"Gleiche Regeln in Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Bayern wichtig"

Thüringen will Corona-Regeln aufheben, Sachsen plant ähnlich: Der Leipziger Virologe Uwe G. Liebert hält die Lockerungen für verfrüht. Die Auswirkungen der Kita- und Schulöffnungen seien noch nicht mal bekannt.

Menschen am Strand in Travemünde.
Gäste am Ostseestrand Travemünde: Das geht nur, wenn alle die Hygieneregeln einhalten, so Mecklenburg-Vorpommern. Bildrechte: imago images / Agentur 54 Grad / Felix König

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) will ab dem 6. Juni einen Kurswechsel bei den Corona-Beschränkungen durchsetzen. Der Freistaat will auf mehr Eigenverantwortung setzen. Zudem sollen Regeln nicht mehr für ganz Thüringen erlassen werden. Städte und Landkreise können nach den Plänen schneller auf kleine Ausbrüche reagieren. Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) kündigt ähnliche Pläne an. Darüber haben wir mit Prof. Dr. Uwe G. Liebert von der Uniklinik Leipzig gesprochen.

Wie beurteilen Sie die Pläne von Thüringen und Sachsen?

Prof. Dr. Uwe Gerd Liebert, Virologe am Uniklinikum Leipzig
Bildrechte: Stefan Straube / UKL

Als Mensch sage ich: Das ist ein guter Ansatz, weil es wirklich auf die Selbstverantwortung der Mitbürger zielt. Als Virologe frage ich mich aber, ob man so aus der Gemeinsamkeit aller Bundesländer aussteigen sollte. Ohne die Details der Pläne zu kennen – aber das wäre meine Schmerzgrenze, wenn Thüringen andere Sicherheitsmaßnahmen hat als Bayern oder Sachsen-Anhalt.

Ein einheitliches Vorgehen der Bundesländer bei den Lockerungen wäre aus Ihrer Sicht also besser?

Eindeutig. Das sollte kein Wettbewerb der Lockerungen werden. Auf der anderen Seite ist aber unbestritten, dass es zu Lockerungen kommen muss und die Bürgerrechte wieder voll gültig sind!

Thüringens Ministerpräsident Ramelow sagt, man wolle hin zu Geboten, weg vom staatlichen Zwang hin zu selbstverantwortetem Maßhalten. Kann das Ihrer Sicht funktionieren?

Das kommt zu früh. Wir können noch gar nicht einschätzen, was die letzten Maßnahmen gebracht haben. Etwa dass in Sachsen wieder Kindergärten und Schulen offen sind. Wir müssen erstmal sehen, was das mit dem Infektionsgeschehen macht. Wenn das kein Problem ist, können wir über weitere Schritte reden. Schrittweise vorgehen und immer wieder kontrollieren – so kommt man in eine Situation, in der man Beschränkungen aufheben kann.

Bodo Ramelow setzt auf mehr regionale Verantwortung bei Landkreisen und Gesundheitsämtern. Halten Sie das mit Blick auf die letzten Corona-Hotspots in Thüringen für nachvollziehbar?

Ja, denn beim Infektionsgeschehen gibt es vor allem lokale Ausbrüche. Auf die muss man schnell reagieren. Da sind die Landespolitiker auch aufgefordert, sehr genau hinzuschauen!

Bei den Landkreisen Greiz und Sonneberg hatte man aber das Gefühl, da wurde verzögert reagiert.

Ich möchte Greiz und Sonneberg nicht kommentieren. Da gibt es immer das Risiko, dass eine Entscheidung verzögert getroffen wird, die bei der Bevölkerung nicht auf Begeisterung stößt. Ich hoffe, dass das jetzt anders sein wird. In Sachsen etwa hat aus meiner Sicht Petra Köpping verstanden, dass man nicht nur hinschaut sondern auch handelt. Das hat Deutschland den Vorsprung verschafft, den wir beim Infektionsgeschehen vor vielen haben. Wir haben frühzeitig einschneidende Maßnahmen getroffen.

Rückblickend wurden viele Sachen versprochen, die kommende Lockerungen auch absichern können. Die Warn-App etwa oder flächendeckende und vorbeugende Tests auf Corona. Was ist damit?

Mit dem Test-Vorschlag rennen Sie bei mir offene Türen ein, das halte ich für sinnvoll. In Sachsen etwa soll es in den nächsten Tagen an ausgewählten Schulen in Dresden und Leipzig und in einem Landkreis solche vorbeugenden Tests geben. Da werden Lehrer und Schüler getestet, freiwillig und ohne Druck und Zwang und wir bieten auch serologische Tests auf Antikörper an.

Wieviel Sicherheit bieten solche Tests dann?

Man kann das machen. Aber man sollte nicht hoffen, dass man große Zahlen von Menschen findet, die infiziert sind aber keine Symptome zeigen. Zudem ist das auch immer nur eine Momentaufnahme: Das Infektionsgeschehen kann in zwei oder vier Tagen schon wieder ganz anders aussehen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 25. Mai 2020 | 12:45 Uhr

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