Kaum Infektionen, krisenerprobte Menschen: Wie hart trifft Corona den Osten?

Im Osten sind die Infektionszahlen niedriger. Doch die Wirtschaft ist schwächer und hat weniger Rücklagen für die Krise. Der Tourismus in vielen mitteldeutschen Regionen musste schon hart kämpfen. Welche Folgen hat das?

Spielplatz vor der Kulisse der Dresdner Altstadt mit der Frauenkirche
Spielplatz vor der Kulisse der Dresdner Altstadt mit der Frauenkirche Bildrechte: imago images / Max Stein

Die Karten mit den Corona-Infektionszahlen erinnern etwas an das Bild vom geteilten Deutschland in alten Geografie-Büchern: Im Osten sind die Flächen fast immer grüner, auf jeden Fall freundlicher gefärbt. Im Westen dagegen tragen viele Landkreise dagegen dunklere, bedrohlichere Farben. Bis auf wenige Hotspots sind Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zumindest bei den Infektionszahlen bisher besser durch die Krise gekommen. Darüber besteht Einigkeit, darüber wird nicht diskutiert.

Trifft Corona den Osten härter als den Westen oder nicht?

Mitarbeiter in Metallbaufirma
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Bislang ist jedoch völlig offen, wie der Osten dann im Vergleich mit dem Westen durch die Krise kommt. Ob besser, schlechter oder anders. Und ob dabei die niedrigen Infektionszahlen eine Rolle spielen. Marco Wanderwitz, der Ostbeauftragte der Bundesregierung, etwa befürchtet, die Folgen des Virus könnten die ostdeutschen Länder wirtschaftlich viel härter treffen. Grund seien eine kleinteiligere Wirtschaftsstruktur und eine geringeres Eigenkapital. Experten vom Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle sehen dagegen Anzeichen dafür, dass Corona den Osten vielleicht weniger hart trifft als den Westen: Hier gebe es etwa weniger verarbeitendes Gewerbe, dass bisher Verluste hinnehmen musste. Zudem sind im Osten bisher weniger Menschen entlassen worden, ergänzt das Ifo-Institut aus Dresden. Auch dort sieht man positiv stimmende Zeichen in der Krise.

Warum gibt es im Osten weniger Corona-Fälle als im Westen?

Wenn es um die niedrigen Infektionszahlen geht, gibt es unterschiedliche Annahmen. Vor allem im Kölner Raum aber überhaupt entlang des Rheins feiern viele Menschen Karneval. Der erste große Ausbruch im Kreis Heinsberg lässt sich auf eine Karnevalsfeier zurückführen. Daneben steht die Annahme, dass das Mobilitätsverhalten in den Neuen Bundesländern weniger stark ausgeprägt ist. Das liegt vor allem daran, dass die Menschen hier im Schnitt älter sind. Insbesondere Ski-Urlaube wie etwa im Hotspot Ischgl fallen deshalb weg. Sachsen-Anhalt war das letzte Bundesland, das den ersten Corona-Fall registriert hat. Dann hat es allerdings innerhalb eines Tages acht neue Fälle gegeben. Der Grund könnte sein, dass laut einer Studie der Barmer-Krankenkasse Menschen aus Sachsen-Anhalt seltener zum Arzt gehen, als alle anderen Deutschen. Es folgen: Brandenburg, Sachsen, Thüringen. Zwar haben Menschen in Ostdeutschland ein geringeres Eigenkapital, als im Westen, die Beziehungen nach China sind aber fast wichtiger, als für Westdeutschland. Dass das aus Virus aus China nach München getragen wurde, hängt also nicht mit der Wirtschaftsstruktur zusammen, sondern dürfte einfach Zufall sein.

Sind die Menschen im Osten einfach krisenfester?

Trabis am Grenzübergang Checkpoint Charlie in Berlin im November 1989
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Häufig ist aktuell die These vom bereits zweiten großen Umbruch zu hören. Die Menschen in Ostdeutschland haben bereits den Mauerfall miterlebt. Dieser Umbruch einer ganzen Gesellschaft, der sich innerhalb kürzester Zeit vollzogen hat und mit vielen verschiedenen Ängsten einhergegangen ist, müsse zwangsläufig zu einer größeren Widerstandskraft bei den Betroffenen führen. Sie könnten deshalb heute, 31 Jahre nach dem Mauerfall, besser mit der aktuellen Krise umgehen. Das Argument: Schon einmal erlebt zu haben, wie sich beinah täglich politische Entscheidungen ändern, die eigene Zukunft nicht sicher ist und gleichzeitig Berufe weitergeführt werden müssen, helfe dabei, auch heute solidarisch zu bleiben. Diese Annahme ist allerdings nicht unumstritten. Dem entgegen steht die Behauptung, Kontaktsperren seien in Ostdeutschland schwieriger durchzusetzen. Die Menschen in Ostdeutschland hätten sich eine Freiheit erkämpft, die es heute umso stärker zu verteidigen gelte. Manche würden deshalb eine Maskenpflicht oder Ausgangsbeschränkungen nicht einsehen.

Wie trifft Corona die ostdeutsche Wirtschaft?

