Warm anziehen: Worauf müssen sich Schüler und Lehrer im Winter einstellen?

Schüler sollten in kalten Monaten Schals und Decken mitbringen, warnen Lehrerverbände. Stoßlüften reiche aus und lasse auch Klassenzimmer nicht extrem abkühlen, sagen Mediziner.

Corona mit Lüften eindämmen: Gekippte Fenster an einem Schulgebäude
Corona mit Lüften eindämmen: Gekippte Fenster an einem Schulgebäude Bildrechte: imago images / Sven Simon

Lüften sei möglicherweise die "billigste und effektivste Maßnahme" gegen eine Ausbreitung der Corona-Pandemie, sagte Bundeskanzlerin Merkel letzte Woche. So soll vor allem in Klassenzimmern gut für Durchzug gesorgt werden, damit sich Schüler und Lehrer nicht gegenseitig anstecken. Doch Eltern und Lehrer blicken etwas besorgt auf die kommenden kalten Monate. Sie fürchten, dass Schüler und Pädagogen in kalten Klassenzimmern frieren und sich deutlich häufiger erkälten als bisher.

"In den Klassenzimmern werden ganz sicher nicht normale Temperaturen erreicht"

Schüler sollten in den kalten Monaten besser Pullover, Schals und Decken dabei haben, riet die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes Susanne Lin-Klitzing heute in einem Zeitungsinterview. Ähnlich sieht das Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes. Er sagte MDR JUMP:

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
Bildrechte: Deutscher Lehrerverband

Wenn Klassenzimmer wie empfohlen alle 20 Minuten gelüftet werden, dann sind am Tag mindestens 15mal die Fenster auf. Und wenn draußen Minusgrade herrschen oder es stark regnet, dann werden in den Klassenzimmer ganz sicher nicht die normalen Temperaturen erreicht.

Nicht alle Kinder seien daran gewöhnt, mit warmer Kleidung in einem kalten Klassenzimmer zu sitzen. In denen hielten selbst Wintersachen auf Dauer nicht warm. Damit könnten auch die Erkältungszahlen nach oben gehen. Der Lehrervertreter kritisiert, dass die Bildungspolitik bei dem Thema bisher untätig gewesen sei.

Man hätte bereits im Frühjahr oder spätestens im Sommer Vorsorge treffen müssen für das Lüftungsproblem. Es war klar, dass wenn nach den Sommerferien wieder in vollen Klassen unterrichtet wird und dass wir dann ein Hygieneproblem bekommen.

Ihm bereite Sorge, dass Schulen inzwischen wieder stärker in den Mittelpunkt des Infektionsgeschehens rücken. So haben sich in einigen Schulen trotz Lüften Lehrer und Schüler angesteckt.

"Das ist nur kurz kühl"

Die Medizinerin Dr. Corinna Pietsch hält den Tipp der Lehrerverbände gut, für den Ernstfall einen dicken Pullover in den Ranzen zu packen. Die Befürchtungen der Lehrervertreter teilt sie aber nicht. Die Leiterin der Krankenversorgung der Virologie der Uniklinik Leipzig sagte MDR JUMP:

Es geht nicht um dauerhaften Durchzug sondern um das Stoßlüften für den Luftmassenaustausch. Das sind kurze kühle Einheiten und die Kinder sitzen nicht stundenlang in unterkühlten Räumen. Zudem gehen Kinder ja auch im Herbst und Winter vor die Tür.

Ein Mund-Nasen-Schutz hängt an einer Schulbank
Bildrechte: imago images / Michael Weber

Allein vom regelmäßigen Lüften als Schutz vor Corona-Infektionen steige das Erkältungsrisiko nicht. Aus Sicht der Virologin wäre wünschenswert, wenn Klassenzimmer alle 20 bis 30 Minuten gelüftet werden.

Das wird sich aber im Schulalltag aber schwer machen lassen. Das ist jedes Mal eine Unterbrechung. Daher ist eher die Empfehlung, nach 45 Minuten ordentlich zu lüften. Das muss man aber etwas anpassen. Es kann Situationen mit vielen Aerosolen geben, wenn die Kinder viel reden und sich viel bewegen.

Dann müsse extra gelüftet werden. Das sei auch nötig, wenn Zimmer für richtig Durchzug vergleichsweise ungünstig geschnitten sind.

Wie oft sollen Klassenzimmer in der kalten Jahreszeit gelüftet werden?

