Was steckt hinter dem Corona-Immunitätsausweis?

Überall hört und liest man vom Corona-Immunitätsausweis. Doch was steckt eigentlich dahinter? Wir haben Antworten.

Frau mit einer selbstgenähten Schutzmaske
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Der Ausgangspunkt eines Immunitätsausweises ist natürlich die Immunität gegen die Krankheit. Das Problem: Bis jetzt ist nicht endgültig geklärt, ob Menschen, die Corona überstanden haben, überhaupt immun dagegen sind. Aber im NDR-Podcast sagt der Virologe Christian Drosten:

Ich gehe weiter vollkommen davon aus, dass es eine Immunität gibt. Die mag nach zwei Jahren oder vielleicht noch etwas länger nachlassen. Wir sehen sogar bei ersten Patienten, die wir nachverfolgen, dass die Antikörper selbst schon nach zwei Monaten absinken bei einigen Einzelpatienten. Aber Antikörper sind nur ein Korrelat, also nur ein Hinweis auf die Immunität. Es ist nicht so, dass die Antikörper alleine die Immunität machen und bewerkstelligen. Die sind nur ein Anzeiger von einer überstandenen Infektion.

Doch veröffentlichte Studien zur Immunität nach der Erkrankung mit Covid-19 gibt es noch nicht.

Was ist der Immunitätsausweis?

Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, spricht bei einer Pressekonferenz zur Corona-Krise.
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Der Vorschlag für diesen Ausweis kommt vom Bundes-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Dieser Ausweis soll Menschen, die Covid-19 überstanden haben, als solche ausweisen. Er sagt: „Für den Einsatz im Gesundheitswesen, würde das einen riesigen Unterschied machen." Der Gesetzesentwurf wurde im Rahmen des zweiten Corona-Paktes im Bundeskabinett beschlossen. Da es laut Spahn selbst, noch nicht genügend Beweise für eine Immunität gäbe, sei dies nur eine vorsorgliche Regelung". Wenn es sichere Erkenntnisse zur Immunität gäbe, könnte also ein Immunitätsausweis kommen. Spahn erklärte auf einer Presskonferenz: „Für den Fall, dass man zu einer solchen Erkenntnis käme, würde das natürlich an vielerlei Stellen die Dinge auch leichter handelbar machen". Der Immunitätsausweis soll ähnlich wie ein Impfpass funktionieren. Jens Spahn hat nun auch den Deutschen Ethikrat um eine Einschätzung der ethischen Aspekte gebeten. In einem Schreiben bittet er um eine Stellungnahme, „wie und in welchem Zusammenhang der Nachweis einer Immunität genutzt werden sollte". Die Beratung des Immunitätsausweises im Bundestag steht noch aus. Im Gesetzesentwurf des Gesundheitsministeriums heißt es:

Bei der Anordnung und Durchführung von Schutzmaßnahmen [...] ist in angemessener Weise zu berücksichtigen, ob und inwieweit eine Person, die eine bestimmte übertragbare Krankheit, derentwegen die Schutzmaßnahmen getroffen werden, nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft wegen eines bestehenden Impfschutzes oder einer bestehenden Immunität nicht oder nicht mehr übertragen kann, von der Maßnahme ganz oder teilweise ausgenommen werden kann, ohne dass der Zweck der Maßnahme gefährdet wird. Soweit von individualbezogenen Maßnahmen abgesehen werden soll oder Ausnahmen allgemein vorgesehen werden, hat die betroffene Person durch eine Impf- oder Immunitätsdokumentation nach § 22 oder ein ärztliches Zeugnis nachzuweisen, dass sie die bestimmte übertragbare Krankheit nicht oder nicht mehr übertragen kann.

Was soll der Immunitätsausweis bringen?

Mit dem Immunitätsausweis sollen immune Menschen mehr Freiheiten bekommen. So könnten sie zum Beispiel wieder ihre Familienmitglieder besuchen. Denn im Moment gelten beispielsweise die Kontaktbeschränkungen der Bundesländer auch für sie. Jedoch hält der Gesetzesentwurf auch fest, dass sie dennoch „Maßnahmen gegen die Allgemeinheit", wie die Absperrung eines Ortes oder die Schließung von Einrichtungen oder Betrieben betreffen könnte. Im Entwurf des zweiten Corona-Paktes heißt es zu den möglichen Lockerungen:

So könnten z.B. bei Vorliegen eines Impfschutzes oder wissenschaftlicher Beweise für den Aufbau einer Immunität nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 und gleichzeitiger Feststellung fehlender Ansteckungsfähigkeit daraus weitreichende Schlüsse für den weiteren Umgang mit Schutzmaßnahmen und vulnerablen Personengruppen gezogen werden (Kontakte können insoweit eher ermöglicht werden).

