Die neue Corona Test-Strategie für Deutschland

Wir müssen die Risikogruppen schützen – das war und ist in der Pandemie immer wieder zu hören. Und mit einem neuen Typ von Corona-Tests könnte sich an dieser Stelle jetzt tatsächlich etwas tun. Es gibt aber einige Fallstricke.

Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nimmt für einen Corona-Test einen Abstrich von einer Frau.
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Es sind gerade keine guten Zeiten für Nachtschwärmer. Wegen der Corona-Pandemie haben in allen Bundesländern Clubs und Discos seit Monaten geschlossen. Allein Sachsen-Anhalt hatte überlegt, das ab 1. November wieder unter Auflagen zuzulassen. Doch ob es dazu kommt, ist mehr als fraglich, auch aus Angst vor einem „Disco-Tourismus“ aus anderen Bundesländern.

Doch auch andernorts macht man sich über das Thema Gedanken, zum Beispiel in Berlin. In der Hauptstadt haben sich die Betreiber von Discos und Clubs in einem Branchenverband namens Clubcommission zusammengeschlossen. Und dort kann man sich vorstellen, dass ein neuer Typ von Coronatest das Feiern schon bald zumindest in eingeschränktem Rahmen möglich machen soll. Konkret geht es um sogenannte Antigen-Schnelltests. Die dürfen zwar nur von medizinischem Fachpersonal angewendet werden, sind aber erstens vergleichsweise billig und liefern zweitens innerhalb von 15 bis 30 Minuten ein Ergebnis, ob jemand corona-positiv ist oder nicht. Allerdings gelten sie als weniger zuverlässig als die bisher standardmäßig eingesetzten PCR-Tests.

Strategie legt fest, wer die Kosten übernimmt

Regelungen zu solchen Antigen-Schnelltests sind die wichtigste Neuerung der neuen nationalen Corona-Teststrategie. Die hat Gesundheitsminister Jens Spahn in dieser Woche unterschrieben. Es ist die dritte Überarbeitung des Dokuments, in dem festgelegt wird, wer unter welchen Bedingungen getestet wird – und wer die Kosten dafür übernimmt.

Kurz zusammengefasst: Auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen werden alle Menschen mit Covid-19-Symptomen getestet. Dazu kommen unter anderem Personen, die entweder in einer Gesprächssituation mindestens 15 Minuten engen Kontakt zu einem Erkrankten hatten, im gleichen Haushalt leben oder durch die Corona-Warn-App benachrichtigt wurden. Laut Verordnung darf jeder Test pro berechtigter Person einmal auf Kosten der Kassen wiederholt werden.

Zahl der Tests soll ausgeweitet werden

Es geht mit der neuen Strategie vor allem darum, die Testkapazitäten weiter auszuweiten. Die aktuelle Sars-CoV-2 Testkapazität in Deutschland liegt laut Robert Koch-Institut (RKI) derzeit bei maximal 1.712.246 Tests wöchentlich. Allerdings werden pro Woche eben auch schon rund 1,5 Millionen Test durchgeführt. Zuletzt hatten die Labors geklagt, dass die Testung eigentlich gesunder Menschen, die für ihren Urlaub eine Ausnahme vom Beherbergungsverbot in den meisten Bundesländern erreichen wollen, große Kapazitäten bindet.

Die Antigen-Schnelltests sollen da Entlastung bringen. Aber – Überraschung! – sie sind gar nicht in erster Linie für Urlauber oder Feierwütige gedacht, sondern sollen stattdessen im Rahmen von individuellen Testkonzepten in Krankenhäusern, Seniorenheimen, Reha-Einrichtungen und Dialyse-Zentren eingesetzt werden. Hier sollen Personal, Patienten und Besucher getestet werden, einmal pro Woche auf Kosten der Kassen - auch wenn die betreffenden Menschen keine Symptome zeigen. Es geht also – endlich – darum, besonders gefährdete Risikogruppen besser und gezielter als bisher vor einer Infektion zu schützen.

Weiterhin Abstrich nötig

Die Antigen-Schnelltests basieren auf dem Nachweis von charakteristischen Eiweißen des Sars-CoV-2-Erregers. Dafür muss – wie beim PCR-Test – ein Abstrich im Nasen-Rachenraum vorgenommen werden. Allerdings muss der nicht in einem Labor ausgewertet werden, sondern der Test kann direkt vor Ort ein Ergebnis liefern. Man kann sich das, wenn man so will, ein bisschen vorstellen wie einen Schwangerschaftstest.

„Damit ein Antigen-Test ein positives Ergebnis anzeigt, ist im Vergleich zur PCR-Testung eine größere Virusmenge notwendig“, warnt allerdings das RKI. „Das bedeutet, dass ein negatives Antigen-Testergebnis die Möglichkeit einer Infektion mit Sars-CoV-2 nicht ausschließt.“ So besteht die Gefahr, dass asymptomatisch infizierte Personen nicht herausgefiltert werden und den Erreger dann trotzdem weitertragen.

Deshalb sollten diese Tests auch nur dann angewendet werden, wenn eine eben doch nicht erkannte Infektion nicht zu schwerwiegenden Konsequenzen führt, so das RKI, etwa bei einer nicht erkannten Infektion bei der Aufnahme eines Patienten in ein Krankenhaus. Und auch wenn der Test positiv ausfällt, muss er zur Sicherheit noch einmal überprüft werden – mit einem präziseren PCR-Test.

Richtige Durchführung ist entscheidend

Das Problem: Die Schnelltests sind wirklich nur dann sinnvoll, wenn sie auch korrekt durchgeführt werden. Man müsse man bei „kritischen Stellen, also Altenpflegeheime und so weiter dafür sorgen, dass wirklich geschultes Personal diese Proben entnimmt“, warnt der daher auch der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Wenn man die Probenentnahme stattdessen der getesteten Person überlasse „und ein Proband vielleicht konkretes Interesse hat, dass der Test negativ ausfällt, kann er dazu beitragen, dass der Test so durchgeführt wird, dass er negativ ausfällt“, so Krause. „Das müssen wir natürlich verhindern.“

Neben der korrekten Durchführung der neuen Tests gibt es noch eine Herausforderung: „Tests finden Infektionen, sie verhindern sie nicht“, warnen mahnende Stimmen. Denn klar ist:  Auf den Nachweis, dass jemand mit Sars-Cov-2 infiziert ist, muss dann auch jemand mit geeigneten Maßnahmen reagieren. Sonst nutzt auch die Information darüber nichts – und die Risikogruppen, die man eigentlich schützen wollte, sind in einer genauso prekären Lage wie bisher.

Lob für die neue Teststrategie gibt es immerhin von der Bundesärztekammer. Deren Präsident Klaus Reinhardt hat das Dokument als „konsistent und vernünftig“ bezeichnet. Es sei gut, „dass regelhaft dort getestet wird, wo Menschen auf engem Raum zusammenleben oder aufgrund ihres Lebensalters oder einer Vorerkrankung besonders gefährdet sind“.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 17. Oktober 2020 | 13:40 Uhr

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