Zeugnisse und Zensuren in Corona-Zeiten - anfechtbar!

Noch gut einen Monat – dann gibt es Zeugnisse in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Welchen Wert die Giftzettel dieses Jahr haben, wie es mit Versetzungen aussieht und welche Regeln für die Notenvergabe gelten, erfährst du hier.

Der Schriftzug «Zeugnisausgabe» wird an eine Tafel geschrieben.
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Wegen der Corona-Krise gelten für die Jahresabschlussnoten dieses Jahr andere Regeln als sonst. Die sind in den drei mitteldeutschen Bundesländern sehr unterschiedlich. Wir haben in den Bildungsministerien angefragt, was gilt.

Großzügige Regeln in Thüringen

Am meisten zurücklehnen können sich die Schüler in Thüringen. Dort fließen die Noten aus dem Homeschooling nicht in die Bewertung ein, so der Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums Felix Knothe im MDR JUMP-Gespräch:

Halbjahresnoten werden mit einbezogen, Leistungen während des Homeschoolings werden nur bedingt mit einbezogen, denn die Lehrer waren darum gebeten worden, auf Notengebung in der Zeit der Schließung zu verzichten. Jetzt werden ja wieder Zensuren erteilt, die natürlich auch mit einfließen.

Kaum Sitzenbleiber

Zudem wird in Thüringen kaum jemand sitzen bleiben. Alle Kinder werden automatisch in die nächste Klassenstufe versetzt – unabhängig von ihren Leistungen. Eine Ausnahme sind Schüler der Klassen 9 und 10. Für sie wird es - wie üblich - eine Versetzungsempfehlung geben. Zudem wird allen Schülern eine freiwillige Wiederholung des Schuljahres angeboten, ohne dass dies angerechnet wird. Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium fallen ersatzlos aus. Jeder, der sich angemeldet hat, wird auch aufgenommen.

Zeugnisse kaum aussagkräftig

Der Thüringer Landeselternvertretung findet die Regelungen im Großen und Ganzen ok, sagt aber, dass die diesjährigen Endzeugnisse somit nicht besonders viel Wert haben. Sprecherin Claudia Koch:

Zwar stellt ein Zeugnis ohnehin eher eine Momentaufnahme der aktuellen Leistungsfähigkeit dar, diese Momentaufnahme ist im Sommer 2020 noch dazu aber völlig unscharf, dürfte also über das zweite Schulhalbjahr recht wenig aussagekräftig sein.

Außerdem seien die Endjahreszeugnisse wegen der großen Qualitätsunterschiede, wie Schule seit der Schließung im März weitergeführt wurde, überhaupt nicht vergleichbar, so Koch weiter.

Pädagogisches Fingerspitzengefühl gefragt

In Sachsen und Sachsen-Anhalt gelten sehr ähnliche Regeln: Noten, die in der Zeit der Schulschließungen vergeben wurden, können in die Endbewertung mit einfließen. Auch die Halbjahreszensuren spielen eine Rolle. Versetzungen werden wie üblich gehandhabt, jedoch mit Augenmaß und unter Nutzung des pädagogischen Ermessensspielraumes, heißt es aus dem Bildungsministerium in Sachsen-Anhalt. Dirk Reelfs vom sächsischen Kultusministerium ergänzt:

Im Zweifel für den Schüler. Die Schüler sollen keine Nachteile haben, weil man dieses Jahr nicht mit einem normalen Jahr vergleichen kann.

Lehrer haben das Sagen

Deshalb wurde eine so genannte Günstigkeitsregel erlassen. Die besagt, dass hinsichtlich der Benotung und Versetzung zu Gunsten des Schülers entschieden werden soll. Das klingt erst mal gut, bedeutet aber, dass alles vom Wohlwollen des jeweiligen Lehrers abhängt, kritisiert der Landeselternrat Sachsen. Die stellvertretende Vorsitzende Nadine Eichhorn im MDR JUMP-Gespräch:

Wir hätten uns in Sachen Bewertung etwas mehr Einheitlichkeit gewünscht. Es ist teilweise überhaupt nicht nachvollziehbar, wie eine Zensur zustande kommt. Das ist alles sehr subjektiv, vor allem mit Blick auf die Leistungen, die von den Schülern im Homeschooling erbracht wurden.

Viele Elternklagen erwartet

Problematisch sei es vor allem für die Vorabschlussklassen 8 und 9 der Haupt- und Realschulen, die sich mit dem diesjährigen Zeugnis bewerben müssen. Ihnen kann man nur empfehlen, das Halbjahreszeugnis und das Endzeugnis aus dem vergangenen Schuljahr mit in die Bewerbungsmappe zu legen, so Eichhorn. Sie rechnet fest damit, dass es wegen der Zeugniszensuren dieses Jahr mehr Klagen seitens der Eltern geben wird. Die Fronten zwischen Eltern und Lehrern seien jetzt schon verhärtet.

Zeugnisnoten anfechtbar

Eltern die unzufrieden mit dem Zeugnis ihres Kindes sind, sollten sich juristischen Rat holen. Andreas Zoller, Rechtsanwalt für Schulrecht, weist darauf hin, dass es zunächst erst mal wichtig ist, zu erfahren, wie sich die Noten zusammensetzen, d. h. Einzelnoten und die Notengewichtung zu erfahren. Erst dann könne man die Zensuren anfechten.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Feierabendshow | 11. Juni 2020 | 18:10 Uhr

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