Wann gibt es einen Corona-Impfstoff? So weit sind die Forscher wirklich

Zehn bis fünfzehn Jahre dauert es im Schnitt, einen Impfstoff zu entwickeln. Pharmaunternehmen weltweit arbeiten mit Vollgas daran, das in weniger als einem Jahr zu schaffen. Der Corona-Virus ist aber ein harter Gegner.

Forscherin untersucht am Mikroskop menschliche Zellen
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Mit Tausenden beim Konzert feiern, dichtgedrängt im Stadion die Lieblingsmannschaft anfeuern, am vollen Urlaubsstrand sonnen: Zu unserem gewohnten, normalen Leben können wir nicht ohne einen Impfstoff zurückkehren. Zwar gibt es immer wieder Meldungen von Forschern, die Hoffnung machen: So hat die Oxford-Universität in Großbritannien gerade einen Impfstoff-Versuch mit 10.000 Teilnehmern gestartet. Das britische Gesundheitsministerium rechnet bereits mit einem Impfstoff bis Oktober. Gleichzeitig dämpfte jetzt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) alle Erwartungen: Ein Impfstoff gegen den neuartigen Corona-Virus stehe frühestens Mitte 2021 zur Verfügung. Nicht nur Medizinlaien sind von diesem Hin und Her verwirrt.

Weltweites Rennen um den Impfstoff

Mehr als 150 Impfstoffprojekte gibt es laut der Übersicht des Verbandes der forschenden Pharma-Unternehmen inzwischen weltweit. Sie arbeiten oft auch gemeinsam daran, die Entwicklungszeit für einen Impfstoff von den üblichen zehn bis fünfzehn Jahren auf wenige Monate zu drücken. Laut Weltgesundheitsorganisation sind aktuell die Impfstoffe von dreizehn Forschungsprojekten in klinischen Tests. An Freiwilligen wird erst einmal nur untersucht, ob diese den Wirkstoff vertragen. Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der BARMER, sagte MDR JUMP:

Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der BARMER
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Nur ein einziger Impfstoff ist schon in der zweiten Testphase. Das ist der von den Forschern aus Oxford. In dieser Phase wird dann an den Freiwilligen die Wirksamkeit des Impfstoffes getestet. Das heißt: Provoziert der überhaupt eine Antwort des Immunsystems?

Millionenhilfe vom Bund für erfolgversprechenden Test

Auch zahlreiche deutsche Pharmaunternehmen und Forschungsabteilungen von Universitäten arbeiten unter Hochdruck an einem Impfstoff. Darunter ist das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac, dessen Mehrheitseigentümer Dietmar Hopp schon im März Hoffnungen auf einen Impfstoff ab Herbst machte. Das Paul-Ehrlich-Institut ließ aktuell eine Curevac-Studie an 168 Freiwilligen zu. Darin wird ein Wirkstoff getestet, der ausgewählte Gene des Corona-Virus enthält. Die werden mit Nanopartikeln in den menschlichen Körper geschleust und sollen dann Zellen dazu bringen, Proteinstücke herzustellen. Das bringt laut Curevac das Immunsystem in Abwehrstellung gegen Corona. Der Chef des Unternehmens Franz-Werner Haas sagte zum Start des Tests:

Wir haben bei Tollwut in einer klinischen Studie gezeigt, dass schon ein Mikrogramm eines Wirkstoffes für einen Impfschutz reicht. Das haben wir als Basis für die Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffes genutzt.

Im Test jetzt wird aber zunächst nur untersucht, ob die Freiwilligen den möglichen Impfstoff vertragen oder ob sie Nebenwirkungen zeigen. Dafür gibt es einen finanziellen Schub vom Bund: Der steigt mit 300 Millionen Euro ein und kauft dafür Unternehmensanteile.

"Realistisch ist ein Impfstoff ab dem Frühjahr 2021"

Medizinerin Marschall geht davon aus, dass erst im nächsten Frühjahr ein Impfstoff gegen SARS-Co2 zur Verfügung steht. Da müsse man realistisch sein, auch wenn aktuell in kein anderes Medikament so viel Geld und Manpower fließe. Würden deutlich frühere Termine für einen Impfstoff genannt, sei das oft schlicht Marketing der Pharmaunternehmen. Die wollen damit Investoren gewinnen.

Ärztin, die einen Impfstoff für einen Patienten vorbereitet
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Auch wenn die Forscher in Großbritannien jetzt schon in Phase 2 sind, also die Wirksamkeit testen: Da ist unrealistisch, dass die Test-Phase bis September abgeschlossen ist. Auch die Europäische Arzneimittelagentur hält so einen frühen Termin für den Impfstoff für unrealistisch.

Warum erkranken manche schwer an Covid-19 und andere nicht?

