„Wir im Norden“ gilt nicht mehr – Skandinavien uneins in Bewältigung der Corona-Krise

02.04.2020 | 14:29 Uhr

Massive Alltagsbeschränkungen in Dänemark, Finnland und Norwegen versus Freizügigkeit in Schweden - Skandinavien ist in der Corona-Krise gespalten. MDR JUMP-Redakteurin Christiane Luft ist gerade in Schweden unterwegs und berichtet über ihre ganz persönlichen Eindrücke.

Flaggen der nordischen Länder, Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland
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In vielen Dingen sind sich die skandinavischen Länder ähnlich: Design, Schulsystem oder Lebenszufriedenheit. Und oft ist man sich auch einig, steht zusammen. Seit 66 Jahren gibt es die nordische Passunion mit offenen Grenzen zwischen Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden. Doch nun, in der Corona-Krise, gibt es massive Unstimmigkeiten. Argwöhnisch wird nach Schweden geschaut, wo alles anders gemacht wird.

Im Gegensatz zu Schweden sind in Norwegen, Finnland und Dänemark Schulen und Kindergärten geschlossen. Es gelten strenge Ausgangsbeschränkungen sowie Versammlungsverbote. Finnland hat die Hauptstadt Helsinki samt Umland unter Quarantäne gesetzt, in Norwegen und Dänemark sind die Grenzen dicht. Die Länder haben ihre Maßnahmen bis nach Ostern verlängert.

Fluss mit Schneeresten am Ufer, rechts im Bild ein kleines rotes schwedisches Häuschen
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Schweden dagegen setzt auf Empfehlungen und Freiwilligkeit. Die Schulen sind offen, Geschäfte und Gaststätten auch. Ausgangsbeschränkungen gibt es offiziell nicht, lediglich Ermahnungen. Die Leute sollen wenn es irgendwie möglich ist zu Hause bleiben, im Homeoffice arbeiten, nicht verreisen, den Kontakt zu anderen auf ein Minimum reduzieren. Doch auch in Schweden werden die Maßnahmen täglich angepasst. Inzwischen wurde ein Besuchsverbot in Altersheimen erlassen. Die Ski-Anlagen setzen den Betrieb aus, Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern sind verboten.

Norwegische Forscher kritisieren die schwedische Strategie. „Wir im Norden haben eine lange historische Kenntnis uns durch Isolation und Quarantäne gegen Ansteckung zu schützen. Es ist sehr merkwürdig, dass die Schweden nun entgegen dieses Wissens handeln, sagt eine norwegische Professorin.

Norwegen und Schweden streiten sich, wer von beiden in der Corona-Krise das Versuchskaninchen ist: Schweden, das mit seiner Freizügigkeit riskiert, dass sich große Teile der Bevölkerung anstecken oder Norwegen, das so strenge Maßnahmen wie noch nie eingeführt hat, mit ungeahntem Ausmaß für die Wirtschaft.

Die beiden Länder verbindet eine Art Geschwisterliebe, die nicht immer von Harmonie geprägt ist, mit allerhand Sticheleien. Einer meiner schwedischen Freunde sagt: „Ach die Norweger – die wollen wie immer Klassenbester sein. Deshalb haben sie so schnell den Shutdown beschlossen. Um ja nichts falsch zu machen. Um gut dazustehen“.

Doch die nordischen Nachbarn sind auch sehr abhängig voneinander. Dass Norwegen die Grenzen geschlossen hat, sorgt im schwedischen Grenzgebiet für große Probleme. Ich höre von einem kleinen Laden, in den normalerweise viele Norweger zum Einkaufen kommen. In Schweden sind Lebensmittel deutlich billiger als in Norwegen. Der Laden hat dicht gemacht. Sicher einer von vielen. Seitdem die norwegischen Kunden wegbleiben ist der Grenzhandel um 90 Prozent eingebrochen, schreibt ein schwedisches Wirtschaftsmagazin.

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