Sind die neuen Lockdown-Regeln ungerecht?

Warum müssen Tattoo- und Massage-Studios schließen, während Friseure weiter öffnen dürfen? Warum dürfen Gottesdienste stattfinden, aber Lesungen nicht? Die neuen Corona-Regeln haben nicht nur wissenschaftliche, sondern auch politische Gründe.

Eine Angestellte in einer Pizzeria hat einen Mundschutz an, während eine Kollegin auf der Theke ein Zettel zur Besucherregistrierung vorausfüllt.
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Das waren noch Zeiten! Wenn wir uns an, sagen wir, genau vor einem Jahr erinnern, dann war ein Wellenbrecher etwas, das uns im Ostseeurlaub untergekommen ist oder vielleicht im Spaßbad. Jetzt dagegen kommt der Wellenbrecher gegen Corona: Mit einem „Lockdown light“ will die Politik ab Montag die Voraussetzungen schaffen, dass die zuletzt massiv gestiegenen Covid-19-Fallzahlen in absehbarer Zeit wieder sinken.

Im Namen des Infektionsschutzes soll es den gesamten November über massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens geben. Seit dem Kanzlerin und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten sich Mitte der Woche auf die neuen Regeln geeinigt haben, gibt es allerdings teils massive Kritik. Die Maßnahmen träfen die Falschen und seien ungerecht, heißt es zum Beispiel.

Argumentation der Gastronomen ist schwierig

Da ist zum Beispiel die Kritik der Gastronomen. Sie verweisen darauf, dass sie in den vergangenen Monaten ausgefeilte Hygienekonzepte entwickelt haben – und dass sich laut den Statistiken bisher kaum Infektionen in Restaurants und Hotels ereignet haben. Warum macht man sie jetzt also trotzdem vier Wochen lang zu? „Das sind ein bis zwei Prozent, die wir da beitragen. Das heißt: Zu 98 Prozent geschehen die Infektionen woanders“, hat zum Beispiel der frühere Skisprung-Olympiasieger Jens Weißflog im Gespräch mit MDR JUMP geklagt, der in Oberwiesenthal im Erzgebirge ein Hotel mit Restaurant betreibt. Das Argument verwenden auch zahlreiche andere Gastronomen und deren Verbandsfunktionäre.

Das Problem daran ist nur: So ganz stimmt es wohl nicht. Denn die Statistik des Robert Koch-Instituts, auf die sich die Aussage beziehen sagt klar: Nur ein Viertel der darin ausgewerteten größeren Infektionen ließ sich überhaupt einer bestimmten Umgebung zuordnen. Bei dem Rest wissen wir es schlicht nicht. Und das Identifizieren von Infektionsketten fällt eben im eigenen Haushalt einfacher als bei Kontakten in Restaurants oder Verkehrsmitteln, die nicht nachzuverfolgen sind. Dass die Zahlen dort also wirklich so niedrig liegen, ist deswegen wohl ein Trugschluss.

Dem Virus ist es egal, wo es sich verbreitet

Maßgeblich für die konkreten Einschränkungen in jedem Land sind die Verordnungen dort. Da kann es, trotz der grundsätzlichen Einigung zwischen Bund und Ländern, im Detail auch kleine Unterschiede geben. Trotzdem bleibt die Frage: Wie gerecht sind die Pläne?

Sylvain Helaine alias   "Freaky Hoody", Grundschullehrer und Tattoo-Liebhaber aus Frankreich, gestikuliert während eines Fototermins
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Warum müssen zum Beispiel Tattoo- und Massage-Studios schließen, während Friseure weiter öffnen dürfen? Warum dürfen Gottesdienste stattfinden, aber Lesungen nicht? Warum darf man sich einen Film nicht im Kino ansehen, wohl aber die DVD aus der Bibliothek holen? Warum dürfen Restaurants Speisen außer Haus verkaufen, alkoholische Getränke wie Cocktails aber wohl nicht? Warum dürfen größere und mittlere Wirtschaftsunternehmen ihr Geschäft weiterführen, während Solo-Selbstständige aus dem Kulturbereich durch die aktuellen Regeln keine Chance dazu haben?

