Riskanter Sonderweg - 2000 Corona-Tote in Schweden

Wenn man hört, dass die Schweden möglicherweise ab Juni wieder in die Fußball-Stadien dürfen, könnte man meinen, der schwedische Sonderweg geht in die richtige Richtung. Schaut man genauer hin, wird schnell klar, dass große Unsicherheit im Land herrscht. MDR JUMP-Redakteurin Christiane Luft ist in Schweden unterwegs und berichtet von ihren ganz persönlichen Eindrücken.

imago 47004032 200308 Fußball-Spiel Schweden-Cup vom 08.03.2020 zwischen Elfsborg and Örebro, man sieht jubelnde Zuschauer
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Erst gestern hat Schwedens Premierminister Löfven eine Art letzte Warnung in Richtung der Gastronomen ausgesprochen. Wenn der nötige Abstand jetzt nicht endlich eingehalten wird, die Cafébesucher weiter zu eng beieinander sitzen, dann müssen die Cafés geschlossen werden. Jetzt wurde sogar die Bevölkerung zum Verpetzen aufgerufen. Löfven sagte in einem Zeitungsinterview, dass sich jeder, der an einem zu vollen Café vorbeikommt, an die Kommune wenden und das melden kann. Wem das zu unbehaglich ist, der kann ja auch erstmal mit dem Gastwirt reden und ihm klarmachen, dass das so nicht geht. Auch das wieder ein typisch schwedischer Zug, den ich schon manchmal beobachtet habe. Man achtet aufeinander. Darauf, dass sich alle an die Regeln halten. Und im Zweifel ermahnt man den, der aus der Reihe tanzt oder schwärzt ihn sogar an, wenn er nicht hören will.

Leute sitzen dicht gedängt in Cafe in Stockholm
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Unsicherheit und Unklarheit herrschen auch innerhalb der Gesundheitsbehörde: Chef-Epidemiologe Tegnell hatte am Dienstag mitgeteilt, dass die Corona-Pandemie schon Mitte April ihren Höhepunkt erreicht hatte. Heute musste sein Stellvertreter Wallensten einräumen: es gibt jetzt 2000 Tote in Schweden – wir sehen absolut keinen Rückgang.

Hintergrund für Tegnells Aussagen ist eine Studie, die von einer viel zu hohen Dunkelziffer an Corona-Infizierten ausging. Dazu muss man wissen, dass in Schweden immer noch vergleichsweise wenig getestet wird. Die Zahl an Tests ist zwar erhöht worden, aber immer noch werden bevorzugt nur Menschen getestet, die im Krankenhaus liegen sowie das Personal in Krankenhäusern und Altersheimen, sofern Symptome da sind.

Es scheint also, als hätte die Gesundheitsbehörde noch immer keinen richtigen Überblick, wie die Ansteckung im Land fortschreitet. Deshalb zeigt sie sich auch äußerst zurückhaltend in Bezug auf die Fußball-Pläne. Staats-Epidemiologe Tegnell glaubt nicht, dass es vor Herbst wieder Spiele mit Zuschauern geben wird. Der zuständige Verband Svensk Elitfotboll (vergleichbar mit der Deutschen Fußball Liga) will Spiele ab Mitte Juni, am liebsten vor vollen Rängen. Der schwedische Fußball habe «allen Grund der Welt» darauf zu hoffen, sagte Generalsekretär Enquist. Noch aber sind selbst Trainingsspiele verboten.

Trotz der beunruhigend hohen Todeszahlen aber scheint die Mehrheit der Schweden weiter Vertrauen in ihre Krisenmanager zu haben. In einer Umfrage des Staatsfernsehsenders SVT hat die Beliebtheit von Regierungschef Löfven und seiner Sozialdemokraten den zweiten Monat in Folge zugenommen. Das dürfte nicht zuletzt an dem Kurs mit wenig Verboten und relativer Lockerheit liegen. In Schweden wurden Schulen, Kindergärten, Geschäfte, Restaurants nicht geschlossen. Treffen mit bis zu 50 Menschen sind erlaubt. Es gibt umfangreiche Hygiene-, Abstands- und Verhaltensempfehlungen, ähnlich wie in Deutschland, an die sich die meisten Schweden auch halten.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 24. April 2020 | 12:45 Uhr

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