Was taugt der russische Corona-Impfstoff

Schneller zu sein als der Rest der Welt – das gefällt Russlands Präsident Wladimir Putin. Sichtlich stolz war er, als sein Land gerade den ersten offiziellen Corona-Impfstoff vorstellte. Doch was kann der wirklich?

ein Impfstoff
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Die Ärzte müssen sehr froh gewesen sein, als das Fieber der prominenten Patientin irgendwann nicht mehr stieg. Katerina Wladimirowna Tichonowa, 33, ist schließlich nicht irgendwer. Sie ist die Tochter von Russlands Staatspräsident Wladimir Putin und kam einst in Dresden auf die Welt, wo ihr Vater damals für den sowjetischen Geheimdienst KGB arbeitete. Bis auf 38 Grad war ihre Temperaturkurve zwischenzeitlich geklettert, nachdem sie zuvor einen experimentellen Corona-Impfstoff erhalten hatte. Auf ihn setzt Russland große Hoffnungen. Schon allein deswegen wäre es unpraktisch gewesen, wenn sich gerade beim Nachwuchs des Staatspräsidenten unerwünschte Nebenwirkungen gezeigt hätten. Doch dann erholte sich Tichonowa ja zum Glück. So heißt es jedenfalls.

Die Regierung in Moskau ist gerade sehr stolz darauf, als erste einen Impfstoff gegen den Sars-CoV-2-Erreger präsentiert zu haben. Der Impfstoff heißt „Sputnik“ und soll damit an den Start des ersten Satelliten durch die Sowjetunion im Jahr 1957 erinnern. Damals war man schneller als alle anderen, so die Botschaft. Und jetzt will man es wieder sein.

"Die russische Vakzine gegen das Coronavirus ist effektiv und bildet eine beständige Immunität", so die Botschaft von Präsident Putin. Vakzine ist das wissenschaftliche Wort für Impfstoff. Mitte September soll die Massenproduktion starten, im Oktober dann die Impfungen. Als erstes sollen medizinisches Personal, Lehrer und Risikogruppen den Pieks bekommen.

Doch ob die Substanz tatsächlich effektiv ist, wie lange die vermeldete Immunität anhält, was mit möglichen Nebenwirkungen ist, all das weiß die Welt bisher eigentlich gar nicht. Nur dass angeblich auch der Entwicklungschef, ein Forscher namens Alexander Ginzburg, die Substanz an sich selbst getestet haben soll.

Experten halten Ansatz für problematisch – schließen aber auch nicht aus, dass er klappt

Was ist also von den russischen Erfolgsmeldungen zu halten? „Es ist hier unklar, was die genau Entwickelt haben“, mahnt der Virologe Alexander Kekulé von der Universität Halle zur Vorsicht. Für die Verwendung im Impfstoff, so Kekulé, setzten die Russen offenbar auf zwei beim Menschen vorkommende sogenannte Adenoviren. Das sei im Prinzip ein übliches Verfahren, nachdem schon viele andere Impfstoffe hergestellt worden seien. Aus dem Erbgut des Virus werde dafür im Labor ein Stück ausgetauscht. Das bringe infizierte Körperzellen dazu, so Kekulé, ein Protein zu produzieren, das einem vom Sars-CoV-2-Erreger ähnlich ist. So kommt es dann zur Immunantwort des Körpers.

Das Problem sei, dass auch das Ursprungsvirus immer noch eine Antwort des Immunsystem provoziere. „Ich bin sehr, sehr gespannt, ob es funktioniert und ob es Nebenwirkungen hat“, so Kekulé. „Die Nebenwirkungen wären natürlich fürchterlich, wenn man Millionen von Menschen impft und dann feststellt, dass ein erheblicher Teil von denen zum Beispiel immunologische Probleme bekommt.“ Kekulé verweist darauf, dass mit Adenoviren in der Vergangenheit auch der Versuch unternommen worden sei, eine Impfung gegen Aids zu entwickeln. Auch gegen Tuberkulose, Malaria und Ebola habe man den Ansatz genutzt. „Nirgendwo ist bisher was Vernünftiges rausgekommen“, so Kekulé. „Das wäre Glück, wenn es in dem Fall einfach mal klappt. Das will ich nicht ausschließen.“

Großflächige Tests sollen erst nach der Zulassung erfolgen

Man muss also die russischen Erfolgsmeldungen, auch die über die angeblich erfolgreich verlaufene Impfung der Putin-Tochter, immer zumindest mit Vorsicht betrachten. Besonders problematisch ist aus Sicht von Experten die niedrige Zahl der Probanden für die bisherigen Tests. Einstweilen ist nur von einer zweistelligen Anzahl von Testpersonen die Rede. Normalerweise wird ein Impfstoff an viel mehr Menschen getestet, bevor er eine Zulassung bekommt. Man muss sich vorstellen: Selbst, wenn nur ein Promille der Geimpfte Nebenwirkungen zeigt, wären das zum Beispiel in der deutschen Bevölkerung mehr als 80.000 Menschen. 

In Russland soll es die Tests an größeren Bevölkerungsgruppen auch noch geben, allerdings nach der Einführung des Impfstoffs. Das ist, gelinde gesagt, ein unübliches Verfahren in der Medizin. Selbst wenn die Zeit drängt wie in der Corona-Pandemie gilt normalerweise der Grundsatz: Sicherheit geht vor Geschwindigkeit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat klargestellt: „Jeder Impfstoff muss natürlich alle Versuchsreihen und Tests durchlaufen, bevor er genehmigt und ausgeliefert wird.“ Dazu gebe es klare Richtlinien.

Weltweit rund 170 Impfstoffkandidaten in der Entwicklung

Klare Worte fand der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt. „Die Zulassung eines Impfstoffs ohne die entscheidende dritte Testreihe halte ich für ein hochriskantes Experiment am Menschen“, so der Mediziner. „Es ist unverantwortlich, ganze Bevölkerungsgruppen bereits in diesem Stadium der Entwicklung zu impfen.“

Weltweit arbeiten rund 170 Teams an einem Impfstoff gegen das Sars-CoV-2-Virus. Eine der Substanzen wird auch in Sachsen-Anhalt mit entwickelt, vom Unternehmen IDT Biologika in Dessau-Tornau. Sieben Impfstoffe werden derzeit in groß angelegten Studien, sogenannten Phase-III-Studien an Freiwilligen getestet.

Das wäre der letzte Schritt vor der Markteinführung. In der Vergangenheit sind aber auch viele Impfstoffkandidaten gegen andere Krankheiten in dieser Stufe der Entwicklung noch gefloppt. Beim Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), der für Deutschland zuständigen Zulassungsbehörde, geht man davon aus, dass es bei uns frühestens Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres einen Impfstoff geben wird. Aber der ist dann zumindest umfassend getestet.

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