Beatmung eines Covid-Patient
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Deutsche Forscher seien im weltweiten Rennen um einen Impfstoff gut dabei, sagte unsere Expertin. Das liege auch daran, dass es inzwischen viele Verbünde unter Forschern gebe. Die würden häufig auch mit Technikunternehmen gegründet, etwa um wichtige Maschinen wie Impfantwortverstärker herzustellen. Dazu kommt noch die Hilfe vom Bund. Der unterstützt aktuell auch ein Corona-Forschungsprojekt an der Universität Magdeburg in Sachsen-Anhalt: 600.000 Euro vom Forschungsministerium bekommt das Team um Immunologin Professor Monika Brunner-Weinzierl. Das erforscht die Reaktion von T-Zellen im Immunsystem von Menschen, die trotz einer Corona-Infektion keine Krankheitssymptome zeigen. Die Forscherin sagte MDR JUMP: "Wir schauen uns die T-Zellen im Körper an, weil eine schnelle Immunantwort wichtig ist. Und dafür spielen die T-Zellen eine zentrale Rolle: Sie zerstören Wirtszellen mit dem Virus oder sie regulieren die Produktion von Antikörpern. Dann kann der Virus gar nicht erst in die Zellen eindringen und sich nicht vermehren." Mit dieser Forschung wird unter anderem die Suche nach einem Impfstoff unterstützt. Wer die Rolle der Helferzellen im Kampf gegen Corona kennt, kann den Wirkstoff genauer auf das Virus zuschneiden. Auch Immunologin Brunner-Weinzierl geht davon aus, dass im besten Fall im Frühjahr 2021 ein Wirkstoff gegen Corona zur Verfügung steht. Wenn alles optimal läuft.

Viele Probleme sind noch nicht gelöst

Es gibt mehrere Gründe, warum die Suche nach einem Impfstoff trotz aller Kraftanstrengungen wohl noch einige Monate in Anspruch nimmt. Dabei impft die Menschheit seit Jahrzehnten erfolgreich gegen andere Viren, die beispielsweise Masern oder Kinderlähmung auslösen. Bisher ist schlicht nicht genau bekannt, wie das Immunsystem genau auf eine Corona-Infektion reagiert. Damit ist bisher auch noch nicht sicher, welcher Ansatz beim Entwickeln des Impfstoffes wirklich erfolgreich sein könnte. So setzen einige Forscher auf Corona-Viren, die sie vorher unschädlich machen. Alternativ werden Bestandteile des Virus gespritzt, um so eine Reaktion des Immunsystems hervorzurufen. Beides wird auch schon bei anderen Krankheiten erfolgreich gemacht. Etwas neuer ist die Idee, ein harmloses Virus als Corona-Virus zu verkleiden und damit das Immunsystem zu schulen. Ursula Marschall sagte:

Solche Wirkstoffe nennt man Vektorimpfstoffe. Dabei werden an sich harmlose Viren verkleidet, gespritzt und können dann im Patienten keine Krankheit auslösen. Sie lösen aber eine Antwort vom Immunsystem aus.

Gentechnik soll schnelle Erfolge bringen

Auf den Vektorimpfstoff setzen etwa die britischen Forscher, die jetzt als erste die Wirksamkeit eines Wirkstoffes am Menschen testen. Beim vierten Weg setzten Pharmaunternehmen wie Curevac aus Tübingen auf Gentechnik. Sie nutzen RNA-Erbinformationen, schleusen diese in menschliche Zellen und machen diese so zu Produzenten der Vireneiweiße. Auf die reagiert dann das Immunsystem und soll so auch vor einer Covid-19-Erkrankung schützen. Diese Methode hat offenbar den Vorteil, das wohl schon kleinste Impfstoffmengen im Mikrogramm-Bereich ausreichen. Das könnte in kurzer Zeit der Wirkstoff für sehr viele Menschen bereitgestellt werden. Allerdings ist derzeit offen, ob das in der Praxis wirklich funktioniert. Bisher gibt es aus Sicht unserer Experten noch keine Krankheit, bei der dieser Weg schon erfolgreich war. Immunologin Brunner-Weinzierl sagte:

Immunologin Prof. Dr. Monika Brunner-Weinzierl von der Universität Magdeburg. Sie erforscht aktuell die Reaktion von T-Zellen im Immunsystem von Menschen, die trotz einer Corona-Infektion keine Krankheitssymptome zeigen.
Bildrechte: Privat: Monika Brunner-Weinzierl

RNA-basierte Impfstoffe wurden bisher noch nicht eingesetzt, obwohl schon sehr lange daran geforscht wird. Da ist fraglich, ob das auch funktioniert. Bei einem herkömmlichen Impfstoff erkennt das Immunsystem direkt den abgeschwächten Virus oder seine Bestandteile und reagiert dann. Bei der RNA-Methode wird ein Umweg genommen. Es muss erst noch in den Körperzellen ein Protein aus der RNA produziert werden, dass das Immunsystem erkennt und dagegen reagiert.

Gibt es sogar schon einen wirksamen Impfstoff?

