Wegen Corona: Werden viele Pflegekräfte ihren Job verlassen?

Es ist eine Umfrage mit dramatischen Zahlen: Ein Drittel der teilnehmenden Pflegekräfte kann sich vorstellen, ihren derzeitigen Beruf zu verlassen. Wie ist die Situation in Mitteldeutschland?

Eine Altenpflegerin blättert im Seniorenheim Pauline-Krone-Heim der Altenhilfe Tübingen auf einem Wagen, mit dem Antigen-Corona-Schnelltests durchgeführt werden, in einem Ordner.
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"Corona hat das Fass zum Überlaufen gebracht": Dies ist die Meldung einer Krankenschwester auf Twitter. Sie hat aufgrund der Arbeitsbedingungen ihren Job an den Nagel gehängt. Diese Wortmeldung zeichnet offenbar das Bild für die Stimmung in einem ganzen Berufszweig.

Viele Pflegekräfte wollen aufhören

Eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) unter mehr als 1.300 Mitarbeitenden auf Intensivstationen, Notaufnahmen und im Rettungsdienst zeigt: Viele von ihnen fühlen sich spätestens in der dritten Coronawelle überlastet. Unter den Menschen in Gesundheitsfachberufen, zum Beispiel den Intensivpflegenden, ist das Ergebnis dramatisch: Ein Drittel plant demnach, den Beruf innerhalb des nächsten Jahres zu verlassen. Als Grund werden die durch die Corona-Pandemie weiter verschlechterten Arbeitsbedingungen genannt.

Wie ist die Situation in Mitteldeutschland?

Manuela Schaar kümmert sich bei der Gewerkschaft ver.di auch um die Pflegeberufe in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Sie hat regelmäßig Kontakt zu den Beschäftigten. Im Gespräch mit MDR JUMP erklärt sie, dass durchaus bei vielen der Gedanke des Berufsausstieges eine Rolle spielen könnte:

Die Belastungen sind real, die die Leute da erfahren. Es ist generell ein anstrengender Beruf.

Manuela Schaar, Gewerkschaft ver.di

Anstrengend sei es nicht erst seit Corona. Doch aufgrund der infektiösen Patientinnen und Patienten habe sich der Beruf deutlich erschwert. Denn die Arbeitsmotivation sei es, die Menschen gesund zu machen.

Wenn die Leute reihenweise versterben, in Säcke verpackt und in Container verbracht werden müssen: Dass so viele Menschen verloren gehen, ist nicht der Normalfall, auch nicht auf Intensivstationen. Die Belastung ist schier unerträglich.

Manuela Schaar, Gewerkschaft ver.di

Sie beschreibt weiterhin, dass die Menschen stark mit ihrem Beruf verbunden sind. Die eigene Arbeit wird unter Pflegekräften als wichtig eingestuft. In der Corona-Zeit habe sie nicht feststellen können, dass viele ihren Job direkt kündigen wollten. Vielmehr seien die Kolleginnen und Kollegen eng beieinander. "Jetzt würde keiner gehen", sagt sie weiter.

Im Infektionszimmer für Covid-19-Patienten auf der Interdisziplinären internistischen Intensivtherapiestation (ITS) der Universitätsmedizin Rostock hält eine Mitarbeiterin die Hand eines Patienten im künstlichen Koma und spricht mit ihm.
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Zahlen zeigen Rückgang

Laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit ging die Zahl der Beschäftigten in der Pflege tatsächlich zurück. Zu Beginn der Pandemie - zwischen April 2020 und Ende Juli 2020 - ist die Zahl der Beschäftigten in der Alten- und Krankenpflege in Deutschland um mehr als 9.000 besetzte Stellen (-0,5%) gesunken.

In Mitteldeutschland sind die Zahlen in diesem Zeitraum auch rückläufig gewesen. Nur die Zahl der Beschäftigten in der Altenpflege in Sachsen-Anhalt hat zugelegt. Insgesamt gab es im Pflegebereich in Mitteldeutschland 888 weniger besetzte Stellen.

Anzahl der Beschäftigten in der Alten- und Krankenpflege (Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit)
Bundesland Krankenpflege Altenpflege
Sachsen 31.03.2020: 62.700

31.07.2020: 62.539 (-161)
31.03.2020: 41.038

31.07.2020: 40.907 (-131)
Sachsen-Anhalt 31.03.2020: 32.126

31.07.2020: 31.800 (-326)
31.03.2020: 22.360

31.07.2020: 22.442 (+82)
Thüringen 31.03.2020: 31.785

31.07.2020: 31.579 (-206)
31.03.2020: 19.729

31.07.2020: 19.582 (-146)

Wie geht es weiter - nach der Pandemie?

Aus Sicht von Manuela Schaar von der ver.di könnte nach der Corona-Pandemie ein Umdenken bei einigen Beschäftigten einsetzen.

Ich denke, wenn der Normalbetrieb wieder da ist, man Zeit zum Ordnen hat, dass uns da eine Welle von Berufsausstiegen droht. Ich kann mir vorstellen, dass sich Menschen nach Ende dieser Welle schon noch überlegen müssen, wo es in Zukunft hingehen muss und sie auch eine Neuausrichtung möglicherweise in Erwägung ziehen.

Manuela Schaar, Gewerkschaft ver.di

Das Team eines Intensivtransportwagens fährt auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg einen Covid-19-Patienten, der aus einem anderen Krankenhaus verlegt wurde, auf einer Intensivtrage.
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Wann kommt Reform in der Pflege?

Überlastetes Personal, Personalmangel, schlechte Arbeitsbedingungen: Das Pflegepersonal wartet schon lange auf eine Pflegereform. Auf der Wunschliste stehen höhere Gehälter und bessere Betreuungsschlüssel. Doch was schon lange von der Bundesregierung versprochen wurde, ist noch längst nicht umgesetzt. Mittlerweile zweifeln immer mehr Menschen daran, ob vor der Bundestagswahl überhaupt noch positive Veränderungen angestoßen werden. Dabei könnten bessere Arbeitsbedingungen dafür sorgen, dass auch nach der Pandemie viele Menschen weiterhin in Pflegeberufen beschäftigt sein wollen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 05. Mai 2021 | 19:10 Uhr

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