Wo das Corona-Infektionsrisiko am größten ist

Wie groß ist das Risiko, sich in einer bestimmten Situation mit dem Sars-CoV-2-Erreger anzustecken? Forscher haben einige Ratschläge.

Ein Mann stemmt Hanteln mit Mundschutz
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Durch die Corona-Krise sind viele von uns unfreiwillig zu Virologen geworden. Wir wissen inzwischen viele Dinge, die wir vorher nicht wussten – und die wir, wenn wir ehrlich sind, auch nie wissen wollten. So ist es zum Beispiel mit der Reproduktionszahl. Die galt lange Zeit als so eine Art Maßzahl der Pandemie. Sie steht für die Anzahl an gesunden Menschen, die jeder Covid-19-Erkrankter im Durschnitt ansteckt. Zu Beginn der Pandemie lag der Wert bundesweit teilweise über mehr als 3, inzwischen hat er sich bei unter 1 eingependelt. Die Welle scheint also vorerst abzuebben.

Entscheidend ist allerdings die Sache mit dem Durchschnitt, gerade auch für die nächste Zeit. Das Land tastet sich ja langsam wieder in die Normalität zurück: Läden, Schulen, Museen öffnen, alle mit neuen Sicherheits- und Hygienekonzepten. Und viele von uns fragen sich: Wie groß ist das Risiko, sich in einer bestimmten Situation vielleicht eben doch mit dem Sars-CoV-2-Erreger anzustecken?

Ist Corona nicht bei allen gleich ansteckend?

Durchschnittlich ist das Risiko gering. Aber Wissenschaftler haben in den vergangenen Wochen herausgefunden, dass es aber längst nicht immer gleich verteilt ist. Manche Infizierte – sogenannte Superspreader - stecken extrem viele bis dahin Gesunde an, während wieder andere für gar keine Neuinfektionen sorgen. Forscher sagen: Bei Covid-19 gibt es oft sogenannte Cluster, in denen die Erkrankung auftritt.

Ein paar solcher Cluster gingen in den vergangenen Wochen durch die Medien: die Après-Ski-Bar in Kitzbühel, die Karnevalssitzung in Gangelt, ein Fußballspiel in Italien, die Familienfeiern, die für die Infektionen im thüringischen Landkreis Greiz gesorgt haben und zuletzt die Infektionen in verschiedene Schlachthöfen, vor allem in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Aber auch in weniger bekannten Fälle wie einer Chorprobe in den USA, bei Nachtclubbesuchern in Südkorea oder Wanderarbeitern in Singapur gab es Ausbrüche, deren Intensität weit über dem Durchschnitt lag.

Diese Fälle haben Gemeinsamkeiten, die zeigen: Es gibt offenbar Orte und Situationen, da ist das Covid-19-Infektionsrisiko höher als an anderen. Aus Sicht von Forschern hat das wohl damit zu tun, dass potentielle Opfer dort einer besonders hohen Virusdosis ausgesetzt sein können. Eine Faustregel scheint zu lauten: Drinnen ist problematischer als draußen. Und viele Menschen sind gefährlicher als wenige.

Wenn die Luft nicht ausgetauscht wird, steigt das Infektionsrisiko

Überdurchschnittlich viele Übertragungen gibt es laut mehreren Studien im Haushalt, aber auch in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim gemeinsamen Essen in Restaurants. Das mag zunächst wenig verblüffend erscheinen: Wer mit einem Covid-19-Patienten dicht zusammenlebt, wird überdurchschnittlich oft selber krank. Dasselbe gilt aber auch, wenn man mit den Betroffenen längere Zeit auf engem Raum zusammen ist.  

Das könnte damit zu tun haben, dass Erkrankte beim Niesen und Husten, aber auch schon beim Sprechen und Atmen Viren in die Umgebungsluft abgeben. Und wird diese nicht immer mal ausgetauscht, können sie sich dort sammeln – solange, bis genügend für eine Infektion vorhanden sind.

Aber bereits in den Familien gibt es interessante Unterschiede, so werden Ehepartner häufiger infiziert als Kinder. Das kann damit zu tun haben, dass der Mann oder die Frau die Pflege übernehmen und damit deutlich mehr mit dem Erkrankten zu tun haben.

Eher kurze Kontakte - etwa beim Einkaufen – können im Prinzip auch zu einer Infektion führen, das Risiko scheint aber geringer. Zumindest, wenn man sich an Maskenpflicht und Abstandsregeln hält. Dagegen könnten Großraumbüros – gut untersucht sind die Infektionen bei einem deutschen Autozulieferer oder in einem südkoreanischen Callcenter aus infektiologischer Sicht ein Problem sein.

Fitnessstudios: Je intensiver der Workout, desto höher das Infektionsrisiko?

Als ebenfalls nicht unproblematisch gelten Fitnessstudios. Auch hier gibt es eine interessante Studie aus Südkorea. Sie belegt, dass bei Infektionen in mehreren Sportclubs dort nicht nur die Frage eine Rolle spielte, wie groß und wie voll die jeweiligen Räume waren. Entscheidend war auch die Frage, wie intensiv der trainierte Sport war: Bei schweißtreibenden Workouts – vermutlich wurde dabei auch tiefer eingeatmet – gab es vergleichsweise viele Infektionen über die Luft, bei ruhigeren Beschäftigungen wie Yoga und Pilates dagegen nicht.

Yoga im Freien mit Abstand, das sollte also eigentlich kein Problem sein. Pumpen in einer vollgepackten Muckibude schon eher. Aber es ist eben auch sehr schwer, generelle Regeln zu formulieren, die für alle passen: Das sieht man zum Beispiel an Flugzeugen. Hier kann es einerseits passieren, dass viele Menschen auf engem Raum sitzen. Das wäre problematisch. Andererseits wird die Luft ständig gefiltert, wobei Viren entfernt werden. Das klingt wiederum gut. Nur nützt das leider nichts, wenn einem am Ende doch jemand ins Gesicht hustet oder niest. Was also tun? Abstandsregeln wären eine Möglichkeit, sind aber für die Fluggesellschaften schwierig, weil sie mit einem Flug nicht genug Geld verdienen, weil ein Gutteil der Sitze leer ist.

Aktuell gibt es Hinweise darauf, dass die Infektionen mit dem Coronavirus vergleichsweise ungleich verteilt sind. Das heißt: Oft passiert nichts – aber wenn etwas passiert, kann es zu einer massiven Verbreitung kommen. Doch die Reproduktionszahl bildet das nicht ab, sie ist ja nur ein Durchschnittswert. Und das heißt auch: Nur wer auf Hygiene- und Abstandsregeln achtet, kann verhindern, unabsichtlich selbst zum Superspreader zu werden. Und noch einer Erkenntnis lässt sich daraus ableiten: Die Verbote von Großveranstaltungen mit vielen Teilnehmern waren nicht nur sinnvoll, um die Pandemie im ersten Schritt in den Griff zu bekommen. Sie werden auch weiter nötig sein, um ein Wiederaufflammen zu verhindern.

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