Zuletzt wurde immer wieder auch darüber diskutiert, ob es überhaupt einen Wirkstoff für alle Menschen geben kann. Möglicherweise gebe es diesen "Superimpfstoff" gar nicht. Monika Brunner-Weinzierl sagte:

Die Infektion mit dem Corona-Virus löst bei verschiedenen Menschen verschiedene Krankheitsbilder aus, wahrscheinlich dann auch verschiedene Immunantworten. Und daher ist es nicht leicht, den einen Impfstoff für alle zu entwickeln. Ein Vorgehen ist hierzu, man versucht, für jede Personengruppe den Viruspartikel zu identifizieren, der Schutz auslöst. Und aus diesen Viruspartikeln baut man dann ein Gemisch, so dass man mit dem gleichen Impfstoff  für jeden die richtige Immunantwort auslösen kann.

Offen ist derzeit auch noch, ob vielleicht ein schon bekannter Impfstoff einen Schutz gegen Corona bieten könnte. Als mögliche Kandidaten für solche "unspezifischen", also nicht genau auf SARS-CoV2 zugeschnittenen, Impfstoffe gelten die bereits entwickelten Mittel gegen Herpes oder Ebola. Beim Herpes-Virus sind einige Bauteile ähnlich, der Ebola-Virus ist laut den Experten enger mit Corona verwandt. Immunologin Brunner-Weinzierl sieht noch ein anderes Problem: Wie testet man einen Wirkstoff, wenn aktuell die Infektionszahlen wie in Deutschland auf einem sehr niedrigen Niveau bleiben? Was aus Sicht von Politik, Wirtschaft und Familien positiv, kann für Wissenschaftler im Praxistest tatsächlich ein Nachteil sein:

Damit lässt sich aber nicht so gut einschätzen, ob die Impfung wirklich erfolgreich war. Also ob die Freiwillige wirklich damit vor einer Infektion geschützt wurden. Man kann sie ja nicht extra dem Virus aussetzen, das wäre unethisch. Man kann nur sehen, was passiert, wenn sie mit jemandem mit einer Corona-Infektion in Kontakt kommen. Dabei könnte die neue Corona-Warn-App gute Dienste leisten.

Curevac etwa kann wegen des Infektionsgeschehens einen möglichen Wirksamkeitstest nicht in Deutschland durchführen. Vorstand Mariola Fotin-Mleczek sagte in der ARD, man sei daher mit Studienzentren in Afrika und Brasilien im Gespräch. Selbst wenn ein Impfstoff gefunden ist, der sicher ist und bei vielen Menschen wirkt: Dafür müssen noch die Produktionsanlagen hochgefahren werden. So müssen etwa Milliarden Glasfläschchen für die Impfdosen hergestellt werden.

Gibt es Medikamente, die bei Covid-19 helfen?

So lange es noch keinen Corona-Impfstoff gibt, suchen Ärzte und Forscher nach Medikamenten, mit denen sie den Verlauf der Krankheit zumindest abmildern können. Eins davon ist möglicherweise der Entzündungshemmer Dexamethason. Der zur Gruppe der Kortisone gehörende Wirkstoff konnte laut Studien der Universität Oxford die Sterberate bei sehr schwer Erkrankten um bis zu einem Drittel senken. Bisher ist aber noch offen, wie belastbar die Studienergebnisse sind. Auch das als Ebola-Medikament entwickelte Remdezivir zeigt offenbar auch bei Corona gute Erfolge, wenn man es früh gibt. Bisher sind diese Mittel aber noch nicht im Einsatz. Die Arbeit der Magdeburger Forscher um Monika Brunner-Weinzierl könnte auch hier weiterhelfen:

Wir suchen nach einer optimalen Antwort des Immunsystems auf den Corona-Virus. Wenn wir die haben, können wir auch sagen, wie ein Impfstoff gestaltet werden kann. Damit helfen wir den Kollegen, die ihn entwickeln. Gleichzeitig kann man Kranken T-Zellen entnehmen, optimal trainieren und ihnen zur Heilung zurückgeben.

Wie viele Menschen müssen geimpft sein?

Zwei von drei Menschen in Deutschland müssten geimpft sein, damit sich der Corona-Virus nicht weiter ausbreiten kann. Monika Brunner-Weinzierl sagte:

Wir wissen allerdings noch gar nicht, erzeugt der Virus oder die Impfung ein langes Gedächtnis im Immunsystem oder nur ein kurzes über mehrere Wochen. Davon hängt ab, wie viele Menschen geimpft sein müssen.

Symbolfoto: Impfstoff
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Die Bundesregierung hat mehrfach betont, dass es in Deutschland keine Impfpflicht geben soll und trat damit auch Verschwörungsmythen um eine angebliche "Zwangsimpfung" entgegen. Experten wie Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery warnen zwar: Menschen ohne Corona-Impfung seien ein Risiko für andere, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können. Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat aber jetzt einer Impfpflicht noch einmal eine Absage erteilt. Er zeigte sich überzeugt, dass "die große Mehrheit der Bürger geimpft werden möchte".

Mit Material von dpa.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 23. Juni 2020 | 12:45 Uhr

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