Luftbild: Zukünftiger Betriebsstandort in Gruenheide für Tesla
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Die ostdeutsche Wirtschaft befindet sich in einer besonderen Situation: Zwar hat sich nach dem Mauerfall die Arbeitslosenzahl mittlerweile angeglichen. Dennoch sitzen die meisten großen Unternehmen weiterhin in Westdeutschland. Viele Menschen sind nach Westdeutschland abgewandert. Vor allem auf dem Land zeigt sich das noch heute. Gleichzeitig verzeichnen die Städte mittlerweile auch einen steigenden Zuzug. Dieser lässt sich vor allem auf zuziehende Studierende und einen moderaten Immobilien zurückführen. Dazu kommt, dass es in Ostdeutschland weitaus mehr ländliche Regionen gibt, als in Westdeutschland. Deshalb sind viele Regionen touristisch geprägt. Insbesondere Brandenburg ist in den vergangenen Jahren als Reiseziel immer interessanter geworden, auch für ausländische BesucherInnen. Die dünn besiedelten Regionen mit renaturierten Braunkohleregionen und einem wachsenden Ausbau der nachhaltiger Energietechnologien dürften diesen Trend weiter antreiben. Gleichzeitig gibt es einen Anstieg in der Batterieproduktion in Ostdeutschland, die besonders wichtig für die Produktion von Elektroautos sind. Tesla plant ein Werk in Brandenburg und VW will zukünftig E-Autos in Zwickau produzieren. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Dalia Marin sieht darin die Möglichkeit einer „Wiedergeburt der Ostdeutschen Industrie.“ Dabei ist es aber insbesondere der Dienstleistungssektor, der aufgrund der Auflagen besonders unter den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie leiden wird und der für Ostdeutschland besonders wichtig ist.

Wie trifft Corona ostdeutsche Kulturangebote?

Melt Festival Atmosphaere
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Besonders betroffen von der Corona-Pandemie dürften etwa Clubs, Musikevents, Kinos und Festivals sein. Die machen einen wichtigen Teil der ostdeutschen Kulturlandschaft aus. Einige der größten deutschen Festivals etwa finden in Ostdeutschland statt. Dazu gehören das Melt, das splash!, das Fusion-Festival, das SonneMondSterne (SMS), das Highfield und das RockenAmBrocken. Für Konzerte sieht es ein bisschen anders aus. Vor allem Open Air Konzerte finden mittlerweile vor allem in Dresden, Chemnitz und Leipzig unter Auflagen wieder statt.

Wie hat die ostdeutsche Politik auf Corona reagiert?

Auch wenn alle Bundesländer die Corona-Schutzmaßnahmen (Kontaktbeschränkungen, Maskenpflichten etc.) recht zeitgleich eingeführt haben, hat Ostdeutschland einen Vorteil. Der liegt darin, dass die ersten Fälle hier viel später registriert wurden und die Schutzmaßnahmen bereits gegriffen haben. Besonderes Beispiel ist allerdings die Stadt Jena. Hier wurde bereits am 06. April eine Maskenpflicht an öffentlichen Orten (Busse, Supermärkte) verhängt. Ein wissenschaftliches Diskussionspapier (der Universität Kassel, der TU Darmstadt, der Johannes Gutenberg Universität Mainz, der Universität Süddänemark, CESifo und IZA) legt nahe, dass durch diese Maßnahme immerhin für den Kreis Jena das Infektionsgeschehen stark eingeschränkt hat. Politiker wie Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) haben zeitig darauf hingewiesen, dass die Wirtschaftshilfen auch für den Osten angepasst werden müssten. Die seien bisher vor allem auf größere Unternehmen zugeschnitten. Bodo Ramelow warnte vor wenigen Tagen, der Osten Deutschlands laufe derzeit Gefahr, abgehängt zu werden. Er sagte:

Wir haben zwar inzwischen viele großartige Unternehmen mit Sitz in Thüringen. Aber in vielen Fällen sind wir immer noch die verlängerte Werkbank von Konzernen, die ihre Steuern im Westen zahlen. Wir sitzen quasi am Ende der Nahrungskette.

MDR JUMP-Talk im Osten: Wie kommt der Osten aus der Krise?

Darüber wollen wir am Donnerstag, 9. Juli, eine Stunde live im Programm von MDR JUMP sprechen. Durch die Sendung führt unsere MDR JUMP Morningshow-Moderatorin Sarah von Neuburg mit Co-Moderator Christian Bollert von der Initiative #wirsindderOsten. Als ihre Gäste kommen Sachsens Sozialministerin Petra Köpping, der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, Reint Gropp, der Präsident des Leibnitz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle sowie Matthias Winkler, Geschäftsführer der Leipziger Konzertagentur MAWI und Influencerin Valerie Schönian. Sie werden eine Stunde lang über die Auswirkungen auf das gesellschaftliche und politische Gefüge im Osten sprechen und darüber, welche Rückschlüsse Politiker ziehen sollten. Die Talkshow ist das Highlight einer MDR JUMP - Themenwoche vom 06. bis 10. Juli.

Mit Material von dpa.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP-Talk im Osten: Wie gut kommen wir aus der Corona-Krise? | 09. Juli 2020 | 20:00 Uhr

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