Wie läuft es mit Schwedens Sonderweg in der zweiten Corona-Welle?

Seit Monaten schaut die Welt gespannt nach Norden – um zu sehen, wie Schweden in der Coronakrise klarkommt. Bei den Skandinaviern gibt es bis heute keine Maskenpflicht, für Regelverstöße sind keine Strafen fällig. Wie erfolgreich ist die Strategie? Hier die Fakten.

Ein Schild in der Fußgängerzone in Uppsala, Schweden, mit der Aufschrift: "Die Gefahr ist noch nicht vorbei. Halten Sie Abstand."
Ein Schild in der Fußgängerzone in Uppsala, Schweden, mit der Aufschrift: "Die Gefahr ist noch nicht vorbei. Halten Sie Abstand." Bildrechte: imago images / TT / Claudio Bresciani

Ab Montag gelten bei uns ja wieder deutlich strengere Corona-Regeln. Hintergrund sind die zuletzt rasant gestiegenen Zahlen bei den Neuinfektionen. Auch in Schweden haben die Fallzahlen – wie bei uns – inzwischen Rekordwerte erreicht – wobei ja immer zurecht darauf verwiesen wird, dass die Zahlen von jetzt nicht einfach mit denen aus dem Frühjahr zu vergleichen sind, weil mehr getestet wird. Allerdings ist sowohl in Schweden als auch bei uns der Anteil positiver Tests zuletzt merklich gestiegen.

Doch während hier das öffentliche Leben den November über ein ganzes Stück weit heruntergefahren wird, um den Gesundheitsämtern wieder das Nachverfolgen von Infektionsketten zu ermöglichen, gibt es in Schweden keine landesweit strengeren Regeln. Das Land will weiter seinen viel diskutierten Sonderweg gehen. Eine Maskenpflicht gibt es nicht, an Maßnahmen wie eine nächtliche Ausgangssperre ist gar nicht zu denken.

Keine Strafen bei Verstößen

Zuletzt wurden die Maßnahmen zwar in einigen Regionen verschärft, auch in der Hauptstadt Stockholm. Allerdings gibt es keine Strafen, wenn man sie nicht einhält. Außerdem wurden die Regeln für Senioren sogar gelockert – und dass, obwohl gerade die Ältesten in der ersten Welle den Preis für den Corona-Kurs der Regierung gezahlt haben: In vielen schlecht vorbereiteten Altenheimen war es zu tödlichen Ausbrüchen gekommen.

Coronasommer in Schweden
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Einigen in Deutschland gilt Schweden deswegen als abschreckendes Beispiel: „In Schweden haben die Älteren den Preis gezahlt“, hat etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder seinen strengen Corona-Kurs begründet.

In Schweden selbst hält man dagegen: „Viele der Menschen, die verstorben sind, waren sehr gebrechlich“, so der Seuchenexperte Jan Albert vom Karolinska Institut in Stockholm. „Und selbst mit modernsten Behandlungsmethoden ist es schwer, solche Todesfälle zu verhindern. Denn alte Menschen mit vielen Vorerkrankungen, vertragen oftmals keine intensivmedizinische Behandlung.“

Fakt ist: Schweden hatte eine der höchsten Sterberaten in Europa – deutlich höher als die in seinen skandinavischen Nachbarländern, aber andererseits niedriger als etwa in Spanien. Insgesamt kommt Schweden bis dato auf insgesamt 6000 Tote im Zusammenhang mit Corona – würde man diese Zahl auf Deutschland umrechnen, wären wir aktuell bei 49.000 Toten. Tatsächlich sind es aber weniger als 11.000 bisher.

Schweden sagen, dass sie ihr Verhalten (trotzdem) geändert haben

Eigenverantwortung des Einzelnen statt strenger Regeln von oben – mit diesem Ansatz will Schweden weiter durch die Pandemie kommen. In Meinungsumfragen zeigt sich: Rund 80 Prozent der Schweden sagen, dass sie ihr Verhalten wegen Corona geändert haben. Das heißt: Mehr Homeoffice, weniger persönliche Kontakte, weniger Reisen, mehr Händewaschen. 

Entscheidender Kopf hinter dieser Strategie ist der sogenannte Chefepidemiologe Anders Tegnell. Er ist nach wie vor gegen landesweiten Corona-Einschränkungen: „Die Leute können sich an so strenge Anweisungen nur eine begrenzte Zeit lang halten, und das Timing ist entscheidend“, heißt sein Argument. Man dürfe „nicht zu früh anfangen und auch nicht zu lange warten“.

Gleichzeitig hat Tegnell klargestellt, sein Land habe niemals eine sogenannte Herdenimmunität herbeiführen wollen. Die ergibt sich, wenn genügend – im Idealfall möglichst fitte - Menschen mit dem Erreger infiziert werden, die Erkrankung durchmachen und danach Antikörper bilden. Dann können sie das Virus nämlich auch nicht mehr verbreiten – und andere Menschen in der Gesellschaft wären auch geschützt.

Kritik am erhobenen Zeigefinger

Das Problem daran ist aber, dass sich für das Erreichen der Herdenimmunität sehr viele Menschen anstecken müssen – damit würden fast zwangsläufig auch zahllose schwere Verläufe entstehen, was wiederum zu vielen zusätzlichen Todesfällen im Land führen würde.

Herdenimmunität anzustreben, ist weder ethisch noch sonst wie vertretbar. Selbst wenn jüngere Menschen weniger schwere Verläufe haben und seltener sterben – es kann dennoch vorkommen“, so Tegnell. Deswegen habe sein Land das auch nicht probiert.

Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg sagt: Es gibt keinen Grund, den schwedischen „Sonderweg“ grundsätzlich zu verurteilen: „Hier von Deutschland aus mit dem erhobenen Zeigefinger – das halte ich für absolut falsch.“ Natürlich seien in Schweden wie in jedem anderen Land auch Probleme aufgetreten, es gebe daher auch dort eine Diskussion über den richtigen Weg. Aber: „In Schweden sind ja keine Idioten am Werk.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 01. November 2020 | 18:10 Uhr

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