In Sachsen ist das in der Allgemeinverfügung für Kitas und Schulen geregelt: "....sämtliche genutzte Räumlichkeiten sind täglich mehrfach gründlich zu lüften. Unterrichtsräume sollen darüber hinaus mindestens einmal während der Unterrichtsstunde, spätestens dreißig Minuten nach deren Beginn, gründlich gelüftet werden." So soll verhindert werden, dass Aerosole mit Viren lange in der Luft bleiben. Die Empfehlungen seien auch auf die kalten Jahreszeiten angepasst, so eine Sprecherin des sächsischen Kultusministeriums auf Anfrage von MDR JUMP. So stehe in der Verordnung:

Ob das Lüften während der Unterrichtsstunde mit einer kurzen Pause verbunden sein muss, ist von den örtlichen Gegebenheiten und der Witterung abhängig.

"Fenster sollen nicht dauerhaft offen bleiben"

Im Thüringer Hygieneplan für Schulen ist Lüften aller 45 Minuten vorgesehen, so das Bildungsministerium auf Anfrage von MDR JUMP. Die Schulen könnten selbst entscheiden, ob sie häufiger lüften lassen wollen. Ein Sprecher des Ministeriums betont, es ginge dabei nur um ein Lüften von wenigen Minuten. Die Fenster würden in der kalten Jahreszeit nicht dauerhaft geöffnet: "Bei funktionierenden Heizungen ist daher nicht davon auszugehen, dass Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte im Kalten Unterricht durchführen müssen." Man gehe daher nicht von einer erhöhten Gesundheitsgefahr für Lehrer und Schüler aus.

In kalten Jahreszeiten mindestens fünf Minuten lüften

Sachsen-Anhalt empfiehlt den Schulen im Hygieneplan, alle 20 Minuten mit komplett geöffneten Fenstern zu lüften. Das gelte auch für die Unterrichtsstunden. Im Sommer sollte mindestens zehn, in den anderen Jahreszeiten mindestens fünf Minuten gelüftet werden. Weitergehende Regeln für die kommende kalte Zeit gebe es nicht, so ein Sprecher des Bildungsministeriums auf MDR JUMP-Anfrage. Ein Einbau von Trennwänden aus Plexiglas oder Luftfiltern sei nicht geplant. Hier verweist das Bildungsministerium auf die Beratungen der Kultusministerkonferenz mit Experten (siehe unten).

Einheitliche Empfehlung vom Umweltbundesamt

Am Donnerstag will das Umweltbundesamt (Dessau-Rosslau) einen Leitfaden zum richtigen Lüften vorstellen. Das hatte das Amt den Bildungsministern der Länder zugesichert. Die hatten sich dazu bereits mit Wissenschaftlern aus Virologie, Hygiene und Strömungsmechanik beraten. Diese empfehlen, in Klassenzimmern im 20-Minuten-Takt für 3 bis 5 Minuten für Durchzug zu sorgen und während der Pausen auch noch die Türen für Durchzug zu öffnen.

"Einsatz von Luftfiltern unnötig"

In den Beratungen von Bildungsministerien und Wissenschaftler ging es auch darum, ob in den Klassenräumen mehr Technik eingebaut werden sollte. Die Luftfilter hat das Friedrichgymnasium Altenburg (Thüringen) gerade getestet. Die Ergebnisse des Tests sollen in dieser Woche vorgestellt werden. Einen flächendeckenden Einsatz mobiler Luftreinigungsgeräte wurde aus Sicht der Kultusministerkonferenz (KMK) nach den Gesprächen mit den Experten bisher grundsätzlich nicht für nötig befunden, sofern sich in den Räumen die Fenster richtig öffnen lassen. Das kritisiert Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband. Hier seien die Verantwortlichen über Monate untätig gewesen:

In Bayern wurde jetzt beschlossen, bis zu 50 Millionen Euro in solche Raumfilter zu investieren. Selbst dort wird es wohl nicht mehr gelingen, genügend Geräte her zu bekommen.

Der Deutsche Lehrerverband setzt sich dafür ein, die Schulen jetzt wenigstens schnell mit CO2-Messgeräten auszustatten. Die zeigen an, wenn die Raumluft sehr viel ausgeatmetes CO2 enthält. Dann steigt nach bisherigem Wissen auch die Gefahr stark, dass Aerosole mit Viren in der Luft schweben. Mit den Geräten könne einfacher kontrolliert werden, ob schon gelüftet werden müsse, so Lehrervertreter Meidinger. Die Geräte kosten ab 30 Euro aufwärts.

Mit Material von epd und dpa.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 12. Oktober 2020 | 17:40 Uhr

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