Warum Sperrstunden im Kampf gegen Corona nichts bringen

Wenn Kneipen nicht so lange aufhaben, können sich dort weniger Menschen mit Corona infizieren – richtig? Kompletter Unsinn, sagen Forscher aus Großbritannien.

Menschen sitzen abends vor einer Bar, die Straßenbeleuchtung ist an.
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Das Wort klingt wie aus Uromas Zeiten, als Kaiser Wilhelm II. noch ne echt große Nummer war: Tanzlustbarkeiten. Doch aus irgendeinem Grund wird dieser Begriff heute noch verwendet. Er steht in der Gewerbeordnung und den Corona-Verordnungen der Bundesländer. Und, ein bisschen vereinfacht gesprochen, ist damit gemeint, dass Leute halt tanzen. Im Club, in einer Disco, vielleicht sogar in einer Kneipe. Dafür braucht der Wirt eine Genehmigung.

Erlaubt ist das bei uns in der Region aber eh gerade nicht, zumindest wenn es drinnen passiert. Grund ist die Pandemie. Sachsen-Anhalt hat vor, dass Clubs und Discos ab 1. November mit Hygieneregeln und geringerer Gästezahl wieder aufmachen dürfen. In Thüringen und Sachsen ist das noch nicht vorgesehen.

Sperrstunden existiert praktisch nicht

Die Gäste in der Kneipe Shakespeare's Head im Stadtviertel Holborn stoßen beim Essen mit ihren Getränken an.
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Immerhin: Für die Gastronomie gibt es in unseren drei Ländern wegen Corona keine eingeschränkten Öffnungszeiten. Und auch eine Sperrstunde, zu der die Gaststätten ihren Betrieb einstellen müssen, gibt es de facto nicht. Beziehungsweise: Nur in Thüringen ist sie offiziell abgeschafft, ins Sachsen und Sachsen-Anhalt existiert sie auf dem Papier noch – allerdings liegt sie zwischen 5:00 und 6:00 Uhr und spielt damit für die allermeisten von uns keine Rolle.

In Großbritannien ist das anders. Hier müssen die Pubs neuerdings bereits 22 Uhr zumachen. Damit soll die Ausbreitung des Sars-CoV-2-Virus in dem von der Pandemie hart getroffenen Land verlangsamt werden. Doch wie sich jetzt herausstellt, erreichen die entsprechenden Regeln womöglich genau das Gegenteil bei den trinkfreudigen Briten. „Das Virus hält sich nicht an die Uhrzeit“, beklagt der Mikrobiologe Simon Clarke von der Universität Reading. „Wenn sich Menschen nahe genug sind, ist es egal, ob es zehn Uhr morgens, zehn Uhr abends oder irgendeine Zeit dazwischen ist. Dann sagt das Virus ’Danke schön‘.“

Weniger Geselligkeit, weniger Ansteckung?

Die Idee der Politik war: Wenn Kneipen nicht so lange aufhaben, können sich dort weniger Menschen mit Corona infizieren. Klingt erst einmal nachvollziehbar. Doch nur, bis man sich fragt, was die ganzen Leute eigentlich machen, wenn sie aus den Kneipen geworfen werden. Gehen die alle brav nach Hause? Ähm, nein. Und genau das ist wohl das Problem. Denn mit dem Einsetzen der Sperrstunde drängen sich die Gäste dann vor den Pubs oder vor Spätshops in den Straßen und trinken weiter. Vor allem aber halten erst recht keinen Abstand mehr.

„Es führt zum Gegenteil“, kritisiert auch der Wirtschaftsforscher Flavio Toxvaerd, der sich an der Universität Cambridge damit befasst, welche praktische Wirkung die politischen Entscheidungen in der Pandemie haben. „Wenn die Menschen draußen weiterfeiern, zusammen singen oder gar ihre Drinks teilen, dann ist das kontraproduktiv“, beklagt auch der Mikrobiologe Clarke.

Stimmt die Theorie?

Das heißt: Statt zu weniger Übertragungen des Sars-CoV-2-Erregers durch die Sperrstunde steigen die Zahlen vielleicht sogar genau deswegen an. Was wäre aber der Ausweg? Der Wirtschaftsforscher Toxvaerd schlägt vor, die Pubs gerade länger aufzuhalten – um den Andrang so zu entzerren. Das gleiche gelte für den öffentlichen Nahverkehr. Da solle das Angebot auch aufgestockt und nicht ausgedünnt werden. So verteile sich der Ansturm der Leute auf mehr Zeit. Oder aber, und das dürfte weder Gästen noch Wirten gefallen: Man macht die Läden gleich ganz zu.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 03. Oktober 2020 | 12:40 Uhr

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