Stille Ostern in Schweden – trotz lockerer Corona-Regeln

14.04.2020 | 14:27 Uhr

In Schweden ist die Zahl der Corona-Infizierten und -Toten über´ s Osterwochenende weiter gestiegen. Das Land verzeichnet die meisten Todesfälle in Skandinavien. Doch für eine Aussage, ob der Schwedische Sonderweg mit seiner relativen Freizügigkeit funktioniert oder nicht, ist es noch zu früh, sagt Staatsepidemiologe Anders Tegnell. MDR JUMP-Redakteurin Christiane Luft ist derzeit in Schweden unterwegs und berichtet von ihren ganz persönlichen Eindrücken.

verschneite Küstenlandschaft mit Häuschen im Hintergrund
Bildrechte: MDR JUMP

Es ist Neuschnee gefallen über Ostern – hier oben im Lappland, hunderte Kilometer nördlich von Stockholm. Friedlich und still ist es draußen. In dem Dorf, in dem ich gerade wohne, war über die Feiertage fast niemand draußen unterwegs, bis auf ein paar hartgesottene Jogger und frierende Eltern, die Kind und Hund ausführen mussten. Freiwilliger Lockdown also im Land der Freizügigkeit, wo Kindergärten, Schulen, Kneipen und Geschäfte weiterhin geöffnet sind und keine strengen Ausgangsregeln herrschen. Na gut – ein paar meiner Freunde haben sich im engsten Familienkreis zum Grillen am Strand getroffen – bei plus 1 Grad und Nordwind waren sie dort ziemlich einsam und so soll es ja im Moment sein. Weiterhin wird an die Vernunft der Menschen appelliert, freiwillig Abstand zu halten und das Leben etwas herunterzufahren.

Freistitz Restaurant Vasaparken, Stockholm, ein Pärchen sitzt in der Sonne, die anderen Plätze sind frei
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Auch in der Hauptstadt Stockholm ging es deutlich ruhiger zu, als sonst zu Ostern, lese ich in der Zeitung. Handydaten zeigen, dass fast niemand in seine Ferienhütte gefahren ist. Das war ja die große Angst der Behörden: dass es zehntausende skihungrige Stockholmer in die Touristengebiete zieht, mit ihnen das Corona-Virus. Und dass die lokalen kleinen Krankenhäuser eine überwältigende Masse an Covid-19-Patienten zu versorgen haben. Das ist also ausgeblieben. Lediglich Ausflüge in die nähere Umgebung hat es nach Auswertung der Handydaten gegeben. Auch war weniger Betrieb in den immer noch geöffneten Restaurants und Cafés. Kurz vor Ostern hatte es da noch mal eine unmissverständliche Ermahnung gegeben: der Innenminister drohte im Fernsehen, dass alle Freisitze, die zu eng besetzt sind, sofort geschlossen werden. Es wurden Kontrollen angekündigt. Das hat die Betreiber offenbar zur Einsicht gebracht. Tische und Stühle wurden auseinandergerückt, kein einziges Lokal musste schließen.

Was den Schweden Sorge bereitet, ist die vergleichsweise hohe Sterblichkeit in den Altersheimen in und um Stockholm. Staatsepidemiologe Anders Tegnell hofft, dass die Einrichtungen im Rest des Landes daraus lernen und bessere Routinen in ihren Heimen einführen. Er musste heute früh im Radio einräumen, dass die schwedische Strategie durchaus fragwürdig ist.

Die Zahlen in Norwegen, Dänemark und Finnland, wo sehr schnell sehr strenge Maßnahmen wie beispielsweise Schulschließungen angeordnet wurden, sehen deutlich besser aus. Norwegen hat „nur“ 134 Corona-Tote, Finnland gar nur 59, bei jeweils knapp 5,5 Millionen Einwohnern. Schweden mit seinen gut 10 Millionen Einwohnern liegt inzwischen bei 919 Toten*. Die Zahlen stechen heraus, so Tegnell. Man sei weit entfernt von einem Ende der Corona-Krise, aber es sei zu zeitig, um zu beurteilen, ob Schweden erfolgreich mit seinem Kampf gegen das Virus ist. Alles was er sagen kann, ist, dass die Kurve momentan flach ist und das Gesundheitssystem funktioniert. Solange das so ist sieht Tegnell, als wichtigster Gesundheits-Berater des Landes, keinen Grund, die Strategie zu ändern.

*Zahlen der Johns-Hopkins-Universität vom 14.04.2020

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