Schweden sieht sich im Corona-Kurs bestätigt – Kann das stimmen?

In der Corona-Pandemie schaut die Welt auf Schweden. Mit neuen Zahlen sieht sich die Regierung dort in ihrem Kurs bestätigt. Wir haben uns das mal genauer angesehen.

Coronasommer in Schweden
Bildrechte: imago images / TT / WIXTRÖM JIMMY / Aftonbladet

Früher hat man an Pippi Langstrumpf gedacht, wenn von Schweden die Rede war. An Möbel zum Selberbauen, an Abba, Elche, Karlsson auf dem Dach, Petterson und Findus, Wallander-Krimis oder Zlatan Ibrahimović. Doch Corona hat das verändert. Wer jetzt über Schweden spricht, meint oft den vermeintlichen Sonderweg der Skandinavier in der Krise.

Während in eigentlich allen Staaten Europas strenge Regeln im Kampf gegen die Pandemie erlassen wurden, setzte die schwedische Regierung vor allem auf die Eigenverantwortung ihrer Bürger. Diese sollten Abstand halten und nach Möglichkeit zu Hause bleiben. Schulen und Kitas blieben, im Gegensatz etwa zur Situation bei uns, die ganze Zeit geöffnet. Restaurants und Geschäfte ebenso. Eine Maskenpflicht gibt es bis heute nicht. Das Argument dabei: Keine Maske und Abstand sind sicherer als eine schlampig getragene Maske und kein Abstand.

Seither ist beständig auf Schwedens Performance in der Krise geschaut worden – und oft sah es nicht gut aus: Die Pro-Kopf-Sterblichkeit in der Pandemie war im Land deutlich höher als bei den skandinavischen Nachbarn. Einerseits. Andererseits war sie aber trotzdem niedriger als zum Beispiel in Italien oder Spanien. Und da gab es harte Lockdowns.

Rentner spielen vor dem Palast in der schwedischen Hauptstadt Stockholm Boule.
Bildrechte: dpa

Insgesamt sind in Schweden bislang mehr als 5800 Menschen gestorben, die positiv auf das Sars-CoV-2-Virus getestet wurden. Gerade ältere Schweden bezahlten dabei den Corona-Kurs ihrer Regierung mit dem Leben. Fast 80 Prozent der bisherigen Covid-19-Toten im Land, so zeigen es die Zahlen der Regierung, waren Pflegebedürftige. „Unser großes Versagen lag im Bereich der Langzeit- und Altenpflege. Die regionalen Ämter hätten besser vorbereitet sein müssen, dann hätte es weniger Tote gegeben“, so der Staatsepidemiologe Anders Tegnell, gewissermaßen der Architekt des schwedischen Modells.

Mittlerweile kann die Regierung in Stockholm allerdings auch positive Dinge verkünden – zum Beispiel zur Entwicklung in der Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal um 8,6 Prozent geschrumpft. Nur - muss man sagen. Im Vergleich: Deutschland kam in der Zeit auf ein Minus von 10,1 Prozent, die Europäische Union insgesamt auf etwa minus 12 Prozent. Schweden habe die Wirtschaft besser geschützt als die Menschen, schrieben Journalisten daraufhin.

Die Regierung sieht sich in ihrem Kurs aber auch darin bestätigt, dass die Corona-Entwicklung in Schweden einigermaßen ruhig verläuft. In Staaten wie Frankreich und Spanien waren die Fallzahlen nach dem zwischenzeitlichen Ende der Corona-Maßnahmen dort ja wieder stark in die Höhe gegangen. In Schweden gibt es – bis auf einen Ausreißer Anfang dieser Woche – keinen sichtbaren Trend, dass es wieder massiv mehr Neuinfektionen gibt. Der Chef der schwedischen Gesundheitsbehörde, Johan Carlson, sagte, die heimischen Richtlinien seien einfach zu verstehen. Und sie seien für einen längeren Zeitraum gedacht, die Bevölkerung habe sie verinnerlicht.

Auch die Corona-Tests im Land – aktuell sind es 120.000 pro Woche bei gut zehn Millionen Einwohnern – bestätigen aus Sicht der Regierung die gute Lage. Nur 1,3 Prozent der Proben seien zuletzt positiv ausgefallen, hieß es. Im Frühjahr habe der Wert teils bei rund 19 Prozent gelegen. In Deutschland liegt die Rate der positiven Tests laut Robert Koch-Institut allerdings sogar nur bei 0,74 Prozent. Möglichst niedrige Zahlen hier sind ein Indiz dafür, dass man ein einigermaßen realistisches Bild von der aktuellen Pandemie-Situation hat und die Dunkelziffer nicht zu hoch ist.

Schwedens Corona-Kurs hat das Land also nicht komplett in die Katastrophe geführt. Er ist aber auch keine lupenreine Erfolgsgeschichte. Und sollte sich die Corona-Lage im Winter verschlechtern, planen Schwedens Gesundheitsbehörden auch regionale und lokale Maßnahmen, die so gar nicht mehr nach Sonderweg klingen: Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr, umfassende Verbote öffentlicher Versammlungen, Aufforderung zum Tragen von Mund- und Nasenschutz. Damit wären die Regeln kaum anders als die bei uns.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 13. September 2020 | 13:40 Uhr

Weitere Informationen zu Corona