Eine wissenschaftliche Erklärung gibt es für all das nur in wenigen Fällen. Dem Virus ist es im schlechtesten Fall egal, ob es sich beim Friseur verbreitet oder beim Tattoo-Artist. Es unterscheidet nicht zwischen Gottesdienst und Gruselfilm. Die Liste, auf die sich Bund und Länder geeinigt haben, ist das Ergebnis vor allem politischer, und nicht in erster Linie wissenschaftlicher Erwägungen.

Sie hat aber, und das muss klar sein, ein klares wissenschaftliches Fundament: Es geht darum, für eine bestimmte Zeit die Kontakte zwischen den Menschen herunterzufahren. Denn dann sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Infektion. „Ohne solche Beschränkungen würde das weitere exponentielle Wachstum der Infiziertenzahlen unweigerlich binnen weniger Wochen zu einer Überforderung des Gesundheitssystems führen und die Zahl der schweren Verläufe und der Todesfälle würde erheblich ansteigen“, heißt es im Bund-Länder-Beschluss.

Corona-Regeln auch bisher nicht ohne Widersprüche

Um dieses Ziel zu erreichen, musste die Politik Abwägungen treffen. Und wie immer, wenn Entscheidungen getroffen werden, kann sich dabei jemand am Ende ungerecht behandelt fühlen. Vielleicht auch zu Recht. Die Ausnahmen für Gottesdienste lässt sich zum Beispiel mit der im Grundgesetz festgelegten Religionsfreiheit und der besonderen Rolle der Religionsgemeinschaften erklären. Deswegen kann man sich im November geistige Inspiration in der Kirche holen, bei Einhaltung der Hygieneregeln, aber nicht im Kunstmuseum. Das kann man nachvollziehbar finden - oder auch nicht.

Pfarrer Christoph Knoll von der Erfurter Thomasgemeinde steht neben einem improvisierten Altar auf dem Messe-Parkplatz in Erfurt.
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In Wahrheit waren die Corona-Regeln aber auch bisher schon nicht ohne Widerspruch. Beim Essen im Restaurant musste man im Zweifel seinen Namen angeben, auch wenn die Tische dort mit Abstand stehen. Bahnfahrkarten konnte man dagegen anonym kaufen, auch wenn dort womöglich der Sitznachbar sehr nah an einem dran sitzt. Oder, um noch einmal auf die Kirche zurückzukommen: Dort durfte aus Infektionsschutzgründen ja schon bisher nicht gesungen werden. Bordellbesuche waren dagegen bis jetzt möglich. Wie laut auch immer die dann jeweils abliefen. War das nun gerecht?

Auch das Offenhalten von Schulen und Kitas könnten manche ungerecht finden

Oberstes Ziel der Politik ist es, Schulen und Kitas in der zweiten Pandemiewelle in Deutschland offen zu halten. Das ist eine Lehre aus der Zeit der ersten strikten Maßnahmen im Frühjahr, als viele Familien an ihre Belastungsgrenze kamen - und oft auch darüber hinaus. Es diesmal anders zu machen, ist sinnvoll. Gerecht ist es deswegen nicht unbedingt, könnten Kinderlose einwenden, die wegen der aktuellen Corona-Regeln nicht oder kaum arbeiten können.

Solche Widersprüche auszuhalten, das ist vielleicht nicht immer einfach. Aber es war und ist Teil des Lebens, zumindest als Erwachsener. Das war schon immer so, das ist im Wellenbrecher-Monat November so. Und es wird auch danach so sein. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Wer weiß, wie viele solcher und ähnlicher Maßnahmen wir noch brauchen werden bis zum Ende der Pandemie. Die Politik hat versprochen, diesmal mit den Entschädigungen für von den Regeln betroffene großzügig zu sein. Vielleicht hilft ja zumindest diese Aussicht, auch als ungerecht empfundene Regeln zu akzeptieren, mit zusammengebissenen Zähnen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 29. Oktober 2020 | 19:10 Uhr

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