Warum bleibt Sachsen weiter Corona-Hotspot?

Drei mitteldeutsche Landkreise sind aktuell die Corona-Hochburgen Deutschlands: zwei in Sachsen, einer in Thüringen. Warum Sachsen seit Wochen nicht von den hohen Infektionszahlen runterkommt – dazu gibt es verschiedene Theorien.

Aufdruck 'Risikogebiet' auf Holzstempel
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Laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts haben sich Stand 23.11.2020 im Osterzgebirge 387 Menschen pro 100.000 Einwohner neu mit dem Coronavirus angesteckt. 350 waren es im Landkreis Bautzen. Zum Vergleich: Halle oder Eisenach melden Inzidenz-Werte von unter 50. Zu den Gründen kursieren verschiedene Theorien.

Leben die Familien zu nah beieinander?

Ein Punkt, warum von der Corona-Ausbreitung vor allem die ländlichen Regionen Sachsens betroffen sind, könnte der starke Familienzusammenhalt sein. Dort sei das Sicherheitsgefühl etwas größer und die Leute sind deshalb ein bisschen unvorsichtiger, sagen einige Bürgermeister. Auch Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping hatte bei MDR JUMP das private Umfeld als einen Haupttreiber für die hohen Fallzahlen ausgemacht:

Es ist schön für uns in Sachsen, dass wir gerade in den ländlichen Regionen so ein enges Familien- und Freundesleben durchführen. Das macht uns aus. Aber genau diese enge freundschaftliche Bande, diese engen Familienfeiern, vielleicht auch im Dorf, dass man sich trifft, die führen dazu, dass man in diesen Kreisen sehr leichtsinnig wird.

Hat Sachsen die meisten Corona-Skeptiker?

Mann mit Aluhut
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Eine gewagte Parallele zieht die Sächsische Zeitung. Sie titelte kürzlich "Sachsen hat die meisten Corona-Leugner". In dem Bericht bezieht sich die Zeitung auf eine Studie der Deutschen Bank. Die ergab, dass die Sachsen häufiger als andere die derzeitige Situation nicht als Krise bezeichnen würden. De facto sind die Sachsen also wohl eher Krisen-Leugner als Corona-Leugner. Allerdings sieht ein Experte der Amadeu-Antonio-Stiftung in Sachsen durchaus fruchtbaren Boden für Verschwörungstheorien. Man denke nur an die Proteste an der B96 in Ostsachsen.

Sind kirchliche Veranstaltungen Corona-Partys?

In der Lausitz hatten Meldungen für Aufsehen gesorgt, wonach mehrere Geistliche in sorbischen Pfarrgemeinden positiv auf das Corona-Virus getestet worden waren. In den sorbischen Gemeinen, wo das Kirchenleben mitunter aktiver ist als andernorts in Sachsen, sind die Infektionszahlen hoch. Doch Michael Baudisch, Pressesprecher des Bistums Dresden-Meißen wägt in der Sächsischen Zeitung ab: es stimme, dass sich dort alle untereinander kennen, man miteinander gut vernetzt ist und es ein gutes soziales Miteinander gebe. Bei der Frage aber, ob bestimmte kirchliche Ereignisse, wie Gottesdienste oder Firmungs-Feiern, wie sie im Oktober stattfanden, maßgeblich für den Anstieg der Fallzahlen sind, begebe man sich "auf das Feld purer Spekulation".

Welche Rolle spielen evangelikale Strukturen und eine Nähe zur AfD?

25.10.2020, Berlin: Polizisten hindern einen Teilnehmer der Demonstration gegen die Corona-Auflagen auf dem Alexanderplatz am Weitergehen.
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Zuletzt sind bei den Protesten gegen das Infektionsschutzgesetz in Berlin Protesttouristen aus dem Dresdner Umland sowie dem Erzgebirge aufgefallen. Dazu sagte der Leipziger Historiker und Politikwissenschaftler Michael Lühmann dem Magazin "Der Spiegel" :

Renitenz und Protest sind hier seit Jahren gereift.

Vor allem in Ostsachsen und dem Erzgebirge habe sich ein sehr aktives konservativ-protestantisches Gemeindeleben bewahrt. Hinzu käme eine Nähe zur AfD. In den Regionen war die Zustimmung bei der letzten Landtagswahl für die rechtspopulistische Partei besonders hoch.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 23. November 2020 | 06:00 Uhr

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