Viel Kritik am Immunitätsausweis

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
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Der Virologe Christian Drosten spricht sich gegen Immunitätsausweise aus. Zum einen weist er darauf hin, dass Testergebnisse falsch sein können und dass sich Menschen, die sich für immun halten deshalb infizieren könnten. Da sie mit dem Immunitätsausweis mit gelockerten Regeln leben. Und zum anderen spricht er im NDR-Podcast die sozialen Folgen an:

Das kann so weit gehen, dass ich als Arbeitgeber eine Stelle ausschreibe, mir den Immunitätsausweis zeigen lasse und nur Leute einstelle, die schon immun sind, weil die nicht ausfallen werden. Oder ich bin Versicherungsunternehmer und ich weiß, eine Intensivtherapie einer SARS-2-Infektion kostet viel Geld, also werde ich den günstigen Tarif nur den Leuten anbieten, die schon einen Immunitätsausweis haben – und so weiter. Also diese Dinge, diese Effekte, die wir als soziale Stigmatisierung zusammenfassen, bis hin in den Privatbereich – dass Leute anfangen, ihren Immunitätsausweis zu zeigen und damit anzugeben oder Leute auszuschließen, von der Geburtstagsparty auszuladen, die keinen Immunitätsausweis haben. Diese Dinge müssen wir verhindern, das zersetzt die Gesellschaft.

Auch die Weltgesundheits-Organisation (WHO) warnt vor der Ausstellung von Immunitätsausweisen: Denn bislang sei nicht geklärt, ob Erkrankte wirklich immun sind und ob sich Menschen nach einer Covid-19-Erkrankung erneut mit dem Corona-Virus infizieren können. Bislang fehle ein wissenschaftlicher Nachweis, ob Corona-Erkrankte durch die Bildung von Antikörpern dauerhaft geschützt seien. Ein Problem seien auch ungenaue Tests. Die WHO warnt: „Menschen, die denken, sie seien gegen eine zweite Infektion immun, weil sie positiv getestet wurden, könnten die öffentlichen Gesundheitsempfehlungen missachten".

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Prof. Ulrich Kelber, kritisiert, dass die Meldepflicht dann auch bei einem negativem Test gelte. Die Behörde bemerkt außerdem: „Die verfassungsrechtlich erforderliche Abwägung mit dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung bleibt die Gesetzesbegründung ebenfalls schuldig". Ulrich Kelber befürchtet einen Missbrauch der Daten:

Aufgrund der aktuellen Lage der Verunsicherung muss ich befürchten, dass eine solche Dokumentation zu einer missbräuchlichen Verwendung verleiten könnte. Ich weise daher mit Nachdruck darauf hin, dass es sich bei diesen Informationen um Gesundheitsdaten handelt, deren Verarbeitung nach Artikel 9 Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) grundsätzlich untersagt und nur unter den in Artikel 9 Absatz 2 DSGVO genannten Voraussetzungen ausnahmsweise zulässig ist. Grundsätzlich darf daher niemand diese Informationen erfragen.

Auch SPD-Parteichefin Saskia Esken äußerte sich auf Twitter skeptisch zum Immunitätsausweis: „Mit dem Gesetz dazu versucht Jens Spahn aber wieder den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen und gefährdet damit das im Umgang mit Gesundheitsdaten dringend notwendige Vertrauen." Sie schreibt aber auch, dass das Forschungsprojekt um einen Immunitätspass aber an sich eine gute Sache sei.

Saskia Esken, Bundesvorsitzende der SPD, spricht während der Debatte zur Aktuellen Stunde zum Klimagipfel in Madrid.
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Bei Covid-19 ist noch unklar, ob es dauerhafte Immunität gibt, und ein Impfstoff ist nicht in Sicht. Es gibt zudem irritierende Ideen, so ein Immunitätsstatus könnte über Zugang und Teilhabe entscheiden.

Robert Habeck und Annalena Baerbock, die Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen
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Auch die Grünen kritisieren die Pläne Spahns für einen Immunitätsausweis. Der Grünen-Chef Robert Habeck sprach von Plänen, die einen Anreiz böten, sich zu infizieren, damit man mehr Freiheiten als andere haben könne. Auch seine Kollegin und Grünen-Chefin Annalena Baerbock ist skeptisch und findet einen Immunitätsausweis „kontraproduktiv", wenn man Kontakte reduzieren wolle.

Porträt FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg
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FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg findet, dass die Information, welche Krankheiten der Patient hatte, zwischen Arzt und Patient bleiben sollte.

Dietmar Bartsch, der Fraktionschef der Linken, lehnt den Immunitätsausweis ab: „Ich finde einen Immunitätsausweis, der womöglich reguliert, wer raus darf und wer nicht, völlig falsch. [...] Das sprengt einen Rahmen. Ich will keinen Überwachungsstaat".

Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und AFP.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 05. Mai 2020 | 12:45 Uhr

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