Vom Netz auf die Straße: Corona-Verschwörungsmythen verbreiten sich

Experten warnen: Verschwörungsmythen wandern von der digitalen in die reale Welt und können zu Gewalt führen. Um dagegen anzukommen, sind alle gefordert.

Eine Demonstrantin trägt eine Maske mit dem Schriftzug Wahrheitssuche - Corona Lüge - Informiert euch!!! auf dem Hinterkopf
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Am Wochenende demonstrierten tausende Menschen in Deutschland gegen die Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern. Einer der größten Proteste fand in Stuttgart statt, doch auch in Mitteldeutschland gab es einige Veranstaltungen. Bei den Kundgebungen werden zahlreiche Verschwörungsmythen verbreitet, die bereits mehrfach widerlegt wurden.

 Radikalisierung im Netz

Experten sehen in den Protesten das Ergebnis einer Entwicklung, die im Netz begonnen hat. „Wir haben seit Beginn der Coronakrise ein Eskalationsstufenmodell entwickeln können“, sagt Andre Wolf von Mimikama e.V. im Interview mit MDR JUMP. Der in Österreich registrierte Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen Internetmissbrauch und Falschmeldungen vorzugehen.

Im Februar seien zunächst klassische Falschmeldungen im Internet geteilt, später sei die Meinung konträrer Wissenschaftler gezielt verbreitet worden, erzählt Wolf. „Diese Eskalationsstufe wurde Anfang April abgelöst von Verschwörungsmythen“, so der Netzexperte. „Jetzt kommt die vierte Eskalationsstufe. Die bedeutet, dass diese Online-Erzählungen auf einmal offline, in der realen Welt da sind“.

Verschiedenste Demonstranten

Und in der realen Welt würden die Verschwörungsmythen dann sogar zu Gewalten führen, sagt Wolf:

Das Problem ist, dass die Verschwörungsmythen Menschen dazu anstacheln, dass sie sich legitimiert fühlen, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen. Sie fangen an, Maßnahmen nicht mehr zu beachten, sie beginnen damit, Sachbeschädigung zu begehen oder sie greifen andere Menschen an.

Die derzeitige Proteste gegen die Corona-Maßnahmen würden Menschen aus verschiedenen politischen Lagern anziehen, beobachtet Wolf. „Wir können nicht sagen, das sind nur Rechte oder nur Linke“, sagt er. „Sondern wir haben ein vielfaches Spektrum an politischen Einstellungen, die da gemeinsam auf die Straße gehen, weil sie ein gemeinsames, vermeintliches Feindbild haben“

Verbreitung durch Promis

Verbreitet wurden die Verschwörungsmythen unter anderem durch Influenzer in den Sozialen Netzwerken. „Das war anfangs Xavier Naidoo“, erklärt Wolf. „Mittlerweile wurde er abgelöst durch den veganen Koch und Unternehmer Attila Hildmann, der gerade federführend ist. Er behauptet teilweise, dass unsere Regierung Schergen seien, die mit kinderfressenden Aliens zusammenarbeiten.“

Krisensituation als Nährboden

Was für die meisten Menschen absurd klingt, verfängt bei anderen. Vor allem in Krisenzeiten sind Menschen anfällig für solche Mythen, erklären Wissenschaftler. „Diese Annahmen reduzieren Komplexität, gestatten es zudem, eigene Ängste zu binden und Aggressionen berechtigterweise zu äußern – man wird ja schließlich von einer bedrohlichen und viel stärkeren, anonymen Macht verfolgt“, sagt zum Beispiel der Sozialpsychologe Dr. Uwe Krüger von der Universität Leipzig.

„Es existiert ein hohes Maß an Verunsicherung in der Bevölkerung“, sagt der Kommunikationspsychologe Prof. Tobias Rothmund von der Universität Jena. „Kaum jemand hat eine solche Situation schon einmal erlebt. Menschen haben Angst, suchen nach Erklärungen, wollen die aktuelle Entwicklung am liebsten nicht wahrhaben.“

Gegenrede und Ansprache

Die Falschinformationen und Verschwörungsmythen würden sich häufig über Chats bei WhatsApp oder Telegram verbreiten, sagt Andre Wolf von Mimikama. Eine staatliche Kontrolle sei da schwer: „Es liegt an uns allen, Verschwörungsmythen zu erkennen und diese abzuweisen“. Doch was tun, wenn Freunde oder Verwandte dubiose Nachrichten teilen? „In erster Linie ist es wichtig, diese nicht weiter zu verbreiten. Passiert es häufiger, können Sie das Gespräch suchen“, rät Prof. Rothmund von der Uni Jena.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 10. Mai 2020 | 13:00 Uhr

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