Coronavirus gewinnt an Fahrt - Schweden wird zunehmend unruhig

06.04.2020 | 15:06 Uhr

Ist Schweden am Ende des Sonderwegs angekommen? Wie lange sind die relativ freizügigen Maßnahmen noch zu halten? Noch gibt es bei unseren nordischen Nachbarn kaum Verbote. Schulen, Kindergärten, Restaurants, Sportanlagen sind offen, Ausgangsbeschränkungen gibt es nicht. Mit Empfehlungen wird an die Vernunft der Menschen appelliert – wie lange noch? MDR JUMP-Redakteurin Christiane Luft ist derzeit in Schweden und berichtet von ihren ganz persönlichen Eindrücken.

schneebedeckter Strand mit zwei Häuschen an der Seite, eins Gelb, eins rot, im Hintergrund Berge
Bildrechte: MDR JUMP

In meinem nordschwedischen Dorf kurz vorm Polarkreis, wo ich gerade bin, läuft der Alltag fast normal. Am Wochenende habe ich das Dorfleben beobachtet. Meiner Einschätzung nach halten sich hier alle vorbildlich an die Empfehlungen der Gesundheitsbehörde. Die Leute gehen allein oder zu zweit raus in die Frühlingssonne. Auch ich treffe mich mit einer Freundin zum Spaziergang, statt zum Kaffeeklatsch in ihrer Wohnung. Wir halten Abstand, während wir uns unterhalten. Die Nachbarn feiern Geburtstag im Freien bei Schneematsch und plus 3 Grad. Es wird Kuchen und Kakao verzehrt, alle halten Abstand. Im Supermarkt gibt es Markierungen, wie groß der Abstand sein sollte, an der Kasse wurde ein Schutz aus Plexiglas angebracht.

Doch es gibt zunehmend Unruhe. Eine Familie im Dorf hat Covid-19. Der Sohn hat Umgang mit dem Sohn meiner Freundin, die zur Risikogruppe gehört. Gut, dass sich im 555-Seelen-Ort alles schnell herumspricht, so kann man versuchen, sich zu schützen.

Ein Bekannter aus Mittelschweden ist übers Wochenende mit dem Zug zu Besuch gekommen, um seine Freundin zu treffen. Und das obwohl man alle nicht notwendigen Reisen unterlassen soll. Er hat ein furchtbar schlechtes Gewissen, versichert aber, dass sein Zug-Abteil leer war und sagt augenzwinkernd: die Reise war notwendig. Ich wollte meine Liebste sehen.

Heute nun haben die Osterferien in weiten Teilen Süd- und Mittelschwedens begonnen. Die große Befürchtung ist, dass viele Schweden trotz der Appelle von Regierung und Behörden verreisen werden. Traditionell verbringt man Ostern in den Bergen, fährt Ski, geht Wandern, trifft sich mit Freunden. Gut, die großen Skianlagen sind geschlossen. Aber es gibt ja kein Reiseverbot. Das Problem ist, dass die kleinen Orte im schwedischen Hinterland medizinisch aufs Notwendigste beschränkt sind. Es gibt kaum Intensivplätze. Es mangelt an Personal und Ausrüstung. Maximal ist man auf Arm- und Beinbrüche spezialisiert, nicht aber auf das Coronavirus.

Gestern hat der König im Fernsehen in einer Ansprache deshalb nochmal alle Schweden ausdrücklich gebeten, die Ferien zu Hause zu verbringen, nicht zu verreisen. Nicht dieses Jahr. Es wird wieder Ostern geben und dann könne man verreisen. Aber eben nicht jetzt. Er ermahnte alle Schweden, sich eigenverantwortlich zu verhalten und den Empfehlungen der Behörden zu folgen:

König Carl Gustaf von Schweden
König Carl Gustaf von Schweden Bildrechte: imago/Kamerapress

Diese Verpflichtung haben wir alle in unserem Land. Jeder einzelne von uns. Denke ich an meine Mitmenschen? Oder stelle ich mich selbst an vorderste Stelle? Mit der Wahl, die wir heute treffen, müssen wir lange leben. Sie wird auf viele Einfluss haben.

Zunehmend unruhig wird auch die Regierung. Übers Wochenende wurde hier heiß über Notgesetze diskutiert, die beschlossen werden sollen. Damit könnten Zwangsmaßnahmen wie Ausgangsverbote, die Schließung von Flughäfen, Einkaufszentren, Restaurants oder Schwimmbädern ermöglicht werden. Das sieht die schwedische Gesetzgebung so bisher nicht vor.

Kritiker befürchten aber, dass das alles viel zu spät kommt. Die Zahl der Infizierten liegt aktuell bei knapp 7.000. Die Dunkelziffer könnte deutlich höher sein, da bisher nur Patienten im Krankenhaus und Angestellte im Gesundheitsbereich, die Symptome haben, getestet werden.

 

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 26. März 2020 | 13:15 Uhr

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