Corona-Pandemie bringt innere Uhr durcheinander

Kinder, wie die Zeit vergeht… Tatsächlich hat jeder Mensch ein ziemlich individuelles Zeitempfinden. Forschungsergebnisse aus England deuten nun darauf hin, dass da in Corona-Zeiten so einiges durcheinandergekommen ist.

Frau liegt im Bett und schläft, drückt die Schlaffunktion auf dem Wecker
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Ein netter Tag mit der Familie - am besten noch irgendwo, wo es schön ist - vergeht normalerweise sehr schnell. Ein Tag auf Arbeit dagegen kann sich ganz schön ziehen. Dieses Phänomen kennen wir alle. Und manchem von uns ist vielleicht auch schon aufgefallen, dass die Jahre immer schneller zu vergehen scheinen, je älter wir werden. Wenn man sich das alles vor Augen führt, wird klar: Unser Zeitempfinden ist eine ziemlich komische Sache, die viel mit den jeweiligen aktuellen Lebensumständen zu tun hat.

Zeitempfinden orientiert sich am Alltag

Forscher wie Isabell Winkler von der TU Chemnitz versuchen, die wissenschaftliche Fundamente unseres subjektiven Zeitempfindens zu ergründen. Sie wissen zum Beispiel, dass unser inneres Erregungsniveau die Zeitwahrnehmung beeinflusst: Wenn wir körperlich und emotional beansprucht werden, bekommen wir sozusagen mehr Takte unserer inneren Uhr mit, die Zeit kommt uns länger vor.

Und wer all das weiß, wundert sich vielleicht gar nicht so sehr über eine Meldung, die uns dieser Tage aus Großbritannien erreicht hat. Forscher um Ruth Ogden von der John-Moores-Universität in Liverpool haben nämlich herausgefunden, dass die Corona-Pandemie bei vielen Menschen das Zeitempfinden, die innere Uhr sozusagen, durcheinandergebracht hat.

Befragung hat Veränderungen im Zeitempfinden offenbart

Das Team hatte im April rund 600 Menschen in Großbritannien online befragt. Es ging dabei um Zeitempfinden, Gemütszustand und die aktuellen Lebensumstände. Im Fachmagazin „PLoS One“ beschreiben die Forscher nun die Ergebnisse. "80 Prozent der Menschen erlebten während des Lockdowns eine Verzerrung des Zeitablaufs", so Forscherin Ogden. Das heißt, dass nach dem Empfinden dieser Leute die Zeit in der Phase der Kontaktbeschränkungen anders verging als sonst.

Aber jetzt kommt der Witz: Die Zeit lief nicht etwa für alle besonders langsam ab, zum Beispiel, weil man viel weniger erlebte. Die Veränderungen hatten stattdessen wohl etwas mit dem Alter und den Lebensumständen der Befragten zu tun. Wer alt war und unzufrieden darüber, zu wenig Sozialkontakte zu haben, für den verging die Zeit langsamer. Dagegen empfanden junge und mit ihrem Sozialleben sonst eher zufriedene Leute eine Beschleunigung der Ereignisse. Das Ganze war nicht nur über die Tage bemerkbar, sondern auch über den Zeitraum von Wochen.

Einzelne Tage waren quälend lang

Der nicht an der Studie beteiligte Psychologe Helmut Prior von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main sagt: Wer in der Zeit der Corona-Zeit zu Hause nur wenig erlebt hat, für den waren die einzelnen Tage vielleicht quälend lang. Oder besser gesagt: Sie kamen ihm so vor. Später einmal, im Rückblick, kann das aber wieder ganz anders aussehen: "Wenn diejenigen, für die das über viele Wochen so lief, zurückschauen, haben sie fast das Gefühl, da war überhaupt keine Zeit." Das liegt dann daran, dass während der Hochphase der Pandemie sonst so wenig passiert ist, das unser Leben wie sonst strukturiert hat. Irgendwie waren ja wirklich für viele alle Tage gleich, gefüllt mit Homeoffice und Homeschooling und ähnlichen Herausforderungen.

Die Forscher um Ruth Ogden haben übrigens eine Einschränkung für die Aussagekraft ihrer Studie. Und zwar liegt sie darin begründet, dass im Lockdown viele Menschen mehr Alkohol gekauft haben. Und auch das könnte sich ja irgendwie auf die Zeitwahrnehmung ausgewirkt haben. Wenn man manchmal zu tief ins Glas schaut, soll es ja Momente geben, in denen einem tatsächlich für ein paar Stunden zwischendurch die Erinnerungen fehlen... Aber das ist erstens nicht schön und zweitens ein ganz anderes Thema.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 16. Juli 2020 | 22:00 Uhr

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