Waren die Corona-Warnungen ein "globaler Fehlalarm"?

Die „Bild“-Zeitung führt einen renommierten Pathologen aus Heidelberg als „zentrale Figur und Kronzeuge“ der Kritik an der Corona-Linie der Regierung an. Was ist an der Sache dran?

Um die Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus zu minimieren, bleiben jeweils zwei Plätze zwischen den Bundestagsabgeordneten frei.
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Bund und Länder haben im Kampf gegen die Corona-Pandemie im März und April harte Maßnahmen verhängt, die erst langsam wieder gelockert werden. Doch ist die Politik mit den verkündeten Einschränkungen womöglich über das Ziel hinausgeschossen? Hat der Kampf gegen die Seuche mehr Schaden angerichtet als er genutzt hat? Das sehen zumindest Kritiker so.

Waren die Corona-Maßnahmen ein "globaler Fehlalarm"?

Als Beleg dient ihnen auch ein 83-seitiges Positionspapier, das ein Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums angefertigt und in Berlin und anderswo verschickt hat - allerdings ohne offiziellen Auftrag und auf eigene Kappe. In dem Text beklagt der Referent, der sich normalerweise mit kritischen Infrastrukturen befasst, einen „globalen Fehlalarm“ und „gravierende Fehlleistungen des Krisenmanagements“ der Bundesregierung.

Das mit dem Fehlalarm kann man angesichts von - Stand Mittwoch - fast 300.000 Toten weltweit getrost vergessen. Über das Krisenmanagement der Regierung kann man natürlich sehr wohl sprechen.

Für das unautorisierte Verschicken des Papiers ist der Mann inzwischen vom Dienst suspendiert. Das Ministerium erklärte, das habe aber nichts mit einer „kritischen Meinung“ zu tun, sondern damit, dass er „unter dem Briefkopf des Bundesinnenministeriums“ den Anschein erweckt habe, „es handele sich um die Position des Hauses“.

Unautorisiertes Papier sorgt für Verwirrung

Der Verfasser des Papiers hatte sich zuvor zehn Experten ausgeguckt und diese um Input für seine ungefragte Ausarbeitung gebeten. Einer von ihnen war Peter Schirmacher, Chef-Pathologe der Uni Heidelberg. Die „Bild“-Zeitung führt ihn nun als „zentrale Figur und Kronzeuge“ des Ministeriums-Mitarbeiters an. Der Mediziner Schirmacher habe demnach in einem Statement gewarnt, „die Effekte getroffener Maßnahmen“ zur Virusbekämpfung in der medizinischen Versorgung „mehr schaden als nutzen“. Der Grund dafür: „Viele Betroffene suchen nicht/zu spät den Arzt auf.“

Schirmacher warnt nun der Zeitung zufolge außerdem, nur durch eine „kompetente Gesamtbetrachtung aller medizinischen Effekte“ sei es Innen- und Gesundheitsministerium möglich, „die Richtigkeit und Angemessenheit der getroffenen Maßnahmen“ zu prüfen. Das habe aber bisher „nicht stattgefunden“.

Die „Bild“-Zeitung bezeichnet Schirmacher, der als Spezialist für auch von Viren verursachte Tumorerkrankungen der Leber ist, als Mitglied der Leopoldina. Das ist er auch tatsächlich seit dem Jahr 2012. Allerdings gehört er nicht zu derjenigen Arbeitsgruppe der Nationalen Akademie der Wissenschaften, die ihren Sitz in Halle hat, in der regelmäßig die Stellungnahmen für die Regierung zur Bewertung der Lage in der Corona-Krise verfasst werden. Auch in der fachübergreifenden Übersicht der Leopoldina über Expertinnen und Experten in der Corona-Pandemie taucht sein Name nicht auf. Das heißt etwas vereinfacht gesprochen: Schirmacher ist ein renommierter Wissenschaftler, zu den Kapazitäten beim Thema Covid-19 zählt die Akademie ihn nicht.

Dem „Focus“ hat der Pathologe erklärt, der Ministeriumsmitarbeiter habe seine Anfrage „offiziell per Dienstmail“ an ihn gestellt. Deswegen sei er auch davon ausgegangen, „dass es sich um eine amtliche Anfrage handelt“. Zu seiner fachlichen Einschätzung des Krisenmanagements wollte sich Schirmacher dem „Focus“ gegenüber nicht äußern. Er habe seine Einschätzung „in nichtöffentlicher Form“ für das Innenministerium angefertigt, stehe jedoch zu seinen medizinischen Einschätzungen.

Corona-Maßnahmen haben auch negative Effekte

Dass die Corona-Maßnahmen auch negative Effekte in anderen Bereichen hatten, steht im Übrigen außer Zweifel. Das sehen auch andere so. Im Bereich des wirtschaftlichen Lebens ist das offensichtlich, wie man an Kurzarbeiterzahlen und Konjunkturindikatoren ablesen kann. Welche Folgen es konkret etwa im medizinischen Bereich gab, lässt sich nicht so einfach beziffern. In dem Papier des suspendierten Ministeriumsmitarbeiters heißt es, durch abgesagte Operationen und nicht erfolgte Behandlungen seien einige Zehntausend Patienten gestorben - womöglich "bis zu 125.000". Allerdings findet sich auch die Formulierung: "Die voraussichtliche Sterberate lässt sich nicht seriös einschätzen." Also: Nichts Genaues weiß man nicht.

Klar ist: In Krankenhäusern sind zur Hochphase der Pandemie viele Aktivitäten heruntergefahren worden, die nichts mit Covid-19 zu tun hatten – um Kapazitäten frei zu haben, wenn sie gebraucht werden. „Es muss sich niemand sorgen, dass seine dringende OP verschoben wird", hatte die Deutschen Krankenhausgesellschaft klargestellt. Auch Krebsbehandlungen, zum Beispiel, wurden längst nicht komplett heruntergefahren. Aber viele Herz-, Hüft- oder Knie-OPs wurden verschoben, das kann selbstverständlich auch negative Folgen für die betroffenen Patienten gehabt haben.

Nun werden die Kapazitäten auch jenseits des Pandemie-Betriebs gerade wieder hochgefahren. Die „Bild“ zitiert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: Er habe bereits im April zum „neuen Klinik-Alltag“ mit mehr Operationen für Nicht-Corona-Patienten aufgefordert, heißt es da.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 13. Mai 2020 | 10:00 Uhr

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