Überraschende Studie: Wie groß ist das Corona-Ansteckungsrisiko bei Kita-Kindern wirklich?

Kitas und Schulen sollen in der zweiten Corona-Welle auf jeden Fall geöffnet bleiben. Das jedenfalls ist der Plan der Politik. Nun gibt es neue Erkenntnisse zum Ansteckungsrisiko bei Kita-Kindern.

Kita-Eltern sind Kummer gewohnt. Gerade in der kalten Jahreszeit schleppen die Kleinen jeden auch nur denkbaren Infekt nach Hause, scheint es: Influenza- und Rhinoviren, Magen-Darm-Erreger - was auch immer. Was in anderen Jahren schon lästig genug ist, macht vielen Menschen in diesem Jahr besondere Sorgen. Es stand die Frage im Raum, ob Kitas womöglich auch Verbreitungsherde für das Coronavirus sind.

Zwei Kinder spielen in einem Kindergarten auf dem Fußboden
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Eine aktuelle Studie eines Forscherteams um Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie der Universitätsklinik in Frankfurt am Main, gibt bei dieser Frage jetzt entwarnende Signale – auch wenn es bei der Interpretation der Ergebnisse eine wichtige Einschränkung gibt. Aber mehr dazu gleich.

Erst einmal zur Studie: Ciesek und ihr Team hatten im Auftrag des hessischen Gesundheitsministeriums von Mitte Juni bis Mitte September in 50 repräsentativ ausgewählten Kitas im Regelbetrieb in Hessen untersucht. Dort wurden – nach dem Prinzip der Freiwilligkeit – Kinder sowie Erzieher und Erzieherinnen auf den Sars-CoV-2-Erreger getestet. 

Nur zwei Personen positiv getestet

Seit dieser Woche liegen erste Ergebnisse in Form eines Manuskripts vor, das noch nicht von unabhängigen Kollegen geprüft worden ist. In der Corona-Pandemie ist es aber üblich, solche Erkenntnisse schon vor der offiziellen Publikation in einem Fachjournal der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, damit bei potenziell wichtigen Informationen keine Zeit verloren geht.

Insgesamt wurden 825 Kindern und 372 Mitarbeitenden untersucht, über zwölf Wochen. Einmal pro Woche wurden bei ihnen Abstriche aus Wange und Po genommen. Hintergrund hier war, dass sich der Erreger im Stuhl deutlich länger nachweisen lässt als in den Atemwegen, oft mehrere Wochen. Bei den Kleinen kümmerten sich die Eltern um die Probenentnahme, die Erwachsenen übernahmen den Job selbst.

Bobby-Cars, andere Spielautos und Gefährte für Kinder liegen angeschlossen vor einer Kita
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Und jetzt kommt‘s: Positiv waren von den 1200 Getesteten genau zwei. Und es waren in beiden Fällen Erzieherinnen, die infiziert waren, keine Kinder. Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis.

Ergebnisse nicht auf Schulen übertragbar

Zum Start der Studie im Sommer sei man davon ausgegangen, dass die Kitas ein wichtiges Reservoir für den Erreger seien, so Ciesek. Aber das sei wohl nicht der Fall. Die meisten Infektionskrankheiten verbreiteten sich dort schnell - "ausgerechnet bei Sars-CoV-2 scheint das aber nicht so zu sein“, so das Fazit der Forscherin.

Die Ergebnisse legten den Schluss nahe, dass häufig Erwachsene die Infektionen in die Kitas trügen – und nicht umgekehrt. Die Ergebnisse seien aber nicht ohne weiteres auf Schulen übertragbar. Insgesamt gebe es allerdings wohl eine Faustregel: Das Infektionsrisiko in einer Kita sei geringer als an einer Grundschule und das an einer Grundschule geringer als an einer weiterführenden Schule, so Ciesek. Ab einem Alter von zwölf Jahren gebe es vermutlich ein ähnliches Übertragungsrisiko wie bei Erwachsenen.

Aber auch für jüngere Kinder gelte, dass sie anstecken und auch schwer erkranken könnten - „aber sehr viel seltener."

Kindermalereien und ein Banner mit der Aufschrift Wir Vermissen Euch hängen am Kinderhaus Pittiplatsch in Potsdam-Babelsberg
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Gleichzeitig weist die Forscherin seit der Veröffentlichung der Ergebnisse beständig auf einen Umstand hin: Als die Proben genommen wurden, lagen die Inzidenzwerte in der Gesamtbevölkerung viel niedriger als sie aktuell sind. Und das bedeutet leider: Die Ergebnisse lassen sich nicht zwingend auf die jetzige Lage übertragen.

Neue Testreihe geplant

In der momentanen Situation „würden wir da wohl mehr Infektionen sehen“, sagt auch Cieseks Mitarbeiter Sebastian Hoehl. Trotzdem sieht man die Ergebnisse beim Hessischen Gesundheitsministerium als „ein zusätzliches Argument, Kitas nicht wieder zuzumachen“. Nun will man die Testreihe wegen der höheren Inzidenzen noch einmal wiederholen.

Neben Cieseks Kita-Studie gibt es unter anderem auch eine von Robert-Koch-Institut und Deutschen Jugendinstituts. Auch hier haben die Forscher laut ihrem monatlichen Zwischenbericht vom Oktober festgestellt, dass die Mehrzahl der Ausbrüche in Kitas Erwachsene betrifft.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 07. November 2020 | 13:10 Uhr

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