Mitsingen unter Maske: Konzert-Versuch mit Tim Bendzko in Leipzig

Wissenschaftler wollen herausfinden, wie trotz Corona Großveranstaltungen stattfinden können. Dafür gibt Tim Bendzko in der Arena drei kleine Konzerte. Alle Teilnehmer mussten sich vorab anmelden und tragen Schutzmasken.

Teilnehmer der Restart-19-Studie in der Arena Leipzig
Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

Das Interesse an der Studie in Leipzig ist groß: Mehr als 140 Journalisten aus Deutschland, Dänemark und anderen Ländern verfolgen das Forschungskonzert mit Popstar Tim Bendzko in der Quarterback Immobilien Arena (vormals: Arena Leipzig). Für MDR JUMP ist unser Reporter Richard Schönjahn vor Ort. Wir haben ihn gefragt, wie der knapp eine Million Euro teure Versuch heute abläuft:

Sitzkonzert mit Maske: So erlebten die Besucher das Konzert von Tim Bendzko
Sitzkonzert mit Maske: So erlebten die Besucher das Konzert von Tim Bendzko Bildrechte: MDR JUMP

Insgesamt gibt es drei verschiedene Abläufe und damit auch drei Konzerte von Tim Bendzko. Mit diesen sollen verschiedene Varianten getestet werden, wie so ein Konzert unter Corona-Bedingungen ablaufen kann. Auch die Anfahrt zur Arena wurde schon beobachtet. Dafür hat hier jede Testperson so ein kleines Gerät bekommen. Der Tracker erfasst jeden Kontakt zu anderen Besuchern. Und mit jedem der drei Abläufe werden die Abstands- und Hygieneregeln strenger. Beim dritten Tim Bendzko-Konzert heute Abend etwa müssen alle einen Abstand von 1,5 Metern einhalten. Und dann wollen die Wissenschaftler eben herausfinden, wie sich das Corona-Virus bei so einer Veranstaltung verbreiten kann. 

Rund 2.200 Teilnehmer hatten sich vorab angemeldet. Wer ist da heute im Publikum?

Hier sind nicht nur Fans von Tim Bendzko. Hier sind vor allem Menschen, die gern auf Konzerte gehen und sagen: Wir machen das für die Wissenschaft, damit endlich wieder Künstler und Bands zu sehen sind! Insgesamt sind es nur jüngere Leute, damit das Risiko nicht so hoch ist, wenn sich doch jemand ansteckt.

Wie ist denn die Stimmung jetzt vor Ort?

Der deutsche Popsänger Tim Bendzko (M) tritt während eines Großversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale in der Arena Leipzig mit einer Band auf
Tim Bendzko und Band bei Restart-19 in Leipzig Bildrechte: dpa

Es ist ja total ungewöhnlich: Ein Konzert, das schon am Vormittag beginnt. Da ist noch so eine kleine Morgenmüdigkeit dabei. Und dazu kommt: In der Arena muss jeder so eine FFP2-Maske tragen. Also ein Konzert mit Mundschutz. Auch das hemmt natürlich etwas die Stimmung. Aber dafür gibts ja ein paar kostenlose Konzerte von Tim Bendzko und die Leute freuen sich wirklich sehr auf diese ganze Veranstaltung.

Wie soll denn genau herausgefunden werden, welches Risiko bei solchen Großveranstaltungen besteht?

Zum einen gibt es diese Tracker. Die erfassen also, mit wem ich in Kontakt gekommen bin. Dazu gibt es ein spezielles Desinfektionsmittel. So kann später erkannt werden, welche Flächen von den Teilnehmenden berührt wurden. Und in der Halle sind Kohlendioxid-Messgeräte angebracht. Da wird also herausgefunden, wie sich die Luft und damit auch die Viren verbreiten könnten. Es sind also viele verschiedene Daten, die hier ermittelt werden sollen.

Strenge Sicherheitsregeln

Für die Studie "Restart-19" der Universitätsmedizin Halle/Saale hatten sich 2.210 Teilnehmer angemeldet: Sie mussten alle vorab einen Coronatest machen und in der Halle eine FFP2-Schutzmaske tragen. Zudem wurde bei ihnen heute vor Betreten der Konzerthalle Fieber gemessen. So soll verhindert werden, dass der Test selbst zu einem Superspreader-Event für das Corona-Virus wird. Sachsen und Sachsen-Anhalt tragen gemeinsam die Kosten für das Forschungskonzert. Sachsens Sozialministerin Petra Köpping sagte vorab in der MDR JUMP-Sendung „Talk im Osten“:

Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) bei "MDR JUMP - Talk im Osten"
Bildrechte: Hagen Wolf / MDR JUMP

Wir wollen sehen, unter welchen Umständen wir wieder Großveranstaltungen machen können. Das machen wir eben genau, damit man nicht leichtfertig Entscheidungen absagt oder trifft.

Das Ziel: Risiken berechnen

Um diese leichtfertigen Entscheidungen zu verhindern, soll das Experiment in Leipzig Klarheit verschaffen. Prof. Dr. Michael Gekle von der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, sagte am Samstag in Leipzig:

Konzert vom Musikprojekt Schiller in der Arena Leipzig im Mai 2019
Bildrechte: IMAGO images/ Christian Grube

Wir müssen versuchen vorherzusehen, was geschehen kann. Und versuchen, Risiken zu quantifizieren. Und wir müssen am Ende eine Abwägung fällen: Welche Risiken sind wir bereit in Kauf zu nehmen, damit es weiterhin ein gesellschaftliches und kulturelles Leben gibt?

Die Idee zur Studie entstand Anfang Mai und das Konzept des Experiments sei in nur zwei Monaten entwickelt worden. Für eine Studie in dieser Größenordnung sei etwa ein Jahr Vorbereitung normal, so der Projektleiter Dr. Stefan Moritz von der Medizinischen Fakultät der Uni Halle-Wittenberg. Die Ergebnisse der Studie werden für den Herbst erwartet.

Wenn man sich überlegt, dass von 4.000 Probanden berechnet werden muss, wann wer über den ganzen Tag verteilt mit wem Kontakt hatte, das ist eine Fülle an Daten, die zu analysieren sind. Und es gibt ja noch viele andere Dinge, die wir da messen und berechnen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 22. August 2020 | 10:40 Uhr

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