Bildrechte: Telekom/coronawarn.app

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 29. Mai 2020 | 12:45 Uhr

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