In Sachsen müssen Ärzte jetzt entscheiden, wer beatmet werden soll

Das sächsische Gesundheitssystem droht unter der Corona-Pandemie nun an seine Grenzen zu kommen. In einem Klinikum in Zittau mussten Ärzte mehrfach darüber entscheiden, welcher Patient dringender beatmet werden muss.

In keinem anderen Bundesland ist die Lage so dramatisch, wie gerade in Sachsen. Vor allem in Ostsachsen liegen die Inzidenzwerte in mehreren Kreisen über 600. Schon seit Wochen heißt es, die Lage in den Kliniken dort sei dramatisch, Pflegepersonal sei knapp und zu wenig Intensivbetten und Beatmungsplätze vorhanden.

Die Lage ist so ernst, dass im Klinikum Oberlausitzer Bergland bereits triagiert werden muss. Das heißt, dass Ärzte entscheiden müssen, welcher Patient höhere Priorität bekommt und wer nicht. Das berichtete Matthias Mengel, der ärztliche Direktor der Klinik bei einem online Bürgerforum. Später bestätigte er dem Portal t-online:

Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht.

Der Sachsen-Korrespondent des Deutschlandfunk schrieb dagegen auf Twitter, der Grund für die Anwendung der Triage seien fehlende Beatmungsbetten.

Wie die Sächsische Zeitung unter Berufung auf andere Teilnehmer des Bürgerforums berichtet, erläuterte Mengel auf Nachfrage, dass es vielfach vor allem um die Entscheidung gegangen sei, welcher Patient für eine Verlegung infrage komme und eine Chance habe, einen Transport von mitunter mehreren hundert Kilometern zu überstehen. "Es ist eine einsame Entscheidung, und am Ende steht man alleine damit da", wird er zitiert.

Grenzen des Leistbaren

Die Intensivmedizin im Klinikum stoße "an die Grenzen des Leistbaren", bestätigte auch der Träger, das Gesundheitszentrum des Landkreises Görlitz, am Mittwoch. Ob tatsächlich triagiert werde, wollte der Träger aber weder bestätigen noch dementieren.

Allerdings sei die Lage trotzdem dramatisch: Die Kapazität der beiden eigens eingerichteten Corona-Infektionsstationen von insgesamt 100 Betten in den beiden Standorten des Klinikums könne nicht ausgeschöpft werden, weil Personal fehle. Sollten die Corona-Stationen keine Patienten mehr aufnehmen können, würden die Erkrankten in die umliegenden Krankenhäuser geflogen. Dies sei in den vergangenen Tagen "verstärkt" geschehen, bestätigte der Chef der Leitstelle Dresden dem MDR.

Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping sprach am Mittwoch von einem "Warnruf":

Wir wissen bald nicht mehr, wie wir die Patienten versorgen sollen.

Den Fall selbst könne sie aber nicht bestätigen, sagte sie weiter.

Die Triage-Meldung weckt ungute Erinnerungen an die Situation im Frühjahr in Italien. Dort war das Gesundheitssystem unter der Corona-Pandemie zusammengebrochen, Ärzte mussten Entscheidungen darüber treffen, wer Beatmet werden soll und wer nicht. In vielen Fällen war das gleichbedeutend mit einer Entscheidung über Leben und Tod.

Mit Material von dpa und KNA

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Feierabendshow | 16. Dezember 2020 | 17:40 Uhr

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