Kassenärzte fordern: Corona-Maßnahmen für Geimpfte aufheben

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung fordert bis spätestens September das Ende der Maßnahmen für vollständig Geimpfte. So soll die Impfmoral erhöht werden.

Durchgestrichen mit orangem Klebeband ist ein Schild mit der Aufschrift „Maskenpflicht - Cover your mouth and nose!“ in der Innenstadt
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Bis September soll jeder Impfwillige auch ein Impfangebot erhalten. Wenn es nach dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Andreas Gassen geht, sollen spätestens dann die Corona-Maßnahmen für vollständig Geimpfte wegfallen:

Mancher wird sich sonst fragen: Warum sollte ich mich impfen lassen, vielleicht zwei Tage Kopfweh oder andere Impfnebenwirkungen in Kauf nehmen und etwas für die Herdenimmunität tun, wenn ich weiterhin Maske tragen muss, nur weil sich 20 bis 30 Prozent der Leute weigern.

So könnten geimpfte Menschen individuell entscheiden, ob sie eine Maske tragen möchten oder nicht. Pflicht sollte es aber nicht mehr sein, so Gassen. Das Ende der Corona-Maßnahmen würde schließlich vor allem der Impfbereitschaft guttun.

WHO: Geimpfte sollen weiterhin Masken tragen

Zuletzt hatte die WHO noch an Geimpfte appelliert, trotz des Impffortschritts weiterhin eine Maske zu tragen und auf die bisherigen Hygienemaßnahmen zu achten. Ihr Risiko für eine schwere Erkrankung sei zwar durch die Impfung stark reduziert, doch so sollten vor allem Menschen ohne Impfschutz oder vorherige Erkrankung geschützt werden.

Vor dem Hintergrund der Delta-Variante, der bisher ansteckendsten Mutation des Coronavirus, sagte Mariangela Simao von der WHO gegenüber CNBC: "Die Impfung allein wird die Übertragung in der Gesellschaft nicht stoppen."

Fast die Hälfte der Deutschen ist doppelt geimpft

Aktuell sind in Deutschland rund 40 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft. Vollständig geimpfte Menschen haben nach bisherigen Erkenntnissen auch bei der aktuellen Virusvariante einen hohen Schutz vor einem schweren Verlauf. Viele Menschen erscheinen jedoch nicht zu ihrer Zweitimpfung, die den Schutz vor der Delta-Variante deutlich erhöht. Laut dem Virologen Christian Drosten ist der Impfschutz sowohl bei der ursprünglichen Variante – der sogenannten Alpha-Variante – vergleichbar mit dem Schutz vor der neuesten Mutation:

Wenn jemand vollständig geimpft ist, ist er zu 92 Prozent geschützt, wenn es ein Alpha-Virus ist. Bei einem Delta-Virus ist er zu 94 Prozent geschützt.

Die zahlreichen nicht eingehaltenen Termine hatten eine Debatte zu möglichen Bußgeldern entfacht. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte nun, dass es wichtig sei, die wertvollen Impftermine auch wahrzunehmen – und rechtzeitig abzusagen, wenn sie nicht eingehalten werden können. Strafen für die sogenannten „Impfschwänzer“ würde die Bundesregierung aber nicht vorsehen.

Auch Quarantänepflicht für Reiserückkehrer steht in der Kritik

Auch wenn die Inzidenz in anderen Ländern wie Portugal oder Großbritannien wieder ansteigt, liegt sie in Deutschland stabil bei 5. In Mitteldeutschland ist sie sogar noch niedriger. Für einige vollständig geimpfte Reiserückkehrer aus Virusvarianten-Gebieten gilt nach ihren Urlaubstagen trotzdem die Quarantänepflicht. Der Hallenser Epidemiologe Alexander Kekulé weist dabei vor allem auf die geringe Viruslast geimpfter Menschen hin – und appelliert an die Vernunft der Bürger ohne Eingreifen der Regierung durch eine Quarantänepflicht:

Sobald das Virus anfängt, sich zu verändern, wird es gelegentlich immunologische Durchbrüche geben. Das heißt, Menschen, die geimpft sind oder die Krankheit durchgemacht haben, die können sich nochmal infizieren. Ja. Die werden dann aber nicht so schwer krank, die infizieren sich seltener, und die werden typischerweise keine Hoch-Virusausscheider.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 05. Juli 2021 | 06:00 Uhr

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